«Ich denke, Frauen sind im emotionalen Erfassen überlegen»

Heidi Tagliavini vermittelt im Ukraine-Konflikt: Die Schweizerin sagt, was im Kriegsgebiet noch möglich ist und wie Spitzendiplomatie funktioniert.

Seit fast 20 Jahren in Konfliktzonen tätig: Spitzendiplomatin Heidi Tagliavini, hier mit dem russischen Botschafter in der Ukraine, Mikhail Zurabow, nach den Waffenstillstandsverhandlungen in Minsk. (5. September 2014)

Seit fast 20 Jahren in Konfliktzonen tätig: Spitzendiplomatin Heidi Tagliavini, hier mit dem russischen Botschafter in der Ukraine, Mikhail Zurabow, nach den Waffenstillstandsverhandlungen in Minsk. (5. September 2014) Bild: Witali Zalesski/Keystone

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Als Sondergesandte des OSZE-Vorsitzenden Didier Burkhalter in Minsk leiteten Sie die Verhandlungen, die zum Waffenstillstand vom 5. September 2014 und der Einrichtung einer Pufferzone geführt haben. Dennoch kommt es fast täglich zu Gefechten mit Totesopfern. Wie ist Ihre aktuelle Bilanz?
Seit Unterzeichnung der beiden in Minsk mit den Rebellen vereinbarten Dokumente sind mehrfache Verstösse gegen die Bestimmungen erfolgt. Es gab anhaltende Gefechte mit schweren Waffen, Toten und Verletzten. Dennoch kann von einem Scheitern des Waffenstillstands nicht gesprochen werden. Denn darüber hinaus hat es keine grösseren militärischen Operationen mehr gegeben. Auch andere Bestimmungen, so über die Freilassung von Geiseln und anderen Gefangenen, sind verwirklicht oder wenigstens ernsthaft in Angriff genommen worden. So unvollkommen und verletzlich die Minsker Abkommen sind, sie sind dennoch die ersten wichtigen Vereinbarungen auf dem noch langen Weg zu einem dauerhaften Frieden in der Ukraine.

Kürzlich sagten Sie in einem Interview, in diplomatischen Verhandlungen sei es zentral, gemeinsame Interessen zu suchen und Kompromissvorschläge zu unterbreiten. Wie geschieht das konkret am Verhandlungstisch?
Man muss Geduld haben und zuhören können. Dazu muss man auch integer und glaubwürdig sein. Und man muss verstehen, was die Parteien wirklich wollen. Die Fragen sind: Was sind wirklich ihre grundlegenden Interessen? Wo sind die roten Linien, die sie nicht überschreiten können? Wenn man dann einen Kompromissvorschlag vorlegt, der auf beide Seiten zugeht und die Interessen keiner von ihnen wirklich verletzt, hat man die Chance auf einen Abschluss.

Inwiefern kann man in der Ukraine-Krise zwischen den Kriegsparteien überhaupt vermitteln, zumal die Russische Föderation von sich behauptet, gar keine Konfliktpartei zu sein?
Das Format der Kontaktgruppe mit Russland, der Ukraine und der OSZE steht seit Juni fest und kann nicht einseitig verändert werden. Zur Frage, ob Russland darüber hinaus Konfliktpartei ist, gibt es unterschiedliche Meinungen. Aus der Sicht der OSZE bedarf eine dauerhafte Regelung zur Beilegung des Konflikts der Mitwirkung und letztlich auch der Zustimmung Russlands.

Weltweit ist der alte Streit über den richtigen Ton im Umgang mit Wladimir Putin wieder aufgeflammt. Gibt es ein Erfolgsrezept?
Zu diesem Thema verfügen wir auch aus unseren Treffen in der Kontaktgruppe nur über Informationen aus Pressemeldungen und dergleichen und nicht aus eigener Anschauung.

Wie lautet Ihre Prognose in Bezug auf den Ausgang der Ukraine-Krise?
Es ist meine feste Überzeugung, und dafür arbeiten wir, dass ein friedlicher Ausweg aus der Krise im Einvernehmen mit den Beteiligten möglich ist und dass dieser Ausweg auch gefunden werden kann, wenn die nötigen Vorentscheidungen auf der politischen Ebene getroffen werden.

Gibt es ein speziellen Auftreten, eine bestimmte Art der Gesprächsführung in der Diplomatie, von der man nie abweichen sollte?
Man muss das, was man zu sagen hat, sachlich und glaubwürdig vortragen. Man muss auch mit dem Andersdenkenden so umgehen, dass das ruhige Gespräch auch in Zukunft möglich bleibt. Man muss den eigenen Freunden zeigen, dass man ihren Rat und Beistand zu schätzen versteht. Und man muss durch das Beispiel und die Fürsorge dafür sorgen, dass man jederzeit tüchtige und zuverlässige Mitarbeiter hat. Nicht zuletzt muss man selbstkritisch bleiben, eigene Fehler einräumen und mit Ruhe und Zuversicht an einer Besserung arbeiten.

Dass eine Frau in Kriegsgebieten vermittelt, ist nicht alltäglich. In welcher Hinsicht kommen Ihnen Ihre weiblichen Eigenschaften zugute?
Ich denke, dass Frauen im emotionalen Erfassen von Personen und Situationen den Männern oft überlegen sind. Das kann in bestimmten Momenten sehr wichtig sein.

Sie waren bereits unter anderem in Georgien als Vermittlerin im Einsatz. Was treibt Sie immer wieder in die grössten Konfliktzonen der Erde?
Mittlerweile sind es fast 20 Jahre, dass ich vorwiegend in Konflikten tätig bin. Vor Georgien war ich schon im Tschetschenien-Konflikt für die OSZE tätig, später auch in Bosnien. Eine besondere Laufbahn als «Krisendiplomatin» gibt es natürlich nicht. Es kommt immer darauf an, ob man sich für die Vermittlung in Konflikten und die Stabilisierung verfahrener Situationen wirklich interessiert und ob man bereit ist, sich mit allen Kräften für diese Aufgaben einzusetzen.

Gehört der Krieg unumgänglich zum Menschen?
Ich denke, dass sich in der Bibel und übrigens auch in den Aussagen der anderen Weltreligionen eine Antwort finden lässt. Der Mensch steht in der Hand Gottes, aber die Freiheit der Entscheidung und damit auch die Möglichkeit, Böses zu tun, wird ihm nicht abgenommen. Er muss sich letzten Endes für alles verantworten.

Das Interview wurde schriftlich geführt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.11.2014, 11:13 Uhr

Zur Person

Baslerin auf internationalem Parkett

Die Diplomatin Heidi Tagliavini (64), geboren in Basel, studierte in Genf und Moskau Literaturwissenschaften. Sie spricht acht Sprachen. Seit 1982 ist Tagliavini im Diplomatischen Dienst des Bundes tätig. Unter anderem leitete sie 2008 im Auftrag der EU die unabhängige internationale Untersuchungskommission zum Konflikt in Abchasien und Südossetien. 2010 verlieh ihr die Uni Basel die Ehrendoktorwürde.

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