Hitler setzte auf einen Luzerner Kunsthändler

Die Nazis verhökerten einen Teil ihrer Raubkunst in die Schweiz. Dabei spielte das Luzerner Auktionshaus Fischer eine Schlüsselrolle.

Handelte während des 2. Weltkriegs mit Raubkunst: Theodor Fischer (1878–1957), Gründer der gleichnamigen Galerie Fischer in Luzern.

Handelte während des 2. Weltkriegs mit Raubkunst: Theodor Fischer (1878–1957), Gründer der gleichnamigen Galerie Fischer in Luzern. Bild: Galerie Fischer

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Am rechten Ufer des Vierwaldstättersees sind sie wie Perlen an einer Schnur aufgereiht, Luzerns Nobelhotels. Der schönste Hotelpalast ist das im Stil der französischen Renaissance erbaute Grand Hotel National. Auf der anderen Seite der Haldenstrasse, gleich neben dem Migros-Fitnesspark, befindet sich die Galerie Fischer.

Dass das Hotel und die Galerie während des Zweiten Weltkriegs ein bedeutender Umschlagplatz für gestohlene Kulturgüter waren, hat an Aktualität gewonnen: Am Wochenende wurde bekannt, dass in der Münchner Wohnung des Rentners Cornelius Gurlitt Bilder im Wert von einer Milliarde Euro gefunden wurden. Bei ihm handelt es sich um den Sohn des Nazi-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der gute Geschäftsbeziehungen mit dem Luzerner Auktionshaus pflegte.

Das Handeln störte die Gäste

Nachzulesen ist dies im 1998 erschienenen Bericht «Raubkunst – Kunstraub: Die Schweiz und der Handel mit gestohlenen Kulturgütern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs». Im Auftrag des Bundesamts für Kultur arbeitete der Journalist Thomas Buomberger auf über 500 Seiten die unrühmliche Rolle der Schweiz auf. Der Bericht stellt fest, dass es unter allen neutralen Ländern die Schweiz war, die am meisten gestohlene, illegal erworbene Kunst aufnahm.

Im Zentrum des illegalen Kunstmarkts stand der Luzerner Kunsthändler Theodor Fischer. Eine Kostprobe dafür, wie es während des Krieges an der Haldenstrasse in Luzern zu- und herging, findet sich im Kapitel «Der Kunstraubzug der Nazis in Frankreich». Im Hotel National, damals Hauptquartier des 3. Armeekorps, traf sich am 10. April 1942 Theodor Fischer mit seinem Freund Hans Wendland, einem deutschen Kunstexperten. Er logierte jeweils im National und profitierte von einem Pauschalsteuerabkommen mit Luzern. Das Treffen fand in aller Heimlichkeit statt, wurde aber dennoch bemerkt. «Dr. W. kommt von Berlin, 0130 kommen zwei Kisten per Taxi ins Hotel N. In den Zimmern wird in grosser Eile ausgepackt. Zerbrochenes Glas, Schmutz, Holzwolle, Lärm. Hotelgäste reklamieren. 0300 wird eine Kiste von Herren Fischer (Vater und Sohn) übernommen.»

Wendland hatte 25 impressionistische Bilder im Gepäck, die er zuvor von Walter Andreas Hofer übernommen hatte, dem Direktor der Kunstsammlung von Reichsmarschall Hermann Göring. Einige dieser Bilder verkaufte Fischer wenige Tage später an den Zürcher Waffenfabrikanten Emil Georg Bührle.

Goebbels zufrieden mit Luzern

Göring teilte die Kunstwerke in drei Kategorien ein: Die erste sollte an Hitler gehen, die zweite an ihn selber und die dritte an Reichsleiter Alfred Rosenberg, der für Hitler in ganz Europa Kunstschätze raubte. Was übrig blieb, war für den ausländischen Kunsthandel bestimmt. Die amerikanische Regierung schätzte damals, dass die Nazis drei bis fünf Millionen Kunstgegenstände in den eroberten Gebieten stahlen, was etwa einem Fünftel der Welt-Kunstschätze entsprach.

Doch Theoder Fischer profitierte bereits lange vor dem Zweiten Weltkrieg von den Nazis. In den 30er-Jahren wurden bei sogenannten Judenauktionen viele Sammlungen deutscher Juden zwangsliquidiert, die teilweise in Luzern landeten. Besonders lukrativ war Fischers langjährige Beziehung zu Karl Haberstock, der in der von Goebbels ins Leben gerufenen Verwertungskommission für die «Entartete Kunst» sass. Haberstock setzte sich bei Hitler persönlich für das Auktionshaus Fischer ein, wo am 30. Juni 1939 aus den deutschen Museen beschlagnahmte Kunstwerke versteigert wurden. Geliefert hatte die Werke unter anderem Fischers Freund und Kunsthändler Hildebrand Gurlitt.

Im Abschlussbericht über die Verkaufaktion in Luzern schrieb Goebbels: «Die erzielten Deviseneinnahmen sind gemäss Weisungen des Führers der Reichsbank und damit der deutschen Kriegswirtschaft zugeflossen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.11.2013, 20:41 Uhr

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