«Ich dachte, schlimmer kann es nicht mehr kommen»

Die Schweizer Flüchtlingshelferin Anna Friedli erlebte schon viele Tragödien und viel Leid. Was sie nun in Belgrad gesehen habe, sei schwer verdaulich. Ein Erfahrungsbericht.

Mit jedem Tag schwindet die Hoffnung: Die Flüchtenden in Serbien haben kaum eine Chance auf ein Bleiberecht. Foto: Anna Friedli

Mit jedem Tag schwindet die Hoffnung: Die Flüchtenden in Serbien haben kaum eine Chance auf ein Bleiberecht. Foto: Anna Friedli

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Die Situation der Flüchtenden hat sich in Europa im letzten Jahr kaum verbessert. Europa setzt auf Abschreckung und versucht mit allen Mitteln, Schutz suchende Menschen von den europäischen Toren fernzuhalten. Sobald ein Flüchtlingsabkommen steht, wie etwa mit der Türkei und vielleicht bald mit Tunesien, haben es unsere Politikerinnen und Politiker nicht mehr in den Händen, ob die Menschenrechte eingehalten werden und der internationale Schutz gewährleistet ist. In der Wirtschaft nennt man diesen Vorgang «Outsourcing». Dort aber geht es um Güter und nicht um Frauen, Kinder und Männer, die vor sich hin vegetieren müssen.

Tristesse in Belgrad: «Niemand verlässt die Heimat, wenn die Heimat nicht das Maul eines Hais wäre», steht an einer Fassade geschrieben. Foto: Anna Friedli

Ich habe bereits viele traurige Szenen gesehen, viele Tragödien und viel Leid in Griechenland und Serbien erlebt. Damals dachte ich: Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Doch was ich in Belgrad sehen musste, ist schwer verdaulich. Und damit umzugehen, ist schwierig. Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Flüchtenden leben auf der Strasse, in Parks oder in Baracken hinter dem Busbahnhof. Sie haben keine Toiletten, können nicht duschen, geschweige denn auf andere hygienischen Möglichkeiten zugreifen. Der Abfallberg wird grösser, er vermischt sich mit Fäkalien, die Ratten werden mehr. Tag für Tag. Und das Essen reicht gerade mal für eine Portion pro Person und Tag. Wasser ist kaum vorhanden, und dann auch nur zum Trinken.

Viele Freiwillige bemühen sich, den Flüchtlingen immerhin etwas Würde zurückzugeben.

Die Schlafplätze sind auf dem kalten Boden. Für mehr reicht es nicht. Epidemien und Krankheiten sind normal, viele Menschen leiden an Frostbeulen und Erfrierungen. Es ist schwer, die Zustände in Worte zu fassen. Sie mit eigenen Augen zu sehen, gab mir ein Gefühl der Ohnmacht. Ich könnte wegschauen, die Tragödie aber bleibt. Viele freiwillige Helferinnen und Helfer bemühen sich, den Menschen immerhin etwas Würde zurückzugeben und ihre Situation zu verbessern. Denn die Politik hat versagt.

Widrige Lebensbedingungen: Die Abfallberge werden täglich mehr. Foto: Anna Friedli

Gemäss der serbischen Regierung sollte genügend Platz vorhanden sein, um all diese Menschen in Camps unterzubringen. Doch die Realität zeigt etwas anderes. Hinzu kommt die enorme Angst, in der Nacht von der Polizei abgeholt und ausgeschafft zu werden. Das geschieht laut Zeugenaussagen immer wieder. Es macht die Menschen besonders verletzlich, keine Chance auf ein Bleiberecht zu haben und gleichzeitig auch nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren zu können. Die Hoffnung ist das Einzige, was ihnen bleibt. Doch auch diese schwindet täglich. Hilfsorganisationen vor Ort fürchten sich vor dem Moment, wenn die Flüchtenden realisieren, dass sich Lebenssituation und -umstände kurzfristig nicht verbessern werden. Die Befürchtung ist gross, dass sich viele das Leben nehmen werden. Denn es geht für sie nicht mehr weiter.

Die Situation der Flüchtenden hat sich in Europa im letzten Jahr kaum verbessert.

Die Regierung in Belgrad will mit dem sogenannten Pull-Effekt verhindern, dass noch mehr Menschen nach Serbien kommen. So soll die Situation möglichst abschreckend sein und auch so wirken. Mit der Konsequenz, dass Helfer um die Erlaubnis feilschen, sich um die Flüchtenden zu kümmern und ihnen Essen zu reichen.

Endstation Belgrad: Eindrücke vom Leben der Flüchtenden. Foto: Anna Friedli

Nein, nicht nur die serbische Regierung treibt ihre Politik weiter, die diesen Menschen nicht würdig ist. Vielmehr sollte man mit dem Finger auf die EU zeigen. Denn diese hat im Gegensatz zu Serbien die finanziellen und andere Mittel, um Menschen in Not zu unterstützen.

Die Befürchtung der Helfer ist gross, dass sich viele Flüchtlinge das Leben nehmen werden.

Europa sorgt sich um seine Zukunft. Doch welchen Preis wird sie in den nächsten Jahren und Jahrzehnten bezahlen, die sie heute betreibt? Würde man all die Millionen Euros in Europa investieren anstatt in die wenig transparenten Abkommen, man hätte eine menschenwürdige Asylpolitik. Ob man will oder nicht: Flüchtende wird es weiter geben, wenn wir nicht bereit sind, unser wirtschaftliches Handeln anders zu steuern und Politiker ihre Verantwortung nicht übernehmen. Solange müssen wir die Bilder ertragen, die wir nicht sehen wollen und mit den Flüchtenden hoffen, dass sich ihre Situation irgendwann verbessert.

Erstellt: 04.03.2017, 14:12 Uhr

Engagement für Flüchtlinge: Anna Friedli (Dritte von links) im Mai 2016 – mit einem Teil der syrischen Küchencrew – in einem Zelt der Borderfree Association in Idomeni. Foto: Privat

Zur Person

Schweizer Flüchtlingshelferin

Anna Friedli, 32 Jahre alt, wohnt in Bern. Sie ist Lehrperson und Hilfswerksvertreterin sowie Masterstudentin in European Studies in Basel. Daneben leistet sie Freiwilligenarbeit im Asylzentrum Viktoria Bern und als Volontärin mit der Borderfree Association und anderen Hilfsorganisationen. Friedli engagierte sich in Presevo (Serbien) und Idomeni (Griechenland). Inzwischen hilft sie Flüchtlingen in der serbischen Hauptstadt Belgrad.

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