Hintergrund

Im Kulissenstaat des Ramsan Kadyrow

Hinter dem Anschlag auf den Flughafen von Moskau stehen angeblich Islamisten aus dem Kaukasus. In Grosny dagegen scheint es, als wäre alles in bester Ordnung. Doch die Tschetschenen leben in permanenter Angst.

Die Moschee in Grosny gilt als «Herz Tschetscheniens». Die vierspurige Hauptstrasse trennt sie vom Parkplatz ab – ein Planungsfehler.

Die Moschee in Grosny gilt als «Herz Tschetscheniens». Die vierspurige Hauptstrasse trennt sie vom Parkplatz ab – ein Planungsfehler. Bild: Keystone

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Auf dem Flughafen in Grosny heisst ein riesiges Porträt des ehemaligen tschetschenischen Präsidenten Achmed Kadyrow, der 2004 bei einem Attentat getötet wurde, die Besucher willkommen. Daneben hängt, ebenso gigantisch, das Bildnis des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew – damit keine Zweifel aufkommen, dass Tschetschenien ein fester Bestandteil Russlands ist. Im April 2009 wurde die zehnjährige «antiterroristische Operation» für beendet erklärt – will sagen: der zweite Tschetschenienkrieg Russlands.

Jetzt ist es ruhig in Grosny, der Bauboom ist in vollem Gange, und Ramsan Kadyrows Allgegenwart wird immer intensiver. Die Porträts von Ramsan, des Sohns von Achmed und heutigen Statthalters Moskaus in Tschetschenien, schmücken fast jede Wand im Lande: Hier ist er mit Putin abgebildet, dort mit Medwedew oder mit seinem Vater Achmed. Es ist Samstagabend, und viele Menschen arbeiten an der Rekonstruktion des Parks und der Hauptstrasse.

«Freiwilligenarbei»t am Wochenende

Kürzlich wurde «subbotnik» eingeführt, die freiwillige Arbeit am Wochenende, eine Neuauflage aus der Sowjetzeit. «Versuch mal, ‹subbotnik› zu umgehen. Erfährt es Ramsan, wirst du entlassen», sagt unsere Begleiterin Ajbika. Daher, meint sie, beteiligten sich so viele daran. Manch ein Stadtviertel sei dank «subbotnik» wieder auf Vordermann gebracht worden. Auch wenn Ajbika Kadyrow lobt, senkt sie beim Aussprechen seines Namens die Stimme und schaut sich dabei um.

An einer Hausfassade prangt die grosse Aufschrift «Ramsan, wir danken dir für Grosny». Der Boulevard im Stadtzentrum heisst Putins Prospekt – das hat Kadyrow im Oktober 2008 so bestimmt. Als Dank an Putin für seine «besonderen Verdienste im Kampf gegen den Terrorismus, für ökonomischen und sozialen Wiederaufbau der Tschetschenischen Republik». Der Boulevard glänzt, aber etwas stimmt nicht. Auf beiden Strassenseiten auf einer Länge von nur 50 Metern gibt es 17 Apotheken. «So hat es wohl Ramsan haben wollen», kommentiert Ajbika. Ein Stück weiter steht seit zwei Jahren ein fünfstöckiger moderner Wohnblock, aber nur in einem von Hunderten von Fenstern brennt Licht; niemand kann sich das hohe Schmiergeld leisten, um hier einzuziehen.

Die beleuchtete Moschee nennt man das Herz Tschetscheniens. Für dieses Prunkstück der Stadt wurde noch zu Sowjetzeiten Ende der 80er-Jahre der Grundstein gelegt. Eine türkische Firma hat die Moschee entworfen – die Ähnlichkeit mit der Blauen Moschee in Istanbul springt ins Auge –, doch erst im Oktober 2008 wurde sie eingeweiht. Sie bietet 10'000 Gläubigen Platz, und man sagt, sie sei die grösste Moschee in Europa. «Neulich betrat Ramsan die Moschee mit einem Hund, obwohl dies verboten ist. Er entliess daraufhin ein paar Muftis mit der Begründung, er sei ein gewöhnlicher Mensch, und man hätte ihn am Betreten mit einem Hund hindern sollen», erzählt unsere Stadtführerin.

Strassensperre für Gläubige

Zwischen der Moschee und einem Parkplatz für Hunderte Autos verläuft die vierspurige Hauptstrasse. Dieser Planungsfehler – und solche gibt es im scheinbar wunderbar wiederaufgebauten Zentrum mehrere – behebt man bei Gottesdiensten auf einfache Art: Die Hauptstrasse wird kurzerhand gesperrt, sodass die Gläubigen vom Parkplatz zur Moschee gelangen können. An Strassensperren sind die Bewohner von Grosny ohnehin gewohnt. Täglich entsteht dadurch ein Verkehrschaos. Man wird vorher nicht benachrichtigt und erfährt auch nicht den Grund. Die Kinder kommen zu spät zur Schule, und der Arbeitsweg kann eine Stunde länger dauern.

Die Lage ändert sich jeden Moment, und das ist fürs ganze Land charakteristisch: Es scheint, als wäre alles in bester Ordnung, wiederaufgebaut und hübsch, aber die Anzahl von kleinen Unvollkommenheiten ist selbst für russische Verhältnisse zu hoch. Als würde man sich in Kulissen bewegen, die eine Realität vorgaukeln, doch für das wirkliche Leben unbrauchbar sind.

Überall Korruption

Wir stossen auf eine Strassensperre, bewaffnete Uniformierte patrouillieren – davon gibt es in Grosny viele. Polizei, Einheiten des Innenministeriums, Spezialeinheiten, Sicherheitskräfte, jeder Dienst hat eine andere Uniform. Ihre Vertreter sind allerdings alle bärtig und sehen wie Kämpfer aus den Bergen aus. Ein etwa 20-jähriger Bursche hantiert mit einer Kalaschnikow; eine Weile zielt er auf uns, offensichtlich hat er Spass daran. Unsere Begleiterin sagt etwas auf Tschetschenisch, er lässt uns durch. Wir nähern uns der nächsten Patrouille; die Bewaffneten zanken sich laut, und jemand ruft uns zu, wir sollen in der Strassenmitte gehen. «Kein Wort jetzt», ermahnt uns nervös Ajbika, als wir die Patrouille passieren.

Dank Kadyrow herrsche Sicherheit und Ruhe, sagt der Unternehmer Chamid. Dafür müsse er für jeden Job, für jeden Auftrag jemanden schmieren, sagt er. «Willst du Arbeit? Dann gib zuerst zehn Monatsgehälter. Will dein Kind zur Schule? Bezahle. Musst du ins Spital? Willst du ein Geschäft aufmachen? Brauchst du eine Bestätigung vom Steueramt, vom technischen Dienst? Alle nehmen und zahlen Schmiergeld», sagt Chamid. «Wer ganz unten ist, der gibt dem darüber, dieser seinem Chef, und an der Spitze der Pyramide steht Kadyrow.» Irgendwie müsse der doch den Wiederaufbau bezahlen, beschreibt Chamid das ausgeklügelte System.

Im selben Atemzug lobt er Kadyrow für den Elan, mit dem er persönlich den Wiederaufbau kontrolliere. Wer einen Termin nicht einhalte, werde entlassen und bestraft. Dann sagt er aber auch, solange Russland im Kaukasus bleibe, werde es hier nie Ruhe geben. Es sind nur noch drei Jahre bis zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014, so lange werde der Kreml versuchen, den Frieden in Tschetschenien mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten. «Danach wird das Chaos ausbrechen.»

Diskotheken sind verboten

Dieser Widerspruch unter der Oberfläche ist für das heutige Tschetschenien bezeichnend. In einem Satz sagen die Menschen, wie schlimm es ist, im nächsten ist alles ganz und gar grossartig. Als ob sie nicht wüssten, wem und was sie glauben sollten – den eigenen Gefühlen oder der allgegenwärtigen Propaganda.

Der gewollte Optimismus schwindet im Dunst der unerfüllten Hoffnungen. Die Arbeitslosigkeit ist enorm, herumlungernde Männer sieht man überall. Im Gespräch sagen sie, dass sie ganz normal leben und abends in die Disco gehen möchten. Aber Ramsan hat Diskotheken verboten. Unterhält man sich länger mit ihnen, wird man ob ihrer aussichtslosen Situation ganz ratlos. Der junge Sulejman, der ein Jahr lang in Tschechien studiert hat, bewarb sich um eine Arbeitsstelle beim Stadionbau, für den die slowakische Firma NFS Consulting zuständig ist. Er dachte, er könnte hier seine Tschechischkenntnisse nutzen. Der Arbeitsvermittler verlangte aber als Schmiergeld die Summe von gleich mehreren Jahreslöhnen.

Jeder Tag ist ein zäher Kampf darum, ob der andere die Summe des Schmiergeldes senkt. Und alle setzen sich vor den Fernseher und möchten glauben, was ihnen dort gezeigt wird: dass der Wiederaufbau voranschreitet; dass die Lebensqualität für alle gehoben wird; dass einem Sportler für seine Leistung von Ramsan persönlich der Schlüssel einer neuen Wohnung überreicht wurde. Und schon glauben sie an diese Bilder, rennen in den Kulissen ihrer Stadt umher und gebärden sich, als wäre es eine beleuchtete Bühne, die von einer Kamera aufgenommen wird. Dann aber stossen sie sich unweigerlich hart an der Realität an. Aus diesen täglichen Zusammenstössen entsteht die Frustration und die Nervosität, die auf den ersten Blick unsichtbar ist und sich dennoch in alle Ecken der Gesellschaft frisst.

Islamisierung von oben

Das Fernsehen ist in Tschetschenien ein mächtiges Instrument. In jedem Haus steht ein Apparat, und das weiss Ramsan Kadyrow zu nutzen. Am Bildschirm des tschetschenischen Hauptkanals dominiert er die täglichen Nachrichten. Als Republikchef (die Funktion des Präsidenten hat er freiwillig abgegeben mit der Begründung, dass es in der Russischen Föderation nur einen Präsidenten geben könne) sitzt er zuoberst an einem Tisch und wäscht seinen Ministern den Kopf. Sie stehen in Achtungstellung vor ihm, wobei der um eine Generation jüngere Kadyrow sie von seinem Sessel aus für die Nichteinhaltung seiner Befehle tadelt. Ab und zu entlässt er einige von ihnen, und das Volk mag das.

Die TV-Moderatorin verschwindet neuerdings unter einem Kopftuch, kein Härchen ist zu sehen. Wenn die Fernsehkamera Grosny zeigt, wählt sie Passantinnen mit streng gebundenem Kopftuch aus, dabei sind diese rar. Die meisten Tschetscheninnen tragen ein lockeres Kopftuch als Ergänzung zu ihrem Outfit. Die Islamisierung im Land ist eine Realität. Sie kommt von oben. Es gibt ein von Kadyrow eingerichtetes Spital, wo vom Teufel Besessene mit Gebeten behandelt werden. Das einst multikulturelle Grosny ist ethnisch fast rein geworden. Einst ansässige Russen und andere Nationalitäten haben das Land während der Kriege verlassen. Russisch hört man nicht mehr auf der Strasse, dafür ist die Mehrheit der Slogans, die Kadyrow und die unverbrüchliche Freundschaft Tschetscheniens mit Moskau loben, auf Russisch.

Blau gegen Grün

Auf der Kreuzung versperrt eine Wagenkolonne die Strasse. Die Autos haben verdunkelte Fenster. Eine weisse Limousine braust heran – eine tschetschenische Hochzeit. Aus einem Wagen streckt jemand die Hand mit einer Kalaschnikow heraus und schiesst ein paar Mal in die Luft. «Das ist offiziell nicht mehr gestattet. Kürzlich wurde auf diese Weise eine junge Frau getötet, die sich im fünften Stock aus dem Fenster lehnte. Danach hat es Ramsan verboten», sagt eine unserer Begleiterinnen. «Aber das hier sind irgendwelche wichtigen Leute.»

Vor unserem Abflug ist wieder die Hälfte der Stadt gesperrt. Wir fahren auf Umwegen und auf der Gegenfahrbahn, schaffen es rechtzeitig zum Flughafen. Auf einmal hört man Sirenen. Dem Flughafen nähern sich schwarze Limousinen mit 200 Kilometern pro Stunde. Der russische Innenminister ist eben in Grosny gelandet. Die Flughafensicherheit wurde nicht benachrichtigt; einer rennt zur Absperrung, um sie zu öffnen, doch schon kracht der erste Wagen hinein und zerschlägt sie.

«Den wird Ramsan sofort entlassen», kommentieren unsere Begleiter. Aus den Wagen springen bis auf die Zähne bewaffnete Männer in blauen Uniformen, sie rennen zu nicht minder bewaffneten Flughafensicherheitskräften (in grünen Uniformen); alle schreien sich gegenseitig an im gutturalen Tschetschenisch und fangen eine Schlägerei an. Die unbeteiligten Passagiere hoffen, dass niemand schiesst, wie dies häufig bei Streitigkeiten zwischen verschiedenen Einheiten geschieht.

In der Abfertigungshalle ist es ruhig, als ob draussen nichts los wäre. Wieder dieser Widerspruch. Die Anspannung ist greifbar. Sie ist stets da. Es genügt ein Funke, schon wird alles explodieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2011, 20:39 Uhr

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