Interview

«Hoeness droht unbedingte Haftstrafe»

Dritter Prozesstag: Vor Gericht mache Uli Hoeness zeitweise den Eindruck, dass er den Ernst der Lage nicht realisiert habe, sagt Korrespondent David Nauer. Und äussert sich zum möglichen Strafmass.

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Im Hoeness-Prozess sprach gestern eine Steuerfahnderin von einer Steuerschuld von mindestens 27,2 Millionen Euro. Was meinte heute die Verteidigung dazu?
Die Verteidigung von Hoeness anerkennt die Steuerschuld in der von der Steuerfahnderin genannten Höhe. Sie argumentiert, dass diese Zahl bereits in der im Januar 2013 eingereichten Selbstanzeige enthalten sei. Demnach machte Hoeness in den Jahren 2003 bis 2005 sehr hohe Gewinne, rund 130 Millionen Euro aus Börsenspekulationen. 70 Millionen waren jedoch steuerfrei, weil diese Gewinne von steuerbefreiten Finanzprodukten stammten. Bei einem Steuersatz von schätzungsweise 50 Prozent bleibt am Ende ein Betrag um die 30 Millionen.

Warum hat denn Hoeness am ersten Prozesstag gesagt, dass er nur 18,5 Millionen an Steuern hinterzogen habe?
Das ist in der Tat ein Schwachpunkt in der Verteidigungsstrategie. Die Verteidigung argumentiert, dass es eben darauf ankomme, wie man mit diesen Zahlen rechne. Die Staatsanwaltschaft bestätigt zwar, dass diese Zahlen in der Selbstanzeige enthalten seien, allerdings als nackte Zahlen ohne Aussagekraft. Es sei nicht ersichtlich, inwiefern diese Zahlen steuerrechtlich relevant seien. Zudem macht die Anklage geltend, dass Hoeness in den Jahren nach 2005 nur Verluste ausgewiesen habe, obwohl er auch in der entsprechenden Zeit zwischenzeitlich Gewinne machte. Deshalb sei die Selbstanzeige ungültig.

Das Landgericht München wird bei seinem Urteil von einer Steuerschuld von über 27 Millionen Euro ausgehen. Was bedeutet das für das Strafmass?
Die meisten Prozessbeobachter gehen inzwischen davon aus, dass Hoeness eine unbedingte Gefängnisstrafe von mehreren Jahren droht. Die Schätzungen liegen bei drei, vier Jahren Gefängnis. Bei besonders schwerer Steuerhinterziehung sind in Deutschland Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren möglich. Verschiedene Umstände könnten sich im Fall Hoeness strafmildernd auswirken, insbesondere die Selbstanzeige. Auf diesen Punkt setzt die Verteidigung. Sie argumentiert, dass die Selbstanzeige möglicherweise nicht vollständig gewesen sei, aber alle relevanten Zahlen und Informationen enthalten habe.

Inwiefern zeigt Hoeness echte Reue, die beim Strafmass eine Rolle spielen könnte?
Seine Reue wirkte zunächst aufrichtig. Doch dann machte er immer wieder Aussagen und Bemerkungen, die seine Glaubwürdigkeit beschädigten. Beispielsweise sagte Hoeness, dass seine Bemühungen, Dokumente an die Behörden nachzuliefern, nach der Anklage nachgelassen hätten. Oder dass es bei der Selbstanzeige keine Rolle gespielt habe, dass ein Journalist des «Stern» ihm auf der Spur war. Inzwischen wirkt seine Reue nicht mehr sehr überzeugend.

Das zunehmende Ausmass der Steuerhinterziehung im Laufe des Prozesses wirft ein schlechtes Licht auf Hoeness. Welchen Eindruck hat er heute gemacht?
Zu Beginn wirkte Hoeness erholt und entspannt, vielleicht wegen des gestrigen Weiterkommens seines FC Bayern München in der Champions League. Im Lauf der Verhandlung wurde sein Kopf jedoch erneut knallrot – ein Zeichen von Anspannung. Honess machte in den letzten Tagen öfters den Eindruck, dass er nicht recht begreift, wie ernst die Lage ist. Dann scheint es ihm plötzlich wieder klar zu werden.

Der Prozess geht dem Ende entgegen. Wann ist mit einem Urteil zu rechnen?
Wenn es morgen Donnerstag keine weiteren Beweisanträge gibt, können gleichentags die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung folgen. Anschliessend wird das Landgericht München sein Urteil verkünden können.

Erstellt: 12.03.2014, 14:17 Uhr

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David Nauer ist Deutschland-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Er verfolgt den Hoeness-Prozess am Landgericht München.

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