Ich bin nicht Putin

Schon das Mitfiebern mit dem russischen Fussballteam wurde mit Stirnrunzeln quittiert. Weniger harmlos ist es, wenn das gesamte russische Volk nun in Sippenhaft genommen wird.

Schon das Mitfiebern mit dem russischen Fussballteam an der WM wurde mit Stirnrunzeln quittiert: Russischer Fussballfan.

Schon das Mitfiebern mit dem russischen Fussballteam an der WM wurde mit Stirnrunzeln quittiert: Russischer Fussballfan. Bild: Keystone

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Obschon Beweise fehlen, ist der Schuldige für den Abschuss des Flugs MH 17 bereits bestimmt. Er heisst Wladimir Putin. Die Unschuldsvermutung gilt im politischen Kräftemessen nicht. Hier vermischen sich Schuldzuweisungen mit den (wenigen) bestätigten Fakten.

Für mich als Russin gibt es in diesem Propagandakrieg eine persönliche Dimension. Schlagzeilen wie «Putin hat Blut an den Händen» peitschen die Emotionen hoch. Und untermauern das Bild vom skrupel­losen Russen. Damit fokussiert die öffentliche Empörung nicht mehr nur die Politik des Kremls. Vielmehr werden die Russen als Ganzes verantwortlich gemacht für die Eskalation in der Ukraine und den Tod von 298 unbeteiligten Menschen. Wer dagegen protestiert, bekommt zu hören: «Die Russen stehen hinter dem Präsidenten. Die Umfragewerte bestätigen es.»

Mitfiebern mit Stirnrunzeln quittiert

Schon das Mitfiebern mit dem russischen Fussballteam an der WM wurde mit einem stillschweigenden Bekenntnis zur Regierungspolitik gleichgesetzt – und mit Stirnrunzeln quittiert. Weniger harmlos ist es, wenn das gesamte russische Volk nun in Sippenhaft genommen wird – ganz unabhängig davon, welche Ansichten man im Ukrainekonflikt vertritt.

Dieser Tage werde ich häufiger als früher auf meinen slawischen Namen angesprochen. Mehr und mehr bin ich versucht, ein anderes Heimatland zu nennen, um in den Augen meiner Mitmenschen nicht auf der «falschen» Seite zu stehen. Telefoniere ich mit Verwandten, senke ich meine Stimme, um nicht als Russin erkannt zu werden.

«Wir Russen sind nicht alle mit der Politik des Kremls einverstanden», erkläre ich immer wieder. «Auch in Russland gibt es kritische Stimmen.» Die Beteuerungen zermürben mich und vermögen die Zweifler selten zu überzeugen. Präsident Putin wird zum Aussenseiter der Weltgemeinschaft – und ich mit ihm.

«Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient», sagte ein französischer Philosoph mit Blick auf das Zarenreich. Mag sein. Kollektiv für die Politik des Kremls verantwortlich gemacht zu werden, hat das russische Volk aber nicht verdient – nicht, solange es in Russland kritische Stimmen gibt.

Erstellt: 07.08.2014, 07:03 Uhr

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