«Ich war ein besonders seltenes Exemplar»

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist im Osten Deutschlands aufgewachsen. 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer erzählt sie, wie die DDR sie geprägt hat.

«Natürlich gibt es Meinungsfreiheit, aber es gibt kein Recht auf Zustimmung»: Kanzlerin Angela Merkel. Foto: Dominik Butzmann (Laif)

«Natürlich gibt es Meinungsfreiheit, aber es gibt kein Recht auf Zustimmung»: Kanzlerin Angela Merkel. Foto: Dominik Butzmann (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Sie Staatsgäste haben, sieht man Sie manchmal auf dem Balkon des Kanzleramtes. Bitten die Sie auch, zu zeigen, wo Sie früher gelebt haben?
Gelegentlich mache ich das von mir aus. Ich zeige ihnen den Mauerverlauf und sage, dass ich hinter der Brücke, wo man die S-Bahn fahren sieht, gewohnt habe, in der Marienstrasse. Dort hatte ich meine erste Wohnung nach dem Studium. Ich bin jeden Abend in dieses Dead End nahe der Mauer gegangen. Manchmal erzähle ich auch vom Bahnhof Friedrichstrasse, wo man die Geräusche der West-S-Bahn hörte, aber nie hinkonnte.

Hat es in 14 Jahren Kanzlerschaft nachgelassen, dass Sie als Ostdeutsche wahrgenommen werden?
Ich würde nicht sagen, dass es in den 14Jahren anders geworden ist. Es hängt davon ab, ob jemand zum ersten Mal kommt. Und es ist regional unterschiedlich. Besucher aus Osteuropa wissen natürlich, dass ich aus der ehemaligen DDR bin. Für Besucher aus anderen Kontinenten ist das nicht so klar. Ich frage immer, ob sie schon vor 1989 in Berlin waren, im Osten oder im Westen. Bei afrikanischen Gästen kann es vorkommen, dass sie ein Jahr in der DDR studiert haben. Ich persönlich sage mir oft, dass ich es mir nie hätte träumen lassen, mal hier so zu stehen und aus dieser Perspektive in Richtung Marienstrasse zu schauen.

Der 30. Jahrestag des Mauerfalls wird intensiver diskutiert als die Jubiläen zuvor. Wie empfinden Sie das?
Ich nehme es auch so wahr. Vielleicht liegt es an dem Abstand von 30 Jahren. Bei manchem, von dem man gedacht hat, dass es sich zwischen Ost und West angleichen würde, sieht man heute, dass es doch eher ein halbes Jahrhundert oder länger dauert. Nach 10 oder 20 Jahren hatte man die Hoffnung, dass es schneller geht. Aber 30 Jahre haben schon etwas fast Endgültiges. Ausserdem wird es jetzt vielleicht auch deshalb intensiver empfunden, weil nationalistische und protektionistische Tendenzen weltweit zugenommen haben, sodass wieder mehr aus dem nationalen Blickwinkel diskutiert wird. Und da richtet sich der Blick dann auch verstärkt auf die Unterschiede, die es zwischen den alten und den neuen Bundesländern gibt.

«Selbst wenn man sich noch so unauffällig verhält: Man ist immer ein Mensch, der ganz andere Prägungen erfahren hat.»

Es gibt ja auch jene, die damals im Berufsleben standen und nach30 Jahren das Gefühl haben, es hat sich für mich nichts verbessert.
Vielen ist eine berufliche Erfolgs­geschichte gelungen. Aber viele verloren auch zunächst die Arbeit, was diese Menschen die neuen Lebensmöglichkeiten natürlich viel kritischer sehen liess. In der DDR waren viel mehr Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt, und die Industrie war ineffizient. Dafür konnte der Einzelne nichts, der ja genauso fleissig wie die Menschen in Westdeutschland gearbeitet hat. Viele Menschen bekümmert auch im Rückblick, dass das, was sie in der DDR gekonnt hatten, plötzlich nicht mehr gefragt war – zum Beispiel das schnelle Erkennen, ob es Tomatenketchup oder Zellstofftaschentücher in der Kaufhalle gab. Das war eine echte Fähigkeit, Leute anzusprechen und zu fragen, wo der Stand dieser Waren war, und hinzurennen, damit man ankam, bevor er leer war. Das muss heute niemand mehr, zum Glück.

Überrascht es Sie, dass auch jüngere Generationen im Osten das Gefühl haben, über die DDR reden zu müssen?
Überraschend ist das nicht. Manchmal ist die Betrachtung der Vergangenheit aber zu schematisch. Die Jugendlichen selbst wissen oft wenig über die DDR, und alles ist davon abhängig, wie im Elternhaus und in der Schule darüber gesprochen wird. Eine aktive Aufarbeitung dessen, was die Diktatur mit Menschen gemacht hat, gab es nur punktuell. Manche Familien und manche Lehrer haben nicht die Kraft gefunden, über die DDR-Geschichte ganz frei zu sprechen, weil sie selbst ja Teil dieser Geschichte waren. Zudem darf man nicht vergessen, dass viele der Jungen inzwischen in die alten Bundesländer gezogen sind und deshalb für die Meinungsbildung in den neuen Bundesländern nicht mehr zur Verfügung stehen.

Schmerzt es Sie, dass Ostdeutschland als politische Problemregion gilt?
Ich teile diese Beschreibung nicht. Es stimmt, dass die Parteienlandschaft anders ist als in den alten Ländern und dass viel Arbeit vor uns liegt, daran etwas zu ändern. Im Herbst 1989 waren plötzlich viele Menschen in der Lage, sich klar und deutlich in die gesellschaftliche Debatte einzubringen, zum Beispiel hiess es «Stasi in die Produktion» oder «Wir sind das Volk». Gerade heute brauchen wir wieder mehr Menschen, die sich in die Diskussion über unsere Zukunft konstruktiv einbringen. Dabei gilt zugleich, dass Unzulänglichkeiten in den politischen Gegebenheiten niemals dazu befugen, die Würde anderer Menschen in Zweifel zu ziehen.

Sie haben darauf hingewiesen, dass man sein Denken nicht einfach an der Garderobe abgeben könne.
Ja, mir wurde damals klar, dass man, selbst wenn man sich noch so unauffällig oder entsprechend den Gepflogenheiten der alten Bundesrepublik verhält, immer ein Mensch ist, der ganz andere Prägungen erfahren hat. Unsere Vorstellung vom Westen war sehr geprägt von Darstellungen im Fernsehen wie zum Beispiel aus dem «Tatort» und den Erzählungen der Verwandten, die etwas mitgebracht hatten. Das war entweder mit einer Überhöhung der Kriminalität oder einer Idealisierung der Vorstellung verbunden, wie einfach man im Westen zu Wohlstand kommen kann. Scherzhaft haben wir nach der Wende oft gesagt: «Der Westen ist auch nicht mehr das, was er mal war.»

Ein paar Tage vor dem Mauerfall gab es diese Demo auf dem Alexanderplatz in Ostberlin, als plötzlich jeder reden konnte, wie er wollte . . .
. . . und die ich verpasst habe, weil ich zum 85. Geburtstag meiner Grosstante Emmy in Hamburg war.

Die Leute damals haben geredet und zugehört, noch unter den Bedingungen der Diktatur. Heute sorgen sich viele, das nicht mehr uneingeschränkt tun zu dürfen.
Das halte ich für Unsinn. Manche erwarten offensichtlich, dass ihnen immer zugestimmt wird. Aber zur Meinungsfreiheit gehört, dass sich Menschen mit einem Argument auseinandersetzen und vielleicht auch sagen, dass das Argument ganz falsch sei. Natürlich gibt es Meinungsfreiheit, aber es gibt kein Recht auf Zustimmung von allen Seiten. Diese Diskussion empfinde ich ansonsten als ziemlich gespenstisch.

Hatten Sie den Eindruck, dass sich Westdeutsche für Ihre Erinnerungen wirklich interessieren?
Es gab Menschen, die sich interessiert haben. Es gibt aber auch sehr viele, die einfach schwer verstanden haben, dass zwischen dem Staat DDR und dem individuellen Leben der DDR-Bürger durchaus ein Unterschied war. Es ist sofort verstanden worden, dass wir froh waren, raus zu sein aus diesem Staat – wenngleich dieses Verständnis doch eher eine schablonenhafte Vorstellung war.

Inwiefern?
Ich bin gefragt worden, ob man auch mal glücklich sein konnte in der DDR und ob man lachen konnte. Ja, ich und viele andere haben Wert darauf gelegt, jeden Tag in den Spiegel schauen zu können, aber wir haben auch Kompromisse gemacht. Und viele wollten auch nicht jeden Tag Republikflucht begehen oder ins Gefängnis kommen. Dieses Gefühl ist schwer zu vermitteln.

Wie viel Osten steckt in Angela Merkel?
35 Jahre. Also mehr als die Hälfte meines Lebens. Das waren ja prägende Jahre. Ich hatte sicherlich auch Glück, in einem Elternhaus zu leben, in dem häufig Gäste aus der alten Bundesrepublik waren, in dem viel diskutiert werden konnte, in dem die in Hamburg lebende Schwester meiner Mutter oft im Sommer mit ihren Kindern zu Besuch war. Aber natürlich war es ein vom Osten geprägtes Leben.

Es heisst, wenn Sie in Ihrem politischen Leben von allen Seiten unter Druck gesetzt werden, dann denken Sie an Reiner Kunzes «Die Bringer Beethovens».
Richtig.

Das ist ein Gedicht, wo jemand dazu gebracht werden soll, Beethovens 5. Sinfonie schön zu finden.
Das ist ein geniales Gedicht. Es zeigt, dass ab einem bestimmten Punkt Indoktrination keinen Sinn mehr hat. Das Indoktrinieren führt ab einem bestimmten Punkt zum Gegenteil. Auch deshalb ist meine Regierungsmethode sehr stark argumentativ. Also wenn mir nach der fünften Wiederholung kein neuer Gedanke einfällt, um mein Gegenüber zu überzeugen, dann ist es für mich erst mal gut, und ich überlege, wie ich mich dem Sachverhalt noch mal anders nähern kann. Aber zu glauben, dass man durch Indoktrinieren und das Verbreiten von Angst weiterkommt, halte ich für falsch. Das tue ich nicht und das möchte ich mir auch nicht angewöhnen.

Hat die Erfahrung mit Indoktrination auch Ihren Regierungsstil geprägt?
Ich muss die Dinge verstanden haben, bevor ich entscheide. Ich habe stets versucht, möglichst wenige meiner politischen Entscheidungen komplett umwerfen zu müssen. Ich musste es bei der Kernenergie tun und habe es getan. Aber etwa bei Griechenland und dem Euro wusste ich noch nicht am ersten Tag, was ich zu tun hatte. Dann wird manchmal der Dampf in der Küche immer heisser – und alle drängen, jetzt müsse ich etwas sagen. Dann muss ich zwar etwas schneller nachdenken; aber bevor ich nicht sicher bin, dass eine Entscheidung auch nach drei Tagen noch haltbar bleibt, spreche ich sie nicht aus. Ich habe 35 Jahre lang gelernt, dass um mich herum die offizielle Meinung eine andere als meine eigene war. Mit meiner Meinung war ich alleine oder mit ganz wenigen Menschen zusammen. Und deshalb erschüttert mich das nicht, wenn andere das anders sehen.

Manche sagen, dass Sie zu wenig die Interessen der Ostdeutschen vertreten.
Ich bin gesamtdeutsche Bundeskanzlerin, gewählt, um für die Interessen aller Deutschen zu arbeiten. Es war im Übrigen auch nicht so, dass scharenweise Leute zu mir kamen und baten, dass ich ihnen die neuen Länder mal erkläre. Ich war ja eine vielfache Minderheit, als ich in die Politik kam, ein besonders seltenes Exemplar: protestantisch, eine Frau, damals noch jung, Ostdeutsche und Naturwissenschaftlerin, was in der CDU nicht so oft vorkommt. Ich konnte ja nicht alle Minderheitenkomponenten permanent in den Vordergrund stellen.

Erstellt: 09.11.2019, 11:23 Uhr

Artikel zum Thema

Pompeo würdigt Merkel als «grosse Freundin der USA»

Der US-Aussenminister hat in Berlin die Zusammenarbeit mit Deutschland gelobt und die westlichen Verbündeten dazu aufgerufen, die Freiheit immer wieder aufs Neue zu verteidigen. Mehr...

Angela Merkel setzt ein Zeichen gegen rechtsextremen Terror

Die Kanzlerin hat an einem mehrfach geschändeten Gedenkort eine weisse Rose niedergelegt. Mehr...

Merkel zeigt sich als Meisterin der Lakonie

Nach turbulenten Wochen ist der Auftritt der Bundeskanzlerin bei der Sommerkonferenz gewohnt routiniert. Doch am Ende wird sie sehr deutlich. Mehr...

Ostdeutsche, Bundeskanzlerin,prägende Figur der Weltpolitik

Angela Merkel, 1954 in Hamburg geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete dort als Physikerin. Nach dem Mauerfall war sie im Kabinett von Helmut Kohl, 2005 löste sie Gerhard Schröder im Bundeskanzleramt ab. Angela Merkel gilt heute als mächtigste Frau der Welt, 2021 will sie bei der Bundestagswahl abtreten. Seit 1998 ist die CDU-Politikerin mit dem Quantenchemiker Joachim Sauer ver­heiratet, die Ehe blieb kinderlos. (cix)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...