«Hätte Wladimirs Vater bloss ein Kondom benutzt»

Hamsterkäufe, Protestmärsche, selbst Brot wird teurer: Jetzt schlägt die Wirtschaftskrise in der Ukraine voll durch. Die Bevölkerung reagiert auch mit Galgenhumor.

Ankämpfen gegen die Krise: Das Titelbild der Facebook-Gruppe, die für ein landesweites «Festival der Panik und Hysterie» wirbt. (Fotomontage: Facebook)

Ankämpfen gegen die Krise: Das Titelbild der Facebook-Gruppe, die für ein landesweites «Festival der Panik und Hysterie» wirbt. (Fotomontage: Facebook)

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Was würden Sie tun, wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten? A. Dem Vater Putins ein besseres Kondom geben. B. Griwna wechseln. C. Die Heimat wechseln. Mit Galgenhumor gegen die Krise ankämpfen, das versucht eine ukrainische Facebook-Gruppe. Am 21. März soll das landesweite «Festival der Panik und Hysterie» steigen. Mehr als 30'000 Gäste haben sich bereits angemeldet – zumindest virtuell.

«Importierte Tasche von Hugo Boss zu verkaufen.» Bild: Facebook

Die Facebook-Gemeinde trauert mehr oder weniger originell all den schönen ausländischen Produkten nach, die sie sich seit dem Zerfall der Landeswährung Griwna einfach nicht mehr leisten kann. Die Griwna hatte in den letzten zwölf Monaten die schlechteste Performance aller Währungen der Welt. Stabil bei etwa 1:8 lag ihr Kurs im Vergleich zum Dollar vor Ausbruch der Maidan-Proteste während mehrerer Jahre. Inzwischen ist er bei 1:34 angelangt. Offiziell, auf dem Schwarzmarkt wird mit 1:40 und schlechter gehandelt. Vor dem Sitz der Nationalbank wird demonstriert. Premierminister Jazenjuk schimpft auf die Chefbankerin und die «Spekulanten».

Die Entwicklung der Griwna im Vergleich zum Dollar in den letzten drei Jahren. (Quelle: Bloomberg)

Auf Facebook mögen sie spotten, doch ein grosser Teil der Bevölkerung ist durch die Krise in seiner Existenz bedroht. Täglich erreichen sie neue Horrormeldungen. Es sind keineswegs nur die Importprodukte, die immer teurer werden. Letzte Woche hat die Kiewer Grossbäckerei bekannt gegeben, dass die Preise ihrer Brotsorten im Schnitt um 10 bis 12 Prozent steigen. Es ginge nicht anders, so die Kommunikationsabteilung des Unternehmens. Allein im letzten Jahr hätten sich die Preise für Mehl, Butter und Zucker massiv erhöht.

Im Netz tauchen Bilder leerer Regale in Lebensmittelgeschäften auf. Lokale Medien melden, dass Grossverteiler damit begonnen hätten, die Verkaufsmengen für Grundnahrungsmittel zu begrenzen. Hamsterkäufe sollen dadurch verhindert werden.

Hinweis an die Kunden in einem Kiewer Supermarkt.

Neben den Preisen für Lebensmittel steigen auch die Preise öffentlicher Leistungen. Am Donnerstag wurde bekannt gegeben, dass die Strompreise ab 1. April um 20 Prozent steigen. Schrittweise sollen sie bis 2017 gar um das Dreieinhalbfache zulegen. Veränderungen im gleichen Rahmen wurden letzte Woche auch für den Gaspreis und die Heizkosten angekündigt. Eine Fahrt mit der Kiewer Metro kostet seit Anfang Jahr das Doppelte. Finanziellen Spielraum, diese Entwicklung auszugleichen, haben die meisten Haushalte nicht. Für Rentner und Menschen mit mittleren und tiefen Einkommen machen die Wohnnebenkosten bereits heute einen Grossteil des Budgets aus.

40 Prozent der Ukrainer geben in Umfragen an, sie fühlten sich arm. Diese Woche informierte einer der grössten TV-Sender des Landes die Bevölkerung, dass der Wert des ukrainischen Mindestlohnes in Dollar inzwischen unter das Niveau von Armutsstaaten in Asien und Afrika gefallen sei. Weniger als 40 Dollar betrage demnach der Monatslohn eines einfachen Arbeiters (1218 Griwna). Gewohnt ist man sich anderes. Innerhalb der Sowjetunion war die Ukraine eine der privilegierteren Regionen. Vor der Unabhängigkeit bewegte man sich auf einem Niveau mit Polen.

Land der Selbstversorger

Verzicht auf Importprodukte, Rückbesinnung auf einheimische Ware oder billigere Ersatzprodukte, so werde die Bevölkerung auf die Teuerung reagieren, sagt die Chefin einer grossen Unternehmensberatungsfirma in der Zeitung «Korrespondent».

Treffend gewählt ist in diesem Zusammenhang auch die Fotomontage auf der Startseite der eingangs erwähnten Facebook-Gruppe «Festival der Panik und Hysterie»:

Es zeigt Menschen, die mit einfachsten Mitteln einen Gemüsegarten bestellen. Selbst Familien in den grossen Städten verfügen häufig über ein kleines Stück Land, auf dem Kartoffeln, Kohl oder Randen angebaut werden. Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben viele Ukrainer, nicht nur aus Not, sondern auch aus Gewohnheit, die teilweise Selbstversorgung beibehalten. In der Krise könnte dies nun ihre Rettung sein.

Erstellt: 26.02.2015, 21:24 Uhr

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