Interview

«Ich gehe davon aus, dass ich bald nach Hause kann»

In St. Petersburg schaut der Greenpeace-Aktivist Marco Weber seinem Prozess entgegen. Nun äussert sich der 28-Jährige erstmals über seine Zeit nach der Freilassung auf Kaution.

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Ihr Kollege Kieron Bryan beschrieb das russische Gefängnis als «Hölle auf Erden». Können Sie dem beipflichten?
Die Zustände waren schwierig, es waren zwei harte Monate. Das Problem ist hauptsächlich, dass die persönlichen Rechte nicht automatisch eingehalten werden und man immer dafür kämpfen muss. Das macht wütend und zehrt an den eigenen Kräften.

Was war das Erste, was Sie nach Ihrer Freilassung getan haben?
Nach zwei Monaten Einzelhaft waren all die vielen Eindrücke und Leute zu viel für mich, ich musste mich ein bisschen zurückziehen. Aber zuerst habe ich natürlich meine Mitstreiter und Kollegen umarmt und mit ihnen gefeiert.

Können Sie sich jetzt frei bewegen oder sind Sie einer Art Hausarrest unterstellt?
Wir haben kein Visum und somit keine Aufenthaltsbewilligung. Jedoch dürfen wir uns, mit Spezialbewilligung, in St. Petersburg frei bewegen, aber nicht ausreisen. Und wir müssen in einem bestimmten Hotel nächtigen.

Stehen Sie in Kontakt zu Ihren Angehörigen? Ist es Ihrer Familie bzw. Ihrer Freundin erlaubt, Sie in St. Petersburg zu besuchen?
Sie dürfen mich besuchen, müssen dafür jedoch ein Visum beantragen.

Der Internationale Seegerichtshof plädiert auf die Freilassung der gesamten Arctic-Sunrise-Besatzung. Russland will das Urteil bis jetzt nicht anerkennen. Macht Ihnen das Angst?
Ich bin froh, dass bestätigt wurde, dass die Beschlagnahmung des Schiffes und die Verhaftung der Crew illegal sind. Russland ist nicht mein Feind. Sie haben auf unsere Aktion reagiert, wie sie es für richtig empfanden. Auch wenn ich nicht damit einverstanden bin, ist das ihr Recht. Nun sollten sie jedoch internationales Recht anerkennen und uns freilassen.

Westliche Rechtsexperten beschreiben das russische Justizsystem als willkürlich und somit unberechenbar. Teilen Sie diesen Eindruck?
Ich denke nicht, dass das Rechtssystem in unserem Fall als willkürlich bezeichnet werden kann. Es ist nicht zufällig, jedoch sehr wohl unberechenbar.

Werden Sie sich dem Prozess stellen, falls es dazu kommt?
Greenpeace-Aktivisten handeln mit ihren Aktionen immer verantwortungsvoll und gewaltfrei, auch am 18. September haben wir nach diesem Grundprinzip gehandelt. Ich habe mich, ohne jemanden zu gefährden, für den Schutz der Arktis eingesetzt und werde dafür auch vor Gericht erscheinen.

Denken Sie manchmal daran, wie es wäre, wenn Sie sieben Jahre ins Gefängnis müssten?
Manchmal, jedoch kommt man dabei zu nichts, ich kann nicht beurteilen, wie ich damit umgehen würde.

Gut möglich, dass sich der Prozess noch lange hinzieht. Wie wäre es für Sie, wenn Sie noch Monate oder Jahre in Russland leben müssten? Können Sie sich das vorstellen?
Ich gehe davon aus, dass wir, falls das noch lange dauert, nach Hause gehen dürfen. Für das Auswerten der Laptops und Harddisks brauchen sie uns nicht vor Ort, und die Befragungen werden bald abgeschlossen sein.

Was werden Sie tun, wenn Sie eine Ausreisegelegenheit erhalten sollten?
Falls es eine legale Möglichkeit ist, werde ich sie natürlich mit Freude nützen.

Ihre gerichtliche Anhörung vor zwei Wochen wurde für kurze Zeit unterbrochen. Was war genau passiert?
Ich war aufgebracht, weil mir das Recht verweigert wurde, mich am Schluss der Anhörung nochmals über die Sache zu äussern.

Würden Sie die Greenpeace-Aktion vom 19. September 2013 im Nachhinein anders planen?
Es ist verantwortungslos und gefährlich, in der Arktis nach Öl zu bohren. Das Meer ist nur im Sommer eisfrei und schwer zugänglich. Bei Temperaturen um die Minus 30 Grad und einer geschlossenen Eisdecke ist es nicht möglich, auf eine Ölkatastrophe zu reagieren. Die Folgen wären verheerend für das sensible Ökosystem. Ausserdem wird mit dem Fördern und Verbrennen der fossilen Brennstoffe die Klimaerwärmung weiter angeheizt und das Schmelzen der Arktis vorangetrieben. Es ist wichtig, dass die Welt darüber Bescheid weiss. Wir brauchen eine starke globale Bewegung, um solche Verbrechen an der Natur zu verhindern. Darum bin ich überzeugt, dass solche Aktionen dem Wohle aller dienen.

Denken Sie, dass Sie sich durch den Gefängnisaufenthalt verändert haben? Hat die Untersuchungshaft etwas in Ihnen ausgelöst?
Bestimmt haben die letzten zwei Monate meine Persönlichkeit geprägt, jedoch ist es zu früh, um zu verstehen, wie genau.

Jetzt, da Sie Zugang zu den Medien haben: Wie nehmen Sie sich rückblickend als öffentliche Person wahr? Was ist es für ein Gefühl, plötzlich im Rampenlicht zu stehen?
Ich habe nie das Rampenlicht gesucht, für mich war immer die Arktis und deren Schutz im Vordergrund. Ich denke, es ist uns sehr gut gelungen, eine breite Öffentlichkeit über die Situation in der Arktis zu informieren und zu sensibilisieren. Es war ein langer Einsatz, und ich bin froh, wenn ich bald wieder meiner alltäglichen Arbeit nachgehen kann.

Werden Sie sich nach einer Freilassung weiterhin als Greenpeace-Aktivist betätigen?
Die Arktis ist noch nicht geschützt, und es braucht wohl noch einiges, bis wir so weit sind. Aber wir haben einen langen Atem und eine breite Unterstützung. Ich sehe mich auch in Zukunft als ein Teil dieser Bewegung.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Erstellt: 04.12.2013, 10:04 Uhr

Plötzlich weltbekannt

Während der Schweizer Greenpeace-Aktivist Marco Weber in Russland einer möglichen Gefängnisstrafe entgegenblickt, feiert ihn der «Guardian» als potenzielle Person des Jahres. Die britische Zeitung stellte ihren Lesern neun Personen zur Auswahl, welche dieses Jahr in der Öffentlichkeit besonders viel Aufmerksamkeit erhielten.

Der 28-Jährige befindet sich in illustrer Gesellschaft: Papst Franziskus, der so oft wie niemand anders zitiert worden sei, Edward Snowden, der gemäss «Guardian» hinter «dem grössten Informationsleck in der westlichen Geschichte» steht, oder der amerikanische Geschäftsmann und Erfinder Elon Musk, der sein Elektroauto Tesla unerwartet in die Profitablität geführt habe. Dies nur drei der Nominierten.

Welle der Solidarität ausgelöst

Weber wird indes zugeschrieben, dass er durch seine Kletteraktion in der Arktis und die anschliessende Festnahme des russischen Sicherheitsdienstes eine beispiellose Welle der Solidarität losgetreten habe. Innerhalb nur eines Tages seien mehr als eine Million Tweets abgesendet, mehrere Petitionen unterschrieben und das Engagement zahlreicher Promis geweckt worden, schreibt der «Guardian».

Nebst Weber ist auch seine Greenpeace-Gefährtin Sini Saarela gelistet. Die Finnin versuchte gemeinsam mit dem Schweizer die russische Ölplattform in der Petschorasee zu entern. Als die Sicherheitskräfte einschritten, hingen die beiden immer noch im Seil – dank der Bilddokumente für die ganze Welt sichtbar. Dies erklärt wohl, weshalb gerade diese zwei Aktivisten nominiert wurden.

28 Aktivisten aus 18 Ländern

Mit ihrer Aktion am 18. September wollte Greenpeace auf Umweltschäden in der Arktis durch Ölförderung aufmerksam machen. Die Küstenwache brachte am nächsten Tag den Greenpeace-Eisbrecher Arctic Sunrise auf. Die 28 Aktivisten und zwei Journalisten aus 18 Ländern waren zunächst in der nördlichen Hafenstadt Murmansk inhaftiert und wurden später nach St. Petersburg verlegt.

Nach der Freilassung auf Kaution droht Weber und seinen Kollegen immer noch eine Haftstrafe von sieben Jahren. (mrs)

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