In Kosovo fällt die Mauer des Schweigens

In diesen Tagen dürfte das Parlament in Pristina der Gründung eines Sondertribunals zustimmen, das die Kriegsverbrechen hoher Kosovo-Rebellen untersuchen soll. Wegbereiter ist der frühere Ständerat Dick Marty.

Während des Kosovo-Kriegs gebärdete sich die UCK als brutale Ordnungsmacht: Trauerfeier in Belgrad für serbische Opfer aus Orahovac respektive Rahovec.

Während des Kosovo-Kriegs gebärdete sich die UCK als brutale Ordnungsmacht: Trauerfeier in Belgrad für serbische Opfer aus Orahovac respektive Rahovec. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es wächst wieder Wein an den Hängen rund um Rahovec. Am blauen Horizont sieht man mit Schnee gepuderte Berge, auf den Feldern rattern alte Traktoren, und in den Kaffeehäusern im Stadtzentrum beginnt der Tag für viele mit einem türkischen Mokka und einem kleinen Schnaps. Zwei grosse Weinkeller sind schon privatisiert, es wird wieder exportiert in alle Welt. Ein wenig erinnert das an alte jugoslawische Zeiten, als der rote Amselfeder, ein bekannter und billiger Markenwein aus Kosovo, die westeuropäischen Verkaufsregale füllte.

Doch die Idylle von Rahovec – die Serben nennen es Orahovac – trügt. Der Krieg liegt zwar schon fünfzehn Jahre zurück, aber seine Schatten lassen sich nicht bannen. Im Sommer 1998 vertrieb die kosovo-albanische Befreiungsarmee (UCK) für ein paar Tage die serbischen Streitkräfte aus dieser Kleinstadt im Zentralkosovo und gebärdete sich als brutale Ordnungsmacht. Mehrere Dutzend Serben und Roma wurden misshandelt oder gekidnappt. Das Schicksal dieser Menschen ist bis heute nicht geklärt. Olgica Bozanic, eine aus der Umgebung von Rahovec nach Belgrad geflüchtete Serbin, vertritt die Familien der Vermissten. Zwei ihrer Brüder wurden in einem Massengrab in Kosovo gefunden, von weiteren zehn Angehörigen fehlt jede Spur. «Es handelt sich um Menschen, nicht um Ameisen, die von der Erde verschluckt werden», sagt Bozanic jeweils bei ihren öffentlichen Auftritten. Sie hat seit Jahren mit der internationalen Justiz zusammengearbeitet und eindringlich appelliert, Ermittlungen aufzunehmen und die Täter vor Gericht zu bringen. Ohne Erfolg.

Eine Mauer des Schweigens

Die ehemalige UNO-Chefanklägerin Carla Del Ponte beklagt sich in ihren Memoiren über eine «Mauer des Schweigens» in der kosovo-albanischen Gesellschaft. Die ehemaligen UCK-Befehlshaber, die heute im feinen Zwirn in Kosovo herrschen, haben eine Erinnerungskultur durchgesetzt, die eigene Verfehlungen oder Kriegsverbrechen während des bewaffneten Widerstandes gegen das Belgrader Unterdrückungsregime ausschliesst. Von den etwa 1700 Vermissten des Kosovo-Krieges sind aber etwa 500 Angehörige von Minderheiten (vor allem Serben und Roma).

Nun endlich könnte ein Sondertribunal etwas Licht in das dunkle Kapitel der jüngsten kosovarischen Vergangenheit bringen. Hinter den Kulissen sind die Würfel schon gefallen: Die USA und die Europäische Union möchten das Gericht gründen, um hochrangige UCK-Kommandanten zur Verantwortung zu ziehen. In den nächsten Tagen muss das Parlament in Pristina grünes Licht für die juristische Aufarbeitung geben. Dass es so weit kommt, ist das Verdienst eines Schweizers: Dick Marty, der frühere Tessiner FDP-Ständerat, hat vor mehr als drei Jahren im Auftrag des Europarats einen erschütternden Bericht verfasst. Darin warf er der UCK-Führung und dem heutigen Premierminister Hashim Thaci massive Menschenrechtsverletzungen und sogar illegalen Handel mit Organen entführter Serben vor. Dies soll während und unmittelbar nach dem Kosovo-Krieg geschehen sein. Schlimmer noch: Ab 2008 hätten Mediziner mit Verbindungen in höchste Regierungskreise in einer Klinik nahe Pristina Organe illegal transplantiert. Ein Richtergremium der EU-Mission in Kosovo hat vor genau einem Jahr mehrere Ärzte zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.

Martys Report – Mitte Dezember 2010 veröffentlicht – gipfelt in der Anschuldigung, Thaci sei der Pate einer mafiaähnlichen Gruppe. Der ehemalige Rebellenführer hatte damals heftig zurückgeschlagen. Im Interview mit dem «Tages- Anzeiger» verglich er den Schweizer Politiker mit Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels und drohte mit einer Verleumdungsklage. Heute gibt sich Thaci staatsmännisch, von einer Klage ist nicht mehr die Rede. Gegenüber westlichen Medien bestreitet er, an der Front gewesen zu sein. In den einheimischen Medien aber hält er sich nicht zurück mit Eigenlob über seine Zeit als Befreiungskämpfer. Wo die Wahrheit liegt, ist nicht einfach herauszufinden bei diesem Mann, der den Kampfnamen «die Schlange» trug.

Während in den regierungsfreundlichen Medien in Kosovo Dick Marty als «Freund der Serben und Russen» dämonisiert wurde, nahmen die EU und die USA seine Vorwürfe ernst. Im Herbst 2011 beauftragte Brüssel den erfahrenen US-Ankläger Clint Williamson, neue Ermittlungen einzuleiten, nachdem zuvor die UNO-Mission in Kosovo und das Haager Jugoslawien-Tribunal gescheitert waren. Williamson hat Ende der 90er-Jahre die Anklage gegen den serbischen Gewaltherrscher Slobodan Milosevic mitverfasst, er kann also nicht als serbenfreundlich verunglimpft werden. Mehr als zwei Jahre hat der US-Jurist ermittelt – in Kosovo, Serbien, Albanien und Mazedonien. Aus Untersuchungskreisen ist zu erfahren, dass Williamson mindestens in zwei Balkanstaaten Zeugen für Kriegsverbrechen der UCK gefunden hat. Gegenüber der US-Zeitschrift «New Yorker» hat Williamson aber schon vor Monaten erklärt, es sei schwierig, Beweise für den Organhandel zu finden.

Thaci werde nicht angeklagt

Als erwiesen gilt, dass die UCK Ende der 90er-Jahre vor allem in Nordalbanien Gefangenenlager betrieben hat. Dort wurden nicht nur serbische Zivilisten und Roma, sondern auch angebliche kosovo-albanische Kollaborateure des Belgrader Regimes festgehalten und gefoltert. Meistens handelte es sich jedoch um politische Rivalen und Anhänger des pazifistischen Albanerführers Ibrahim Rugova. Marty schreibt, hinter dieser «Verhörpolitik» habe Kadri Veseli gestanden, Thacis Geheimdienstchef und der vermutlich bestinformierte Mann Kosovos nicht nur über die schmutzigen Seiten des Krieges. Die beiden Männer stammen aus der Region Drenica und kennen sich seit den früheren 90er-Jahren, als die ersten Pläne für den bewaffneten Widerstand geschmiedet wurden. Später verbrachten Thaci und Veseli ein paar Jahre als Flüchtlinge in der Schweiz. Vor Kriegsausbruch reisten sie in die Region zurück. Mitkämpfer werfen ihnen vor, die meiste Zeit in Albanien in Sicherheit verbracht zu haben.

In Pristina ist in diesen Tagen die Spannung mit Händen zu greifen. Die Gerüchteküche brodelt, in den Medien wird spekuliert, dass Kosovo vor einem juristischen Tsunami stehe und viele ehemalige UCK-Granden bald hinter Gittern laden würden. Aus Thacis Umgebung ist zu hören, «der Boss» habe nichts zu befürchten, er werde von Williamson nicht angeklagt. Sollten aber mehrere seiner Vertrauten in Handschellen als Kriegsverbrecher abgeführt werden, könnte das auch dem Regierungschef und seiner sogenannten Demokratischen Partei (PDK) schaden. In diesem Jahr müssen in Kosovo Parlamentswahlen stattfinden.

Als der Bericht von Dick Marty veröffentlicht wurde, zeigte sich Thaci offen für Ermittlungen. Die UCK habe einen gerechten und sauberen Krieg geführt, man habe nichts zu verstecken, sagte er damals. Nun stehen die Ermittlungen vor dem Abschluss und der Premier bezeichnet das Sondertribunal als «ungerecht». Dennoch forderte er die Volksvertreter auf, im Parlament für die Gründung des Gerichts abzustimmen. Schliesslich, so Thaci, werde er sich nie gegen die USA stellen, die Kosovos Unabhängigkeit ermöglicht hätten.

Zeugenschutz als Herausforderung

Die grösste Herausforderung des Sondertribunals wird der Zeugenschutz sein. Zu diesem Schluss kommt auch ein Bericht des Europarats von 2011. Wer vor Gericht über mögliche Verbrechen Aussagen mache, werde als Verräter abgestempelt, könne die Arbeit verlieren oder im schlimmsten Fall sogar umgebracht werden, heisst es darin. Deshalb wird sich der Sitz des Sondertribunals in einem EU-Staat befinden. In Pristina trauen sich nur wenige, offen die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft für Gerechtigkeit zu unterstützen. Noch hallen die Drohungen von Thaci nach, er werde eines Tages die Namen der kosovo-albanischen Gesprächspartner von Marty bekannt geben.

Eine Stimme der Vernunft ist der unerschrockene Politologe Shkelzen Gashi. Er sagt, Dick Marty habe nicht die serbischen Kriegsverbrechen an den Albanern verharmlosen wollen, sondern nur daran erinnert, dass auch einzelne UCK-Kämpfer Untaten begangen hätten. «Die Bürger müssen die Wahrheit über die jüngste Vergangenheit wissen. Nur so ist Versöhnung möglich», sagt Gashi, der sich mit der Belgrader Menschenrechtlerin Natasa Kandic für die Aufklärung von Kriegsverbrechen einsetzt. Laut anonymen Onlineumfragen befürwortet eine knappe Mehrheit der Kosovo-Albaner das Sondertribunal. Vielen ehemaligen UCK-Kommandanten werden die Menschen keine Träne nachweinen. Denn laut internationalen Organisationen haben sie nachweislich das Land gnadenlos ausgeplündert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.04.2014, 07:30 Uhr

Massengräber

Die toten Dörfer
Der Kosovo-Krieg war vor allem ein Krieg gegen Zivilisten. Wer das Ausmass der Verbrechen ein wenig überblicken will, der fährt in das Dorf Meja im Westen des Landes. Dort sind etwa 400 kosovo-albanische Opfer begraben, die nach Beginn der Nato-Bombardierungen gegen Serbien im Frühjahr 1999 massakriert wurden. Um die Spuren ihrer Gräueltaten zu beseitigen, hatten serbische Sicherheitskräfte die Leichen in einem Massengrab auf einem Polizeigelände nahe Belgrad verscharrt – fast 400 Kilometer vom Tatort entfernt.

Als Dorf der Witwen gilt Krusha e Madhe (Velika Krusa) unweit der Stadt Prizren im Süden Kosovos. Hier haben serbische Truppen fast alle Männer niedergemetzelt. Die Zahl der Opfer beträgt 242 Personen. Ende März wurden in der Kleinstadt Suvareka 27 Mitglieder einer Grossfamilie bestattet, die insgesamt 48 Angehörige bei einem Massaker verloren hat. Auch ihre Leichen waren nach Serbien abtransportiert worden.

Erst letzte Woche öffneten serbische Behörden in der Ortschaft Rudnica ein geheimes Massengrab, in dem sich die Leichen von bis zu 400 Albanern befinden sollen. Über dem vermuteten Grab war das Gebäude eines Strassenunternehmens errichtet worden, das man jetzt abgerissen hat. Nach jüngsten Angaben des Belgrader Menschenrechtsfonds wurden vom 1. Januar 1998 bis 31. Dezember 2000 im Zusammenhang mit dem Kosovo-Konflikt 13'526 Menschen getötet. Etwa 2000 Opfer sind Angehörige der Minderheiten (Serben, Roma und andere). (enr)

Dick Marty

Früherer Tessiner FDP-Ständerat und Abgeordneter des Europarats.

Artikel zum Thema

«Im Norden Kosovos hat die EU vor einem Mob kapituliert»

Interview Die historischen Kommunalwahlen in Kosovo sind von serbischen Extremisten massiv gestört worden. Das sei ein Rückschlag auch für die EU, sagt Südosteuropa-Korrespondent Enver Robelli. Mehr...

Serbische Extremisten verprügeln Wähler in Kosovo

Bei den Kommunalwahlen in Kosovo haben vermummte Rechtsradikale mehrere Wahllokale in der Stadt Mitrovica gestürmt. Der Urnengang musste frühzeitig abgebrochen werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Schlamm drüber: Ein Goalie versucht einen Penalty beim Schlamm-Faustballturnier in Pogy, das 60 Kilometer hinter St. Petersburg liegt, zu halten (22. Juni 2019).
(Bild: Dmitri Lovetsky) Mehr...