Im Namen der Rache

Die mutmasslichen Mörder des russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow geben vor, aus Glaubensgründen gehandelt zu haben. Doch es gibt andere Erklärungen.

Boris Nemzow spricht an einer Demonstration 2010 mit einen Mann in Putin-Maske. Foto: Alexander Kudenko (Keystone)

Boris Nemzow spricht an einer Demonstration 2010 mit einen Mann in Putin-Maske. Foto: Alexander Kudenko (Keystone)

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Die Sitzung des russischen Parlaments, der Staatsduma, am Dienstag wäre eine Gelegenheit gewesen für ein Zeichen. Dafür, dass im Tod jede Feindschaft aufhört und dass ein Mord als Mittel der politischen Auseinandersetzung nicht geduldet wird. Doch die Gelegenheit verstrich ungenutzt. Das Zeichen war nicht erwünscht.

Der junge Abgeordnete Dmitri Gudkow, seit langem schon in der Rolle einer Art Einmannopposition im Parlament, in dem die Parteien zwar unterschiedliche Namen tragen, ihre Vertreter aber stets im Sinne des Kreml abstimmen, hatte eine Gedenkminute für Boris Nemzow beantragt. Immerhin war dieser einst Fraktionschef in diesem Parlament und Vizepremier, auch wenn das schon mehr als 15 Jahre her ist.

Doch Parlamentspräsident Sergei Naryschkin liess den Antrag erst gar nicht zur Abstimmung zu. Der Nationalist Wladimir Schirinowski erinnerte daran, dass das Parlament sich nur zum Gedenken erhebe, wenn der Präsident des Landes Volkstrauer ausgerufen habe. Wladimir Putin aber hatte es nach dem Mord an einem seiner erbittertsten Gegner bei einem Telegramm an die Mutter des Getöteten belassen. «Bei uns stirbt jede Woche jemand», sagte Schirinows­­ki, «dann steht die Duma nur noch.»

Folterspuren

Seitdem ein Moskauer Gericht vor einer Woche Haftbefehl gegen fünf Männer aus Tschetschenien erlassen hat, gelten die Täter als gefasst. Staatliche und Kreml-kritische Medien gleichermassen präsentieren den 31-jährigen Saur Dadajew als denjenigen, der mutmasslich die sechs Schüsse auf Boris Nemzow abgegeben hat. Sein Geständnis aber hat er inzwischen widerrufen. Ein Mitglied des russischen Rats für Menschenrechte berichtete von Folterspuren an seinem Körper. Beschuldigt werden ausserdem die Brüder Schagid und Ansor Gubaschew, die den Ermittlungen zufolge ihrem Opfer seit Wochen gefolgt sein sollen. Sie sind mit dem Hauptbeschuldigten Dadajew verwandt.

Über die Fragen, wer den Auftrag für den Mord gab und ihn mit welchen Motiven organisiert hat – über all das gehen die Meinungen weit auseinander. Das Ermittlungskomitee der Russischen Föderation, eine Art russisches FBI, erklärte den Fall für gelöst. Dadajew soll Schütze und Organisator sein. Sein Motiv: religiös begründeter Hass, weil Nemzow sich nach dem Anschlag von Paris mit der Redaktion des Satireblatts Charlie Hebdo solidarisch erklärt hatte.

So verbreiten es die staatstreuen Medien. Doch weder Nemzows Hinterbliebene noch seine Anhänger aus der Opposition, noch kritische Medien in Russland schenken dem Glauben. Zu viel spricht dagegen. Und zu viele Verbindungen führen von den festgenommenen Männern zu hochrangigen Politikern und Angehörigen russischer Sicherheitsorgane.

«Ich liebe den Propheten Mohammed»

Als vor Gericht die Kameras liefen, rief der bärtige Dadajew: «Ich liebe den Propheten Mohammed.» Doch als Journalisten im Kaukasus seine Mutter ausfindig machten, konnte diese sich nicht daran erinnern, dass ihr Sohn je besonders religiös gewesen sei. Ähnlich ging es den Verwandten der anderen Beschuldigten.

Nemzows Aussagen nach dem Attentat in Paris waren sehr zurückhaltend; er rief nicht dazu auf, Karikaturen des Propheten Mohammed zu drucken. Und er war nicht der einzige russische Politiker, der Solidarität zeigte: Aussenminister Sergei Lawrow nahm in Paris am Trauermarsch teil. Auch der französische Schauspieler Gérard Depardieu, Putin und dem tschetschenischen Gewaltherrscher Ramsan Kadyrow seit Jahren freundschaftlich verbunden, veröffentlichte ein Foto, in dem er ein Schild mit der Aufschrift «Je suis Charlie» hält.

Kadyrow aber ist der Mann, zu dem zahlreiche Verbindungen von den mutmasslichen Tätern führen. Saur Dadajew war zweiter Kommandeur im Bataillon Sewer («Norden»). In der Einheit wurden nach dem Ende des zweiten Tschetschenienkrieges vor sechs Jahren die Kämpfer des moskautreuen Achmat Kadyrow organisiert, des Vaters von Ramsan. Die etwa 600 Mann sind als Teil der 46. Brigade des Innenministeriums in Grosny stationiert. Als die Festnahme publik wurde, gab Kadyrow ein zweideutiges Statement ab: «Ich kannte Saur als echten Patrioten Russlands», sagte er und lobte ihn als «einen der tapfersten und furchtlosesten Soldaten der Einheit». Er sei wohl wie alle Muslime «von den Taten ‹Charlies› und den Worten der Unterstützung für die Karikaturen erschüttert» gewesen. Einen Tag später verlieh Putin Kadyrow den Verdienstorden «für die erreichten Erfolge, eine aktive gesellschaftliche Tätigkeit und langjährige gewissenhafte Arbeit». Ein Kreml-Sprecher stritt jeden Zusammenhang ab. Die Auszeichnung sei seit Monaten vorbereitet gewesen.

Mehr politische Verbindungen

Die kritische «Nowaja Gaseta», bekannt für aufwendige Recherchen, legte weitere Verbindungen zwischen dem Bataillon Sewer und der Politik offen. Organisiert hat den Mord demnach nicht Dadajew selbst, sondern ein anderer hochrangiger Offizier der Einheit mit Namen Ruslan, hiess es unter Berufung auf Ermittler. Der Blogger Alexei Nawalny veröffentlichte daraufhin bald den Nachnamen des Mannes: Ruslan Geremejew ist der Neffe eines Abgeordneten, der für die Republik Tschetschenien im Föderationsrat sitzt, dem Oberhaus des russischen Parlaments. Bataillonschef soll der Bruder eines anderen Abgeordneten sein. Nach Recherchen der «Nowaja Gaseta» soll er Dadajew nach Moskau begleitet haben.

Das Blatt glaubt, dass es am Präsidenten selbst liege, bis zu welcher Ebene der Mord aufgeklärt werde. Bei den Ermittlungsbehörden und der Polizei sei der Ärger über die Tschetschenen gross, die mit dem Mord 100 Schritte vom Kreml entfernt das Gewaltmonopol des Staates herausgefordert hätten. Zwischen zwei Stützen des Regimes – dem Geheimdienst und den moskautreuen Tschetschenen – sei ein offener Krieg ausgebrochen.

Nemzows Tochter, die 30-jährige Fernsemoderatorin Schanna Nemzowa, hält diese Version für viel zu kompliziert. Machtkämpfe gebe es wohl, aber sie seien nicht der Anlass für den Mord. «Mein Vater war eine zentrale Figur der Opposition. Ramsan Kadyrow wurde mit einem Orden ausgezeichnet.» Darin liege wohl die Wahrheit verborgen, die sich viele nicht auszusprechen trauten.

Erstellt: 18.03.2015, 18:57 Uhr

«Du bist die Nächste»

In Moskau kursiert eine Todesliste mit den Namen Oppositioneller. Die Furcht geht um.

Auf Twitter meldete sie sich. Ganz überzeugend aber klang es nicht. «Was meine Emigration betrifft, haben meine Freunde ein bisschen übertrieben», schrieb die Journalistin Xenia Sobtschak am Montag. «Aber der Abend war wirklich herzlich, und wir hatten guten Wein.» Das Dementi galt einem Bericht der Wirtschaftszeitung «Kommersant», demzufolge Sobtschak eine Abschiedsparty gefeiert habe, weil sie das Land verlassen wolle – aus Angst um ihr Leben.

Sobtschak ist die Tochter des ehemaligen Bürgermeisters von Sankt Petersburg, Anatoli Sobtschak, an dessen Seite der russische Präsident Wladimir Putin einst seine ersten Schritte in der Politik machte. Bei den Massenprotesten gegen gefälschte Wahlen vor vier Jahren wandelte sie sich von einer Society-Journalistin zu einer scharfen Kritikerin des Kreml. An der Trauerfeier für Boris Nemzow zeigte sie sich mit modischer Sonnenbrille und dunklem Pelz. Sie soll nun zwar tatsächlich ins Ausland gereist sein, hiess es in Moskau. Allerdings nur auf Zeit.

«Antimaidan»

Seit dem Mord an Boris Nemzow geht unter Russlands Oppositionellen die Angst um. Viele fragen sich, ob auch sie um ihr Leben fürchten müssen. Erst recht, weil gleich mehrere Gruppen infrage kommen, so eine Tat auszuführen. Anfang des Jahres war die Bewegung Antimaidan gegründet worden, ein Zusammenschluss unterschiedlicher rechtsnationaler Organisationen. Eine Woche vor dem Mord an Nemzow hatten sie 35 000 Menschen mobilisiert, die – teils gegen Bezahlung  – Plakate durch die Strassen Moskaus trugen, auf denen Nemzow und andere als «Organisatoren des Maidan» angeprangert wurden – und jedermann dazu aufgerufen wurde, sie «fertigzumachen». Der Antimaidan wird offensichtlich vom russischen Staat unterstützt. Zweimal gaben die Anführer der Bewegung Pressekonferenzen in den Räumen der staatlichen Nachrichtenagentur Rossija Segodnja. Zu ihnen gehört Dmitri Sablin, der als Abgeordneter im Föderationsrat sitzt und nebenbei dem Veteranenverband Waffenbrüder vorsteht. Dort sind Offiziere aus Militär und Geheimdienst organisiert. In dieser Funktion hat Sablin auch eine Patenschaft für das Bataillon Sewer übernommen – die Einheit in Grosny, aus der Nemzows mutmassliche Mörder stammen.

Die «Nowaja Gaseta» berichtete vor einer Woche, die Ermittler hätten Präsident Wladimir Putin bereits in der ersten Märzwoche über ihre Ergebnisse unterrichtet. Dabei sei auch die Rede von einer Todesliste gewesen, auf der die Namen weiterer Kreml-Gegner standen, darunter Alexei Wenediktow, der Chefredakteur des liberalen Radiosenders Echo Moskaus, und eben Xenia Sobtschak.

Drohung an der Trauerfeier

Putins Sprecher Dmitri Peskow bestritt, dass es eine solche Liste gebe, die Behauptung sei absurd. Dennoch werden Wenediktow und Sobtschak seither von Personenschützern bewacht. Wie viele andere Journalisten und Aktivisten hatten die beiden schon mehrmals anonyme Drohungen erhalten. Wie im Falle von Boris Nemzow hatten Anzeigen bei der Polizei aber zu keinem Ergebnis geführt. Bei der Trauerfeier für Nemzow kam ein Unbekannter auf Sobtschak zu und raunte ihr zu: «Du bist die Nächste.» So berichtete es die Moderatorin später. Radio-Chefredaktor Wenediktow, der in der Nähe stand, sagte, der Mann sei sogar mehrmals auf sie zugekommen. Und die Botschaft sei eindeutig gewesen.
Julian Hans

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