Porträt

«Ich Ministerin? Ein Entscheid, der Italien verändert»

Mit Cécile Kyenge gehört erstmals eine Person schwarzer Hautfarbe einer italienischen Regierung an. Die neue Integrationsministerin hat klare Ideen – und wird bereits von der Lega Nord angefeindet.

«Alle, die in Italien geboren sind, sollten automatisch Italiener werden»: Cécile Kyenge, Integrationsministerin im Letta-Kabinett.

«Alle, die in Italien geboren sind, sollten automatisch Italiener werden»: Cécile Kyenge, Integrationsministerin im Letta-Kabinett. Bild: Keystone

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Das nennt man eine steile Karriere in kürzester Zeit: Nur zwei Monate nach ihrer erstmaligen Wahl ins italienische Abgeordnetenhaus ist Cécile Kyenge am Wochenende vom neuen Premier Enrico Letta in die neue Regierung in Rom berufen worden. «Was? Ich Ministerin?» Die 49-jährige Parlamentarierin der Demokratischen Partei (PD) zeigte sich gemäss Medienberichten in einem ersten Kommentar sehr überrascht – um dann die Bedeutung ihrer Nominierung selbstbewusst zu betonen. «Das ist ein Entscheid, der Italien verändern wird», sagte Kyenge, die aus der Demokratischen Republik Kongo stammt und seit 30 Jahren in Italien lebt. Dass Kyenge dem Letta-Kabinett angehört, werten Beobachter als Signal für Reformen in der Integrationspolitik.

Für die neue Integrationsministerin hat die Staatsbürgerschaftsreform höchste Priorität. «Alle, die in Italien geboren sind, sollten automatisch Italiener werden», sagt Kyenge. Oder auch: «In Italien werden künftig keine Ausländer geboren.» Ein weiteres Anliegen Kyenges ist die Abschaffung des Bossi-Fini-Gesetzes aus dem Jahr 2001, das die Migrationspolitik restriktiv handhabt, indem es einerseits die legale Zuwanderung begrenzte und andererseits härtere Massnahmen gegen illegale Migration einführte. Kyenge fordert weniger Kriminalisierung und mehr Integration.

Lega Nord: Kyenge ist «keine Italienerin»

Dass Kyenge der neuen italienischen Regierung angehören soll, hat bei der sezessionistischen und fremdenfeindlichen Regionalpartei Lega Nord bereits wüste Reaktionen ausgelöst. Sie sei «keine Italienerin», schimpften Lega-Funktionäre. Ausserdem kündigten sie «totale Opposition» gegen Italiens erste farbige Ministerin an. Die Gutmenschen der Linken hätten vergessen, dass Einwanderer nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben sollten, kritisierte Matteo Salvini, Sekretär der Lega Nord/Lega Lombarda. Die neue Integrationsministerin «müsste sich zuallererst in einigen Städten um die Reintegration der Italiener kümmern, die wegen der Einwanderung selber zu Ausländern geworden sind.»

Cécile Kyenge lebt seit 1983 in Italien. Nach dem Studium in Rom, wo sie sich zur Augenärztin ausbilden liess, heiratete sie einen Italiener. Das Paar hat zwei Kinder und lebt in Modena in der norditalienischen Region Emilia-Romagna. Kyenge begann ihre politische Laufbahn vor über zehn Jahren in einem Bezirk der Stadt Modena. Dann gehörte sie dem Provinzrat von Modena an, in dem sie sich im Ausschuss für Wohlfahrt und Sozialpolitik engagierte.

Expertin für Immigrations- und Rassismusfragen

Gleichzeitig stieg sie in ihrer Partei, der Demokratischen Partei von Pier Luigi Bersani, zu einer Expertin für Immigrations- und Rassismusfragen auf. Seit zweieinhalb Jahren engagiert sich Kyenge auch als nationale Sprecherin des Netzwerks 1. März, das die Rechtslage von Migranten verbessern will und Menschenrechte für alle einfordert. Zuletzt erarbeitete die praktizierende Augenärztin einen Bericht zur Lage des institutionalisierten Rassismus in Italien.

In Italien gibt es immer wieder fremdenfeindliche Vorfälle, etwa in den Fussballstadien. Vor allem gegen Menschen aus nicht europäischen Ländern ist Xenophobie salonfähig geworden. Laut dem nationalen Statistikinstitut Istat wohnen über 4,5 Millionen Ausländer in Italien. Dies entspricht einem Ausländeranteil von 7,5 Prozent. Die Entwicklung Italiens von einem Auswanderungsland par excellence zu einem Einwanderungsland erfolgte innerhalb einer recht kurzen Zeitspanne seit dem Ende der 1970er-Jahre. Aktuell ist die Wachstumsrate der Zuwandererbevölkerung eine der höchsten in der gesamten Europäischen Union. Insbesondere der arabische Frühling hat im Jahr 2011 neue Migrationsbewegungen von Afrika nach Italien ausgelöst. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.04.2013, 13:35 Uhr

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