Hashim Thaci: Mörder und Organhändler?

Zwei Tage nach der Wiederwahl von Kosovos Ministerpräsidenten Hashim Thaci hat der Europarat ihm ungeheure Verbrechen vorgeworfen. Dahinter steht der Schweizer Dick Marty.

Unter Verdacht: Der Premier von Kosovo.

Unter Verdacht: Der Premier von Kosovo. Bild: Keystone

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Der Regierungschef des Kosovo, Hashim Thaci, soll einem Bericht des Europarats zufolge Ende der Neunzigerjahre der Chef einer mafiaähnlichen Organisation gewesen sein. Der Ministerpräsident soll unter anderem in Organ-Handel, Auftragsmorde und andere Verbrechen verwickelt gewesen sein. Dies geht aus einem am Dienstag veröffentlichten vorläufigen Bericht des Europaratsabgeordneten und Tessiner FDP-Ständerats Dick Marty zuhanden des Europarats hervor. Westliche Länder hätten von den Verbrechen gewusst, diese aber ignoriert. Deshalb seien sie mitschuldig.

Ungeheuerliche Vorwürfe

Marty schrieb in dem Bericht von erheblichen Beweisen, dass die UCK nach dem Kosovokrieg 1998–99 im Norden Albaniens Serben sowie einige Kosovo-Albaner in geheimen Gefängnissen «unmenschlicher und erniedrigender Behandlung ausgesetzt habe, bevor sie schliesslich verschwanden». In einer Klinik seien Gefangenen Organe entnommen worden, die anschliessend auf dem internationalen Schwarzmarkt an ausländische Kliniken verkauft worden seien. Diese Aktivitäten seien von UCK- Führern mit Verbindung zum organisierten Verbrechen organisiert worden und würden «bis heute in anderer Form andauern», schrieb Marty.

Der Abgeordnete verwies auf Ermittlungen der EU-Mission EULEX, die im Oktober in der Medicus Klinik in Pristina fünf Personen, darunter Ärzte und einen Beamten des Gesundheitsministeriums, unter dem Vorwurf des Organhandels und illegaler medizinischer Tätigkeiten festgenommen hatte.

«Der Boss» der Drenica-Gruppe?

Marty nannte ausdrücklich Thaci als «den Boss» der Drenica-Gruppe, einer «kleinen, aber unvorstellbar mächtigen Gruppe von UCK-Mitgliedern», die seit dem Jahr 1998 die organisierte Kriminalität unter ihre Kontrolle gebracht habe. Die diplomatische und politische Unterstützung der USA und anderer westlicher Länder habe Thaci nach dem Kosovokrieg den Eindruck gegeben, «unberührbar» zu sein, schrieb Marty.

Anlass für Martys Bericht waren ähnliche Vorwürfe der ehemaligen Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien, Carla Del Ponte, in ihrer Autobiographie, die im Jahr 2008 erschienen war. Sie hatte dafür aber nie Beweise vorgelegt.

Dementi – und Klagen angedroht

Thacis Demokratische Partei (PDK) bezeichnete am Dienstag in einer Erklärung die Vorwürfe Martys als «Lügen», die auf «unbewiesenen und erfundenen Tatsachen» beruhten. Das Ziel des Berichts sei es, die UCK und ihre Führer zu schädigen.

Die Partei kündigte an, «alle möglichen und notwendigen Schritte zu unternehmen, um Martys Lügen zu begegnen, einschliesslich rechtlicher Schritte». Thaci hatte sich erst am Montag zum Sieger der ersten Wahl seit der Unabhängigkeit des Gebiets von Serbien erklärt. Kosovo gehört zu den ärmsten Ländern Europas. (raa/AFP)

Erstellt: 15.12.2010, 06:35 Uhr

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