In Putins Umfeld rumort es

Beobachter in Moskau glauben Indizien zu erkennen, dass der russische Präsident im eigenen Haus in Bedrängnis gerät. Die Sorge vor Sanktionen beunruhigt die Elite.

86 Prozent der Russen stehen hinter ihm: Putin bei einer Militärparade. Foto: EPA

86 Prozent der Russen stehen hinter ihm: Putin bei einer Militärparade. Foto: EPA

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Am Sonntag war endlich wieder ein ­Termin, den Wladimir Putin geniessen konnte. Bei strahlendem Sonnenschein nahm der russische Präsident im Nordmeerhafen Seweromorsk die Parade zum Tag der Marine ab. Effektvoll feuerte ein neu in Dienst gestelltes Kriegsschiff einige Salven auf das Ufer, und die Matrosen antworteten auf Putins Gruss mit einem dreifachen «Hurra!». Solche Reaktionen erfährt er in letzter Zeit selten. In den Telefonaten mit westlichen Regierungschefs ist der Ton schärfer geworden und die Stimmung eisig. Nachdem auch nach dem Tod von 298 Personen an Bord der Malaysia Airlines MH-17 kein entschiedenes Zeichen aus dem Kreml kam, sich von den Kämpfern loszusagen, welche die Maschine allen seriösen Indizien zufolge über der Ost­ukraine abgeschossen hatten, ist auch in Brüssel die Entschlossenheit zu harten Sanktionen gewachsen.

Hölzern und angespannt

Entsprechend hatte Wladimir Putin bei seinen letzten Auftritten vor der Parade nervös gewirkt. Nach einer Reihe nächtlicher Telefonate forderte er vergangene Woche in einer offensichtlich eilig improvisierten Videobotschaft eine unabhängige Aufklärung des Vorfalls. Die Botschaft erschien um 1.40 Uhr Moskauer Zeit auf der Website des Kremls und richtete sich wohl eher an die westliche Öffentlichkeit und die Amerikaner als an die Russen und die prorussischen Kämpfer in der Ukraine. Zwei Tage später wirkte Putin bei einer Sitzung des russischen Sicherheitsrates hölzern und angespannt. Einige Beobachter nahmen diese Szenen als weiteres Indiz dafür, dass Präsident Putin nun offenbar auch in seinem eigenen Haus in Bedrängnis gerät.

Schon in der Woche davor hatte die Agentur Bloomberg berichtet, angesichts neuer Sanktionsdrohungen und der zunehmenden Isolierung rumore es unter russischen Unternehmern. «Die Wirtschaftselite ist im Horror», zitierte Bloomberg Igor Bunin, den Leiter eines Moskauer Zentrums für Polittechnologie. Die 19 reichsten Russen haben laut Bloomberg Billionaires Index durch die Krise bereits 14,5 Milliarden Dollar verloren, und der «Economist» rechnete vor, das Land liege in der Beliebtheit der Anleger noch hinter dem Iran und Zimbabwe.

Doch gleichzeitig steht für Putin eine andere Währung so hoch wie lange nicht mehr. 86 Prozent der Russen unterstützen laut der jüngsten Umfrage des Levada-Instituts den Kurs des Präsidenten. Dafür, dass sich das ändern könnte, wenn die EU in diesen Tagen erstmals auch Handelsverbote gegen Rüstungs­güter und Einschränkungen für die Kapitalmärkte und den Handel mit Technologien zur Öl- und Gasförderung verkündet, gibt es derzeit keine Anzeichen.

Diskussionen sind nicht üblich

Im vertraulichen Gespräch indes räumen hochrangige Mitarbeiter der Präsidialverwaltung ein, dass die Furcht vor Sanktionen gross sei. «Wer sagt, Sanktionen machten uns nichts aus, ist ein Voll­idiot», sagt einer, der täglich mit Putin in Kontakt ist. Diese würden «sehr schmerzhaft» für Russland sein und das Land wohl in eine dauerhafte Rezession stürzen. «Aber sie wären nicht tödlich.» Michail Fradkow, Ministerpräsident während Putins erster Amtszeit, ist da skeptischer: «Wenn Sanktionen den gesamten Finanzsektor betreffen, bricht die Wirtschaft innerhalb von sechs Monaten zusammen», sagt er.

Dass der Präsident unter grossem Druck steht, bestätigt auch der Kreml-­Insider. Doch eine mächtige Opposition im Kreml sehen Moskauer Beobachter derzeit nicht. Putin habe sich beim Antritt seiner dritten Amtszeit im Mai 2012 mit Personen umgeben, die seinen Kurs mittragen, sagt die Elitenforscherin Olga Kryschtanowskaja. Sie habe keinen Grund anzunehmen, dass es im Führungszirkel zu einem Riss gekommen sei. «Es ist in unserer Gesellschaft nicht üblich, dass in der Machtelite diskutiert wird», das entspringe der autoritären Tradition des Landes. Natürlich gebe es auch im Kreml Unruhe, wie das alles ­enden solle. «Aber es gibt Momente, in denen die Menschen verstehen, dass es ein höheres Ziel gibt: die Wiedergeburt einer Grossmacht.» Dafür seien auch die Personen aus Putins engstem Zirkel bereit, Nachteile zu ertragen.

Vertreter des liberalen Flügels finden im Kreml dagegen kaum noch Gehör. «Die Mehrheit ist kriegerisch und entschlossen eingestellt», sagt die Soziologin. Als der ehemalige Finanzminister Alexei Kudrin in der vergangenen Woche in einem Interview mit der staatlichen Nachrichtenagentur Itar Tass warnte, es könnte die Russen im Schnitt bis zu einem Fünftel ihres Einkommens kosten, wenn der Westen zusätzliche Sanktionen beschliesse, fand diese Warnung zwar ihren Weg in die Zeitungen und die Online-Nachrichtenportale. Das staatlich kontrollierte Fernsehen, über das mehr als 90 Prozent der Bürger sich ein Bild von der Welt machen, trug die Warnung des letzten liberalen Putin-Freundes nicht ins Land. Erst wenn solche Bedenken auch im Fernsehen auftauchten, wäre das ein Zeichen für ­einen möglichen Richtungswechsel, glaubt Kryschtanowskaja.

Von einem Bruch im inneren Machtzirkel könne keine Rede sein, urteilt auch Politikberater Jewgeni Mintschenko. Es habe immer unterschiedliche Lager gegeben, zwischen denen ­Putin als Moderator auftritt. «Dass jetzt eine Opposition gegen den Präsidenten entsteht, glaube ich nicht. Das ist eine naive Hoffnung des Westens.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.07.2014, 06:43 Uhr

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