Hokuspokus mit Kosovos Grenze

Serbien und Kosovo führen Geheimgespräche. Trump und die EU drängen auf eine Lösung. Nun droht Kosovo ein Experiment – mit unabsehbaren Folgen.

Geheimgespräche: Serbiens Premierminister Aleksandar Vucic und Hashim Thaci, Präsident von Kosovo. Foto: European Albach Forum

Geheimgespräche: Serbiens Premierminister Aleksandar Vucic und Hashim Thaci, Präsident von Kosovo. Foto: European Albach Forum

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Dobrica Cosic wird sich wohl im Grab umdrehen – nicht vor Entsetzen, sondern vor Freude. Für den serbischen Schriftsteller war schon immer klar: Serben und Kosovo-Albaner können nicht zusammenleben. Also befürwortete der Nationalist eine ethnische Entflechtung, eine Art Trennlinie zwischen den beiden Völkern. Die Albaner in Kosovo, so Cosic, sollen sich dem «Mutterland» Albanien anschliessen, vorausgesetzt, sie überlassen Belgrad die Bodenschätze und das Territorium rund um die mittelalterlichen Klöster der serbisch-orthodoxen Kirche.

Ein Jahrzehnt nach der kosovarischen Unabhängigkeitserklärung und fast fünf Jahre nach Cosics Tod führen die Präsidenten Ser­bi­ens und Ko­so­vos, Aleksan­dar Vucic und Ha­shim Thaci, Geheimverhandlungen über Grenzänderungen. Die Rede ist beschönigend von einem «Ge­biets­tausch»: Der mehrheitlich serbisch besiedelte Norden im Hinterland der Stadt Mitrovica soll Teil Serbiens werden, Kosovo bekäme dafür das sogenannte Presevo-Tal, eine vorwiegend von Albanern bewohnte Region in Südserbien. Soweit die kolportierte Theorie. Niemand ausser den direkt Beteiligten weiss bislang, wo die Grenzen neu gezogen werden sollen. Weder die Kosovo-Serben noch die Albaner in Südserbien sind in die Gespräche einbezogen, obwohl es um ihre Zukunft geht. Auch die Öffentlichkeit in den beiden Staaten ist nicht informiert, was hinter den Kulissen vorbereitet wird.

Trump und Mogherini als Unterstützer

Unterdessen erhöhen die USA und die EU den Druck auf Belgrad und Pristina, eine Lösung so schnell wie möglich zu finden. Washington will das Kosovo-Problem endlich vom Hals haben, um sich wichtigeren und grösseren Herausforderungen zu stellen – von Venezuela bis China. Vergangene Woche appellierten die Botschafter der USA in Serbien und in Kosovo an die politischen Führer, noch in diesem Jahr ein «historisches Abkommen» auszuhandeln. Zuerst müsse Kosovo jedoch die Strafzölle gegen serbische Produkte aufheben. Sie wurden im November in Kraft gesetzt, nachdem Belgrad die Aufnahme Kosovos in die internationale Polizeiorganisation Interpol verhindert hatte. Premier Ramush Haradinaj lehnt die Forderung der Amerikaner ab. Die Ohrfeige folgte prompt: Kürzlich erhielt er kein Visum für die Einreise in die USA, am Wochenende sagte eine amerikanische Militärdelegation einen Besuch in Pristina ab. Haradinaj fühlt sich hintergangen, weil Staatschef Thaci hinter seinem Rücken über die Umrisse des Landes verhandelt. Wer so etwas tue, sei ein Feind Kosovos, meinte der bullige Ministerpräsident.

Karte: Serbische Kosovaren und albanische Serben

Doch das Experiment mit unabsehbaren Folgen für den Balkan ist offenbar weit fortgeschritten. Eine Einigung sei in Reichweite, schrieb US-Präsident Donald Trump im Dezember an Vucic und Thaci, und er freue sich, die beiden Staatschefs ins Weisse Haus einzuladen, um den Deal zu feiern.

Zu den Unterstützern des Plans zählt auch Federica Mogherini. Die EU-Aussenbeauftragte möchte kurz vor den Europa-Wahlen und ihrem Abgang wenigstens einen Erfolg ihrer Amtszeit vorweisen. In dieser Eile ist ein eisernes Tabu der westlichen Politik auf dem Balkan gefallen: Es darf jetzt über neue Grenzen gesprochen werden. Das gelte natürlich nur im Falle Kosovos und Serbiens, keineswegs dürften sich die bosnischen Serben oder die Albaner in Mazedonien Hoffnungen auf Grenzänderungen machen, heisst es unter den naiven EU-Bürokraten.

Für die Nationalisten in der Region ist es eine willkommene Entwicklung, wenn die bestehenden Grenzen zur Diskussion gestellt werden. Die Propagandisten des kosovarischen Präsidenten behaupten, nach der Grenzänderung werde die Vereinigung Kosovos mit Albanien folgen. Der zum Populisten gewandelte albanische Premier Edi Rama hat kürzlich die Posten des Aussen- und Bildungsministers mit Kosovo-Albanern besetzt. Die Gegner der Grenzänderung beschimpfte Rama als «Esel», und er verlangte von seinen Landsleuten, schleunigst den auch in Kosovo gesprochenen nordalbanischen Dialekt zu lernen. Die Albaner in Kosovo und in Albanien würden bald «unter einem Dach» leben, verkündete Rama.

Je unrealistischer ein EU-Beitritt der gesamten Region wird, desto lauter der Ruf nach ethnisch reinen Staaten.

Auch serbische Nationalisten reiben sich die Hände. Laut einem Bericht des Bel­gra­der Hel­sin­ki-Ko­mi­tees für Men­schen­rech­te, der letzte Woche vorgestellt wurde, rechnet Serbien damit, dass nach der Einverleibung des kosovarischen Nordens die Zukunft Bosniens aufs Tapet kommt. Ziel sei es, die bosnisch-serbische Teilrepublik aus Bosnien herauszulösen. Der dortige Serbenführer Milorad Dodik, ein Protegé Wladimir Putins, bezeichnet Bosnien als «unmöglichen Staat», fordert eine Vereinigung der sogenannten Republika Srpska mit der «Mutterrepublik» Serbien, blockiert den Nato-Beitritt, sabotiert gesamtbosnische Institutionen. «Ich fühle mich in Sarajevo wie ein Ferkel in Teheran», sagt der Scharfmacher.

«Das ist unmenschlich, hässlich und kaltblütig»

Eine allfällige Grenzverschiebung zwischen Kosovo und Serbien wird nicht unmittelbar eine Kettenreaktion in anderen Balkanländern auslösen, aber die Begehrlichkeiten werden auf lange Sicht zunehmen. Und je unrealistischer ein EU-Beitritt der gesamten Region wird, desto lauter der Ruf nach ethnisch reinen Staaten. Diese Gefahr unterschätzen die meisten Befürworter der territorialen Neugliederung Kosovos. Darunter befinden sich auch mehrere Besserwisser mit Kurzzeitgedächtnis, die als Mitarbeiter der Soros-Stiftung jahrelang für multiethnische, multireligiöse und multikulturelle Gesellschaften in Südosteuropa geworben haben. Nun predigen sie neue Grenzen als Allheilmittel gegen ethnische Spannungen in Kosovo.

Es könnte aber der gegenteilige Effekt eintreten. Die Mehrheit der etwa 100'000 Kosovo-Serben lebt nicht im Norden, sondern verstreut über ganz Kosovo: Sie werden in einem restlos von Albanern dominierten Staat keine Zukunft mehr sehen und in absehbarer Zeit abwandern. Die Ärztin und Politikerin Rada Trajkovic aus der Gemeinde Gracanica unweit von Pristina wirft den beiden Präsidenten vor, für ethnisch reine Gebiete zu kämpfen. Ihre Absicht sei es, alle Serben in einem kompakten Siedlungsgebiet im Norden Kosovos zusammenzutrommeln. «Das ist unmenschlich, hässlich und kaltblütig.» Die Grenzverschiebung wird auch die derzeitige Flagge Kosovos obsolet machen. Sie zeigt sechs weisse Sterne in einem leichten Bogen über den goldenen Umrissen des Landes auf blauem Grund. Vielleicht wird sich auf einem neuen kosovarischen Banner bald ein albanischer Doppeladler niederlassen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.02.2019, 18:14 Uhr

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