Interview

«Hoeness war knallrot und wie erstarrt»

Uli Hoeness habe offenbar bis zuletzt geglaubt, dass er mit einer Bewährungsstrafe davonkommen werde, sagt Korrespondent David Nauer. Er erklärt, wie die Verteidigung nun vorgehen will.

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Dreieinhalb Jahre Gefängnis für den stolzen Präsidenten des FC Bayern. Wie hat Uli Hoeness bei der Urteilseröffnung des Landgerichts München reagiert?
Er hat gar nicht reagiert. Er sass da und starrte geradeaus, mit eiserner Miene und zusammengekniffenen Lippen. Er hatte einen knallroten Kopf und wirkte wie erstarrt. Nach dem Urteilsspruch machte Hoeness einen geschockten Eindruck. Offenbar glaubte Hoeness bis zuletzt, dass er mit einer Bewährungsstrafe davonkommen würde. Hoeness verliess wortlos den Gerichtssaal, vorbei an den Journalisten, die ihn mit Fragen bedrängten. Aus dem Gerichtsgebäude verschwand er durch den Hinterausgang.

Wie präsentierte sich die Lage ausserhalb des Gerichtsgebäudes? Gab es beispielsweise Solidaritätskundgebungen zugunsten von Hoeness, der in München für viele Menschen eine Lichtgestalt bleiben wird?
Nach dem Urteilsspruch warteten vor dem Gericht Hunderte von Menschen. Vereinzelt hatte es auch Leute mit Leibchen des FC Bayern München. Solidaritätskundgebungen im grossen Stil gab es aber nicht. Es kamen viele Menschen zum Gericht, weil der Fall Hoeness die Menschen bewegt. Und weil er ein riesiges Thema in den Medien ist.

Hat Hoeness’ Verteidigung schon bekannt gegeben, ob sie Berufung gegen das Urteil einlegen wird?
Ja. Verteidiger Hanns Feigen sagte unmittelbar nach der Urteilseröffnung, dass er das Urteil anfechten werde. Die Verteidigung wird argumentieren, dass die von Hoeness im Januar 2013 eingereichte Selbstanzeige missglückt sei. In dem Dokument fehle nur ein Satz. Nach Ansicht des Gerichts ist die Selbstanzeige mehr als das, sie ist unvollständig und damit unwirksam. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hat sich bisher noch nie mit einer missglückten Selbstanzeige auseinandergesetzt. Die Verteidigung von Hoeness steht vor einer doppelten Herausforderung: Sie muss nachweisen, dass die Selbstanzeige missglückt sei, und das Gericht von ihrer Wirksamkeit überzeugen.

Trotz der hohen Summe von über 27 Millionen Euro beurteilte das Münchner Landgericht Hoeness’ Steuerhinterziehung nicht als besonders schweren Fall, wie dies die Anklage behauptet hatte. Warum nicht?
Für eine besonders schwere Steuerhinterziehung braucht es verschiedene Merkmale, die im Fall Hoeness nicht alle gegeben sind. Das Gericht erkannte insbesondere keinen «groben Eigennutz» im Verhalten von Hoeness. Er habe zwar schon kriminelle Energie an den Tag gelegt, aber nicht in massiver Art und Weise. So habe Hoeness nicht versucht, seine Taten zusätzlich zu verschleiern, indem er beispielweise einen Wohnsitz im Ausland vorgetäuscht hätte.

Welche mildernden Umstände berücksichtigte das Gericht beim Strafmass?
Das weit gehende Geständnis von Hoeness in der Gerichtsverhandlung, seine Bereitschaft, mit den Steuerbehörden zusammenzuarbeiten, und der Umstand, dass er nicht vorbestraft ist. Selbst die unwirksame Selbstanzeige würdigte das Gericht bei der Strafzumessung zugunsten des Angeklagten. Zudem dürfte auch die Lebensleistung von Hoeness eine Rolle gespielt haben.

Erstellt: 13.03.2014, 18:03 Uhr

David Nauer ist Deutschland-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Er verfolgte den Hoeness-Prozess am Landgericht München.

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