Guldimann, übernehmen Sie!

Die Schweiz hat derzeit den Vorsitz der OSZE. Nun hat Bundespräsident Burkhalter vor dem UNO-Sicherheitsrat dargelegt, wie er in der Ukraine vermitteln will. Sein Gesandter Tim Guldimann reist sofort nach Kiew.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eben noch hat Tim Guldimann versucht, den Deutschen unsere Volksrechte und die direkte Demokratie zu erklären. Der Schweizer Botschafter hatte – als überzeugter Europäer – die etwas unangenehme Aufgabe, den deutschen Politikern und Fernsehzuschauern das Schweizer Ja zur Einwanderungsinitiative der SVP zu erklären. Dies war jedoch eine rhetorische Fingerübung im Vergleich zum Job, den Guldimann nun gefasst hat: Ab sofort ist er der persönliche Gesandte von Bundespräsident Didier Burkhalter und damit des gegenwärtigen Vorsitzenden der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Der Schweizer Aussenminister hat dies am Montag vor dem UNO-Sicherheitsrat in New York bekannt gegeben.

Burkhalter schlug ausserdem eine internationale Kontaktgruppe vor, in der nicht nur die Ukraine, sondern auch die EU, die USA und vor allem Russland vertreten sein sollen. «Die OSZE verfügt wegen ihrer Unbefangenheit über die nötigen Eigenschaften, um diese Gruppe zu beherbergen und zu moderieren.»

Erfolgreiche OSZE-Mission in Tschetschenien

Ein Erkundungsteam der OSZE ist bereits in Kiew eingetroffen, um in den kommenden Tagen die Lage einzuschätzen, wie Burkhalter in New York weiter sagte. «Es ist dringend notwendig, zwischen allen beteiligten Parteien Vertrauen aufzubauen.» Ausserdem soll das Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte, eine Unterorganisation der OSZE, das Massaker während des Umsturzes in Kiew untersuchen und die «nationale Aussöhnung in der Ukraine erleichtern.»

Die Wahl Guldimanns als Vermittler in der Ukraine ist nachvollziehbar. Der 63-jährige Diplomat kennt Osteuropa und spricht Russisch. Ein Höhepunkt seiner Laufbahn war ein früheres Mandat der OSZE in der Region: Von 1996 bis 1997 leitete er als Botschafter in Moskau die OSZE-Mission in Tschetschenien, wo er den ersten Friedensvertrag aushandelte, der dann allerdings später scheiterte.

Am Tisch mit Jelzin und Jandarbijew

Aus dieser Zeit stammt eine Anekdote, die zeigt, was Guldimann unter angewandter Diplomatie versteht: Er hatte ein Treffen zwischen dem russischen Präsidenten Boris Jelzin und dem tschetschenischen Separatistenpräsidenten Selimchan Jandarbijew vermittelt, wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtete. Im Kreml nahm also Jelzin am Kopfende des Tisches Platz, wies auf die Seite und herrschte den Tschetschenen an: «Setz dich!» Der stolze Rebell aus dem Kaukasus wollte jedoch mit gebührender Achtung behandelt werden und machte keine Anstalten, den Platz eines Bittstellers einzunehmen. Guldimann erkannte, dass das Treffen zum Scheitern verurteilt war, wenn er nicht sofort reagierte, und er bat Jelzin, dem Gast den Stuhl am Kopfende anzubieten. Jelzin verstand, setzte sich selbst auf die Tischseite und forderte seinen Widersacher höflich auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen.

Erfahrung bringt Guldimann also mit, zumal er auch die OSZE-Mission in Kroatien (1997–1999) und in Kosovo (2007–2008) geleitet hat. Von 1999 bis 2004 war er zudem Botschafter in Teheran, ein besonders delikater Posten, da die Schweiz im Iran auch die Interessen der USA vertritt. Dem Vernehmen nach soll Guldimann mit seinen Vorschlägen, um zwischen den Erzfeinden zu vermitteln, nicht immer auf Wohlwollen gestossen sein in Washington.

Schwierigere Aufgabe als in Tschetschenien

Trotzdem setzt Burkhalter auf den Praktiker Guldimann, zumal er als Dozent für Aussenpolitik an verschiedenen Universitäten die Regeln der Verhandlungskunst auch aus dem Lehrbuch kennt. Wichtig war indes wohl auch, dass Guldimann ein Mann ist. Trotz der bemerkenswerten Rückkehr von Julija Timoschenko auf den Maidan am Samstagabend gilt die ukrainische Gesellschaft als machoesk. Selbst eine ausgewiesene Schweizer Diplomatin – und davon gibt es einige – hätte deshalb wohl mit noch mehr Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt als ein männlicher Kollege.

Die Aufgabe hat es ohnehin in sich und ist wohl auch deutlich schwieriger als jene in Tschetschenien. Denn diesmal werden sich nicht nur zwei Kontrahenten um den besten Platz am Verhandlungstisch streiten.

Erstellt: 24.02.2014, 18:19 Uhr

Artikel zum Thema

Schweizer Spitzendiplomat vermittelt in Kiew

Der OSZE-Vorsitzende Didier Burkhalter schlägt Tim Guldimann als Vermittler für die Ukraine vor. Der Schweizer Botschafter in Berlin ist in diesem Geschäft kein Unbekannter. Mehr...

Eine bittere Rückkehr

Tageskommentar Sie hat alles richtig gemacht. Doch Julija Timoschenko sieht nicht, dass man sie in der Politik der Ukraine nicht mehr braucht – oder besser: nicht mehr will. Mehr...

«Der IWF will ein Sparprogamm für die Ukraine»

Interview Ukraine-Experte Felix Hett sagt, was passieren muss, damit die Ukraine ein nachhaltiges politisches Fundament erhält. Ein grosses Fragezeichen setzt er über die Finanzierung der Staatsschulden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Ein Fehltritt mit Folgen

Eine kleine Unaufmerksamkeit, ein bisschen Pech – ein Unfall ist schnell passiert. Zum Glück hat die Suva die Kosten im Griff.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...