Hollandes letzte Chance

Der französische Präsident hat nichts mehr zu verlieren. Vielleicht beginnt er jetzt couragierter zu regieren.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er war angetreten, der Republik ein normaler Präsident zu sein. Und das hatte ja durchaus seinen Reiz in einem Land, das der geltungssüchtigen Zampanos an der Staatsspitze müde war. Nun aber droht François Hollande zum banalen Präsidenten ohne Wirkungskraft zu verkommen. Seine Wirtschafts­politik verpufft, sein Wort verhallt. Seine Popularität bleibt im Keller, und seine Autorität ist unterspült, schon ein bisschen morsch. Auf gute Umfragewerte kann ein französischer Präsident zur Not auch eine Weile pfeifen: Er sitzt so fest im Sessel der Macht, dass er sein Mandat theoretisch auch mit null Prozent Beliebtheit zu Ende führen kann. So will es die Verfassung. Autorität aber ist zentral für die Führung der Geschäfte.

Um sie zu retten, war Hollande am Montag zu ­einem Schritt gezwungen, der seinem Wesen als ­ständiger Mediator, als Harmonisierer aller Seelen der Linken zutiefst widerspricht: Er ordnete eine ­Regierungsumbildung an, um die rebellischen Minister vom linken Flügel der Sozialistischen Partei los­zuwerden. Sie hatten ihn offen herausgefordert mit ­ihrer Kritik gegen seine Wirtschafts- und Sparpolitik, hatten ihn auch belächelt als Schosshündchen Angela Merkels. Im Grunde sprachen sie ihm die Fähigkeit ab, das hohe Amt angemessen auszufüllen. Ein Affront sondergleichen war das, einer, der nach entschlossenem Handeln schrie.

Und so könnte diese schwierigste Stunde in Hollandes bisheriger Amtszeit bewirken, dass er nun endlich regiert, dass er die restlichen drei Jahre seines Mandats für eine couragierte Reformagenda nutzt: ohne Wahlkalkül, ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten in der Partei, mit einer Zukunftsvision. Vielleicht war die Gelegenheit, dieses reformrenitente Land zu reformieren und dessen Verkrustungen aufzubrechen, nie so günstig wie jetzt, da der Präsident nichts mehr zu verlieren hat. Vielleicht braucht er für seine Reformen Leute ohne Parteibuch. Und vielleicht muss er künftig mal auf linke, mal auf bürgerliche Unterstützung im Parlament bauen. Es ist Hollandes letzte Chance, doch noch eine politische Marke zu setzen und sein Handeln der Banalität zu entreissen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2014, 20:46 Uhr

Oliver Meiler, Frankreich-Korrespondent, über die Regierungskrise in Paris.

Artikel zum Thema

Der vereinsamte Präsident

Aufbegehrende Sozialisten François Hollande hat sich mit seiner Wirtschafts- und Sparpolitik exponiert und isoliert. Eine neue Regierung soll Abhilfe schaffen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Geldblog Rente oder Kapital? Das müssen Sie wissen

Mamablog Wir haben bessere Werbung verdient

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Ganz in weiss: Josephine Skriver posiert vor der Vorführung des Films «Roubaix, une lumière» in Vannes auf dem roten Teppich. (22. Mai 2019)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...