«Im Luftraum könnte es brenzlig werden»

Satellitenbilder der Nato sollen Russlands Aufmarsch an der Grenze zur Ukraine beweisen. Moskau verneint. Alexandre Vautravers, Chefredaktor der «Revue militaire suisse», beurteilt den eskalierenden Konflikt.

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Gestern veröffentlichte die Nato Satellitenbilder, die russische Kampfflugzeuge, Helikopter, Panzer und Artillerie zeigen. Russland sagt, die Aufnahmen seien nicht aktuell, sondern vom letzten August. Ein Krieg der Bilder?
Es ist ein Informationskrieg zwischen mehreren Parteien. Tatsächlich finden zurzeit aber grössere russische Truppenverschiebungen statt. Die entscheidende Frage ist, was die Absicht dahinter ist? Es gibt viele Volltruppenmanöver in dieser Region, besonders in diesem Jahr. Die meisten davon wurden zuvor angekündigt im Rahmen der Osze. Die Problematik besteht jetzt in der Interpretation der Bilder. Sind diese Truppen für eine Übung unterwegs. Sind sie dort, um die ukrainische Regierung zu beeindrucken und zu destabilisieren? Oder handelt es sich effektiv um Vorbereitungen für eine Art Invasion oder Schutzoperation?

Einige russische Verbände bewegten sich seit zwei Wochen nicht. Das spreche nicht für ein Manöver, warnen Beobachter.
Die russische Regierung hat einige der Manöver unterbrochen. Dies soll Missverständnisse und Fehlinterpretationen der russischen Absichten verhindern. Man erwartet Übungen mechanisierter Verbände. Aber die meisten russischen Truppen an der südöstlichen Grenze zur Ukraine sind leichte Formationen: Spezial- und Luftlandetruppen. Man sieht also nicht ein Bild des kalten Krieges mit Panzerdivisionen im sowjetischen Stil. Die russische Präsenz ist subtiler und könnte auch indirekt geführt werden.

Nato-Experten sagen, die russische Truppenkonzentration reiche, um den ganzen Osten und sogar den Süden der Ukraine zu erobern. Ist das übertrieben?
Zur Zeit befinden sich rund 40'000 russische Soldaten an der Grenze zur Ukraine. Das reicht, um einen grossen Teil des ukrainischen Territoriums zu erobern. Den Russen stehen theoretisch 90'000 ukrainische Soldaten gegenüber. Davon muss man aber etwa 40 Prozent abziehen, die im Ernstfall entweder desertieren oder zur anderen Seite überlaufen werden. Man sollte auch nicht vergessen, dass die Qualität und Verfügbarkeit der ukrainischen Truppen sehr beschränkt ist. Die Ukraine wendet weniger als 0,6 Prozent ihres BIP für die Verteidigung auf.

Wenn sie tatsächlich angreifen wollten, würden die Russen dann nicht ihre Flugzeuge und Panzer tarnen? Auf den Satellitenbildern sieht man nichts dergleichen.
Tarnnetze schützen nicht davor, gesehen zu werden. Heutige Satelliten und die Aufklärungsflugzeuge der Nato, die in der Region operieren, verfügen über die besten Wärmebildgeräte, Radars und elektronischen Peiler. Tarnung spielt also keine wichtige Rolle. Wir befinden uns aber klar in einem Informationskrieg, in einem Krieg der Beeinflussung und der Einschüchterung. In diesem Rahmen erfüllen die russischen Truppen ihre Mission. Aber wie gesagt, ist die grosse Frage, wie der russische Aufmarsch zu interpretieren ist. Handelt es sich lediglich um Einschüchterung oder sind es doch Bewegungen, die in offensive und aggressive Aktionen gegen die Ukraine münden werden?

Für eine Invasion spricht laut einigen Beobachtern, dass die Russen auch Nachschublinien aufgebaut und mobile Lazarette dabei haben. Das deute darauf hin, dass sie mit Verlusten rechnen.
Diese Interpretation ist nicht zwingend. Es gibt ein grosses Dispositiv vor Ort. Das ist bei Manövern grosser militärischer Verbände nicht aussergewöhnlich. Die Einsatzbereitschaft der russischen Truppen nimmt aber effektiv zu. Man könnte ihnen leicht den Einmarsch in die Ukraine befehlen, vielleicht innert Tagen und Wochen.

Betrachtet man die Gesamtsituation mit den Bewegungen russischer, ukrainischer und Nato-Truppen: Glauben Sie, ein Krieg steht kurz bevor?
Der Krieg hat bereits begonnen. Es ist aber nicht der Krieg, den man erwartet mit Tausenden von Panzern, massivem Artilleriefeuer und zivilen Flüchtlingsströmen. Der Informationskrieg und der Krieg der Einschüchterung werden bereits geführt. Schwere Kampftruppen sind aber ein wichtiges Element bei den jetzigen diplomatischen und indirekten Aktionen.

Was kommt als Nächstes?
Im Luftraum könnte es brenzlig werden. Das zeigen die Beispiele Syrien und Ex-Jugoslawien. Die ersten Scharmützel und Zwischenfälle fanden jeweils in der Luft statt. Die Nato hat ihre Luftstreitkräfte im Osten deutlich verstärkt. Mehrere Staffeln von Kampfflugzeugen wurden in die baltischen Staaten und nach Polen verlegt. Flugzeuge für die elektronische Kriegführung sind schon im Einsatz. Die neusten Informationen besagen, dass Russland grosse Verbände der Luftstreitkräfte mit hochmodernen und leistungsstarken Maschinen in die Region verlegt hat. Man muss in den nächsten Tagen oder Wochen mit Scharmützeln rechnen. Die Frage ist dann, wie die verschiedenen Parteien reagieren? Wie schnell und wie weit geht die Eskalation?

Erstellt: 11.04.2014, 14:54 Uhr

^Lawrow: Weder russische Agenten noch Soldaten im Osten der Ukraine

Russland hat im mehrheitlich russischsprachigen Osten der Ukraine nach den Worten von Aussenminister Sergej Lawrow «weder Agenten noch Soldaten. «Wir werden beschuldigt, dort über Sicherheitsagenten zu verfügen. Es gibt keine», wurde Lawrow am Freitag von russischen Nachrichtenagenturen zitiert.

Auch russische Soldaten gebe es dort nicht. US-Aussenminister John Kerry hatte Russland am Dienstag beschuldigt, «Provokateure» in die Ostukraine eingeschleust zu haben. Diese sollten demnach «Chaos» stiften, damit Moskau einen «Vorwand» für eine militärische Intervention hätte.

Entsprechende Vorwürfe erhob auch die aus dem Umsturz von Ende Februar hervorgegangene Übergangsregierung in Kiew. NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hatte Moskau vor einer «Eskalation» der Lage im Osten der Ukraine gewarnt.

In östlichen Regionen, unter anderem in den Städten Donezk, Charkow und Lugansk, hatten prorussische Demonstranten in den vergangenen Tagen Verwaltungsgebäude besetzt. In Donezk hatten die Aktivisten am Montag eine «souveräne Volksrepublik» ausgerufen und einen Volksentscheid über eine Abspaltung von der Ukraine gefordert. (sda)

Alexandre Vautravers ist Professor für Internationale Beziehungen an der Webster University in Genf und Chefredaktor der «Revue militaire suisse». In der Schweizer Armee diente er als Oberstleutnant im Generalstab bei den Panzertruppen.

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