Ehec-Spur führt in den «Kartoffel-Keller»

Bei der Suche nach dem Auslöser der Ehec-Infektionswelle ist ein Restaurant in Lübeck ins Visier der Behörden gerückt. Dort haben sich offenbar mehrere Gäste infiziert, eine Frau starb.

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Wie die «Lübecker Nachrichten» berichteten, erkrankten 17 Menschen aus mehreren Besuchergruppen nach dem Besuch des Lokals. Der Mikrobiologe Werner Solbach sagte der Zeitung, das Restaurant treffe keine Schuld: «Allerdings kann die Lieferantenkette möglicherweise den entscheidenden Hinweis geben, wie der Erreger in Umlauf gekommen ist.»

Die schleswig-holsteinischen Behörden erklärten, sie gingen dem Fall nach. Der Bericht der Zeitung sei «überzogen», sagte ein Sprecher des Verbraucherschutzministeriums in Kiel.

Zu den Betroffenen zählen Teilnehmerinnen eines Treffens der Deutschen Steuergewerkschaft, wie deren Vorsitzender Dieter Ondracek heute bestätigte. Demnach infizierten sich acht Mitglieder einer Gruppe, die am 13. Mai das Restaurant besuchte. Vier von ihnen seien schwer erkrankt. Eine Frau sei gestorben, sagte er.

Keine Erkrankungen unter den Angestellten

Das Restaurant sei deshalb ins Visier der Behörden geraten, weil am 13. Mai dort auch eine dänische Besuchergruppe gegessen habe, von denen sich einige ebenfalls mit Ehec infiziert hätten. Gemäss dem Mikrobiologen Solbach erkrankte zudem ein Kind aus Süddeutschland, das das Restaurant ebenfalls besucht hat.

Der Besitzer des Restaurants «Kartoffel-Keller», Joachim Berger, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, in seinem Restaurant seien keine Erreger festgestellt worden. «Unsere Leute essen ja dasselbe. Und keiner von unseren Mitarbeitern ist krank.» Berger muss sich nun darauf einstellen, dass in seiner Gaststätte alles auf den Kopf gestellt werden wird.

Jede Gabel wird inspiziert

«Hier wird wirklich akribisch, detektivisch jede Schublade, jede Gabel, jedes Lebensmittel einmal umgedreht», sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure, Martin Müller. Denn selbst Wochen nach einer Ehec-Infektion könne der Keim an einer Quelle noch nachgewiesen werden, solange die Umgebung das Wachstum eines Erregers begünstige.

Das Gesundheitsministerium in Berlin bestätigte, dass es Untersuchungen des Robert-Koch-Institutes (RKI) in einem Lokal in Lübeck gegeben habe. Ergebnisse lägen aber noch nicht vor, sagte ein Sprecher.

Hamburger Hafengeburtstag unverdächtig

Vermutungen, nach denen der Hamburger Hafengeburtstag für den Ehec-Ausbruch verantwortlich ist, wiesen die Behörden zurück. RKI-Experten hätten bereits vor zehn Tagen das Hafenfest als Auslöser der Ehec-Welle ausgeschlossen, erklärte die Hamburger Gesundheitsbehörde.

Das RKI betonte, solche Pressemeldungen «decken sich nicht mit den Erkenntnissen des RKI und stehen im Widerspruch zum epidemiologischen Profil des Ausbruchs».

Heute hatte das Nachrichtenmagazin «Focus» vorab berichtet, der Ausbruch falle womöglich mit dem Hamburger Hafengeburtstag Anfang Mai zusammen. Diese These werde intern beim RKI favorisiert.

2500 Fälle

Hamburg und Schleswig-Holstein, wo Lübeck liegt, sind am stärksten von den Ehec-Infektionen betroffen. Bis Freitag wurden in ganz Deutschland über 1700 Ehec-Infektionen registriert. Bei weiteren 800 Patienten wird eine Infektion vermutet.

Bei vielen Patienten entwickelt sich das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), das lebensgefährlich ist. Nach Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation gibt es neben Deutschland auch Ehec-Infektionen in der Schweiz (3 Fälle), in Italien, Österreich, Tschechien, Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Norwegen, Spanien, Schweden, Grossbritannien und den USA. Von den meisten Patienten ist bekannt, dass sie zuvor in Deutschland waren. (miw/sda)

Erstellt: 04.06.2011, 18:26 Uhr

17 Menschen haben sich hier den Magen verdorben. (Video: Reuters)

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