Hinter der Freilassung von Clotilde Reiss steht ein böser Verdacht

Ist es dem Iran gelungen, Frankreich zu einem Gefangenentausch zu bewegen? Die glückliche Heimkehr von Clotilde Reiss sorgt für Polemik.

Clotilde Reiss: Ist ihre Rückkehr das Resultat eines zweifelhaften Deals?

Clotilde Reiss: Ist ihre Rückkehr das Resultat eines zweifelhaften Deals? Bild: Keystone

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Alle freuen sich. Zuerst einmal Clotilde Reiss, 24 Jahre alt. Die junge Französin ist am Sonntag nach Paris zurückgekehrt – nach zehn Monaten Haft wegen angeblichen Spionierens und Komplottierens gegen den Iran, von denen sie die meiste Zeit als Hausarrest in der französischen Botschaft in Teheran verbrachte. Sie wurde verhaftet, nachdem sie im vergangenen Jahr bei Demonstrationen gegen das Regime Fotos gemacht und an Freunde in Frankreich versandt hatte. Das iranische Revolutionsgericht hat nun die Gefängnisstrafe von zweimal fünf Jahren Haft, die gegen Reiss verhängt worden war, in eine Busse von rund 245'000 Euro umgewandelt. Die Busse wurde schnell bezahlt, das Flugzeug wartete schon.

Frankreichs Medien nennen es «das Ende eines Leidenswegs». Es freuen sich natürlich auch die Eltern von Clotilde, die in dieser langen Zeit fast täglich Kontakt hatten mit ihrer Tochter. Und es freute sich Nicolas Sarkozy, der Staatspräsident, der die junge Frau im Elysée-Palast empfing. Am meisten aber dürfte sich Mahmoud Ahmadinejad, Irans Präsident, über den Ausgang der Affäre freuen, die in Zügen an das Schicksal der Schweizer Geiseln in Libyen erinnert. Die Sonntagszeitung «Le Journal du Dimanche», die dem bürgerlichen französischen Regierungslager nahesteht, titelte auf der ersten Seite: «Die Geheimnisse einer Befreiung».

Der Ingenieur und der Agent

Das Blatt bringt den letzten iranischen Gerichtsentscheid im Fall Reiss mit anderen Gerichtsbeschlüssen in Paris in Verbindung, die wahrscheinlich nicht zufällig zeitlich zusammenfallen und die das Schicksal zweier iranischer Häftlinge betreffen. Vor einer Woche hat ein Pariser Gericht entschieden, den iranischen Ingenieur Majid Kakavand nicht an die USA auszuliefern, wie diese es gefordert hatten. Kakavand war vor einem Jahr auf einen Hinweis aus Washington in Paris verhaftet worden, weil die Amerikaner vermuteten, er habe in den USA elektronisches Material und Messgeräte gekauft, die angeblich der Entwicklung des iranischen Nuklearprogramms dienen sollten. Nun liessen ihn die Franzosen frei. Kakavands Heimkehr soll in Teheran wie ein Triumph gefeiert worden sein.

Am Dienstag wird in Paris auch die Zukunft von Ali Vakili Rad verhandelt, einem Geheimdienstagenten, der 1991 den früheren iranischen Premier Shapour Bakhtiar in dessen französischen Exil ermordet haben soll und dafür zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt wurde. Rad hat seine Zeit abgesessen, bleibt aber vorerst in Haft. Sollte er nun freikommen, würde das die These bestätigen, dass es sich bei Reiss' Befreiung um einen Gefangenentausch handelt.

Mörder gegen Studentin?

Aussenminister Bernard Kouchner bestritt am Sonntag diese Vermutung. Es bestehe «keinerlei Zusammenhang» zwischen den Fällen. Frankreich habe sich auch auf kein Gegengeschäft eingelassen. Ahmadinejad hatte allerdings von Beginn weg klargemacht, dass die junge Französin nur freikommen würde, wenn auch Paris zu einer Geste bereit sein würde gegenüber «einigen Iranern, die seit mehreren Jahren in französischer Haft» seien. Im vergangenen Herbst wehrte sich Sarkozy bei einer Pressekonferenz noch sehr entschlossen gegen einen Deal: «Glauben Sie denn wirklich, dass ich ein Mann bin, der den Mörder von Shapour Bakhtiar gegen eine junge französische Studentin austauschen würde, deren einziges Vergehen es ist, die iranische Sprache zu sprechen und die persische Zivilisation zu lieben?»

Seither wurde offenbar viel verhandelt, mit wechselnden Vermittlern. Im Hintergrund spielte immer auch das grosse Kräftemessen zu Teherans angeblichem Nuklearprogramm eine Rolle, bei dem sich das iranische Regime und der Westen gegenüberstehen.

Erstellt: 16.05.2010, 23:03 Uhr

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