Herren über Gut und Böse

Die Satiresendung «heute-show» machte sich über einen stotternden AfD-Politiker lustig. Die Reaktion wirft ein Licht auf den Zustand der deutschen Politsatire.

An den Grenzen des Humors: Moderator Oliver Welke macht sich über das Stottern des AfD-Politikers Dieter Amann lustig. Video: AfD

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Mehr als bloss ein Fettnäpfchen war das, worin sich «heute-show»-Moderator Oliver Welke vergangenen Freitag verfing. Ein kurzer Einspieler zeigte AfD-Mann Dieter Amann, der über Zuwanderer und ihre fehlenden Deutschkenntnisse sprach. Bei diesen Worten stockte und stotterte Amman, sehr zum Gaudi der Zuschauer. Zum Schluss äffte ihn Welke noch nach: «Absololo-lut, meine Damen und Herren». Dumm nur, dass der AfD-Mann zu Beginn seiner Rede vorausgeschickt hatte: «Ich stottere. Das möchte ich vorausschicken, damit sich niemand wundern möge.»

Witze gehen immer auf die Kosten von jemandem, es muss bloss die Richtigen treffen: die Mächtigen und Bösen. Aber was, wenn ein Behinderter auf der falschen Seite steht? Darf man sich dann über ihn lustig machen?

Nein, beeilte sich Welke kurz nach der Sendung klarzustellen. Unter der Überschrift «Hätte nicht passieren dürfen» gab es eine wortreiche Erklärung für den Fauxpas. Alles sei rein inhaltlich motiviert gewesen. Hätte man gewusst, dass Amann unter einer waschechten Behinderung leide, hätte man sich darüber nie lustig gemacht.

Grenzen der Satire

Die Affäre wirft ein Licht auf ein Dilemma, das sich die deutschen Satiriker selber zuzuschreiben haben. Wo Satire und politisches Kabarett bis vor kurzem einfach unterhaltende Einsichten ins Funktionieren des Politalltags liefern wollte, fühlen sich heutige Satiriker zunehmend einem moralischen Auftrag verpflichtet. Humor ist ein delikates Geschäft, besonders dann, wenn er ein Geschäft ist: Satiriker brauchen ein grosses Publikum, um davon leben zu können. Je grösser das Publikum, desto grösser die Aufmerksamkeit, desto grösser die Verantwortung. Deshalb ist die erste Pflicht des Humoristen, den Unterschied zwischen Gut und Böse zu etablieren. Erst wenn das Publikum über richtig und falsch belehrt ist, lässt es sich ungestört im Wohlgefühl moralischer Überheblichkeit suhlen.

Im Zweifelsfall gibt man sich denn auch weniger als Humorist denn als Politiker. Auf die Frage, was er als Satiriker über Merkel denke, antwortete Welke jüngst in einem Interview: «Als sie angekündigt hat, dass sie noch einmal antritt, haben wir das ohne Ironie sehr heftig kritisiert, weil sie dem Wunsch nach einem personellen Neuanfang in der Bundespolitik diametral entgegensteht.»

Lustig war denn auch nicht der Stotter-Witz der «heute-show», sondern was danach folgte. Das moralisch verunsicherte Publikum zeigte sich irritiert. Die AfD nannte den Sketch «schäbige Anti-AfD-Hetzpropaganda auf Kosten von Behinderten» und «faschistoiden Hatespeech». Der behindertenpolitische Sprecher der AfD-Landtagsfraktion Thomas Axel Palka sprach gar von «gelebtem Faschismus» der «heute-show».

Wenn jene, die die Moral für sich beanspruchen, so offensichtlich danebengreifen, kann nur die Umwertung aller Werte folgen. Ein blöder Witz wird zu «gelebtem Faschismus» – und die wahren Konfliktlinien werden immer diffuser.

Prämissen überdenken

Und was tut der Komiker, wenn er einmal nicht auf der richtigen Seite steht? Oder wenn die richtige Seite nicht erkennbar ist, weil der AfDler (böse) gleichzeitig auch ein Behinderter (schützenswert) ist? Oliver Welke hat sich zuerst erklärt, dann sich «von Herzen» entschuldigt. AfDler Amann hat die Entschuldigung akzeptiert, sofern Welke die Entschuldigung in der nächsten «heute-show» wiederholen würde.

Vielleicht wäre dies auch die perfekte Gelegenheit, eine Prämisse zu überdenken: nämlich dass richtig und falsch, gut und böse immer eindeutig zuzuordnen sind. Vielleicht ist ja nicht jedes Mitglied der AfD ein verkappter Nazi. Vielleicht gibt es Nuancen, über die nachzudenken sich lohnen würde, um die Ursachen der immer weiter fortschreitenden Polarisierung zu erkennen.

Vielleicht hätte man es auch einfach bei dem Fehler belassen können: also zum Witz stehen und aushalten können, dass man die moralische Wahrheit auch nicht auf sicher gepachtet hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2018, 23:12 Uhr

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