«Im Ausland fehlen mir nur das Essen und der Calcio»

Italien konnte seine Regierung gestern zwar in letzter Minute retten. Doch die Stimmung im Land ist schlecht. Dies zeigt auch ein eindrücklicher Blog, der jungen Italienern eine Stimme gibt.

Im Blog von Sergio Nava äussern sich junge Italiener zu Ihrer beruflichen Situation.

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Die Jugendarbeitslosigkeit in Italien ist im August auf ein Rekordhoch gestiegen. 40,1 Prozent der Italiener zwischen 15 und 24 Jahren waren ohne Job, wie die nationale Statistikbehörde Istat jetzt mitteilte. Dies ist laut der Nachrichtenagentur Reuters der höchste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 1977.

Der Blog «Junge Talente» des italienischen Senders Radio24 lässt Betroffene ihre Lage schildern. Diese Berichte zeigen, wie schwierig es ist, in Italien den Einstieg ins Berufsleben zu finden. Und es wird klar, dass es für viele nur einen Ausweg gibt, nämlich auszuwandern.

Flucht aus Italien

Der 31-jährige Maschineningenieur Andrea Cremese aus Udine schreibt, wie er «zweimal emigriert» sei. Das erste Mal verliess er sein Land, um im Ausland Erfahrungen zu sammeln. Er lebte vier Jahre in London und eines in Hongkong. «Danach wollte ich mir meinen Traum erfüllen und in die Heimat zurückkehren.»

Cremese kehrte zurück. Und «flüchtete» bald schon wieder. Zusammen mit seiner Frau zog er nach New York, wo er nun seit sieben Monate lebt. «Ich bin aus einem Land geflüchtet, wo ich keine Perspektive mehr gesehen habe. Anders als beim ersten Mal habe ich jetzt auch keine Hoffnung mehr, zurückzukehren.»

«Keine Zukunftskultur»

Er habe in Italien eine «Trägheit angetroffen, die eine Veränderung verunmöglicht. Und es fehlt an Möglichkeiten und Verantwortungsbewusstsein.» Der Ingenieur schliesst seinen Beitrag mit den Worten: «Was mich sehr betrübt, ist, wie die Italiener in der ganzen Welt wegen ihres Arbeitswillen geschätzt werden und gleichzeitig unfähig sind, die Situation in ihrem eigenen Land zu verändern.»

Auch der 25-jährige Edoardo schildert seine Lage auf «Giovani Talenti». Er hält sich seit fünf Jahren im Ausland auf und arbeitet zurzeit im Marketing bei Unilever in London. Er schreibt: «Erst im Ausland habe ich gelernt, das Leben entschlossen und zielgerichtet anzupacken. Das heutige Italien ist ein Land, das mit sich selber beschäftigt ist. Dieses Land hat kein Interesse, sich zu öffnen und sich zu verbessern.»

Es gebe keine Zukunftskultur und keine Kultur, die junge Menschen fördere, schreibt Edoardo. «In Italien ist es besser, sein Talent zu verstecken, als dieses zu kultivieren. Im Ausland fehlen mir nur das Essen und der Calcio. Ich werde kaum nach Italien zurückkehren.»

Lieber in China

Valentina Preti ist 30 Jahre alt und arbeitet als Urban Designer in Shanghai. Sie studierte Architektur in Mailand und arbeitete drei Jahre lang in ihrer Heimat in diesem Beruf. Doch sie wurde dabei nicht glücklich.

Sie schreibt: «Weil mir der Architektenberuf, so wie er in Italien ausgeübt werden kann, nicht gefallen hat, bin ich 2010 mit einem Stipendium nach China gegangen. In Italien hatte ich als Architektin keine Perspektiven. Das ist in Shanghai ganz anders. Dort kann ich als Architektin und als ‹Environmental Sustainability Professional› arbeiten.»

Lesen Sie weitere Einträge im Blog «Giovani Talenti». (sam/vin)

Erstellt: 03.10.2013, 12:44 Uhr

«Ich werde kaum nach Italien zurückkehren»: Edoardo, der in London lebt.

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