Interview

Sie nennen sich «Los Indignados»

In Madrid protestierten in den letzten Tagen Zehntausende Menschen gegen die miserablen wirtschaftlichen Zustände. TA-Korrespondent Martin Dahms erklärt, wo das Potenzial der jungen Bewegung liegt.

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Seit fünf Tagen sind in Spanien Tausende von Menschen auf den Strassen. Um was geht es den Menschen konkret?
Die Proteste sind ein allgemeiner Ausdruck der Unzufriedenheit mit dem Stand der Dinge in Spanien. Seit einem Jahr fährt die Regierung Zapatero eine Wirtschaftspolitik, in deren Zentrum die Sanierung des Staatshaushaltes steht. Mit der Wirtschaftskrise ist Spaniens Haushalt aus dem Ruder geraten. Seither versucht der Staat zu sparen, wo es geht, und das geschieht hauptsächlich zulasten der Schwächeren in der Gesellschaft. Es gab Leistungskürzungen und Steuererhöhungen. Zudem sind fast fünf Millionen Menschen arbeitslos. Das sind die spezifisch spanischen Aspekte an den Protesten. Im Allgemeinen demonstrieren die Leute aber auch gegen ein Wirtschaftssystem, das in Krisenzeiten den Banken hilft und die einfachen Leute hängen lässt. Die Leute, die nicht für die Krise verantwortlich sind, müssen diese bezahlen.

Die Rede ist von vorwiegend jungen Menschen, die demonstrieren. Gleichzeitig liest man Geschichten von Gärtnern, Putzfrauen und Maurern jeden Alters, die keinen Lohn mehr erhalten. Gibt es in der Bewegung einen ähnlichen Bruch zwischen den Generationen und Bildungsschichten wie in Ägypten?
Ich würde zwischen einer Basis aus etlichen Hundert Leuten, die an der Puerta del Sol campieren, und jenen Menschen unterscheiden, die Abends dazuströmen. Das heisst, tagsüber findet man auf dem Platz vorwiegend die Leute, die sonst schon aktiv in Bewegungen sind. Das sind hauptsächlich Junge im Studentenalter. Abends stösst dann aber ein grosser Querschnitt der Bevölkerung dazu. Es gibt also einen harten Kern, der zum Beispiel in Studentenorganisationen aktiv ist. Einer der Organisatoren, mit dem ich gesprochen habe, engagiert sich sonst für biologischen Landbau. Da kommen Menschen zusammen, die sich bisher für unterschiedliche Interessen eingesetzt haben und sich nun zusammenschliessen. Das findet ein Echo bei jenem Teil der Bevölkerung, der sonst unter der Wirtschaft leidet. Die teilen diese Unzufriedenheit. Sie nennen sich selbst «los Indignados»: die Empörten. Und die erhalten jetzt eine Stimme.

In den Medien heisst es, die Proteste seien über Nacht entflammt. Stimmt das wirklich?
Ganz offensichtlich war das so. Auslöser für die Bewegung waren die Demonstrationen am Sonntag. Von diesen Kundgebungen bekam der durchschnittliche Spanier im vornherein nichts mit. Die traditionellen Medien hatten darüber nicht berichtet. Es gab auch keine Plakataktionen. Ich habe das am Sonntag miterlebt, als plötzlich die Menschen anfingen, sich zu versammeln. Dazu aufgerufen hatte ja eine Gruppe junger Leute: «Echte Demokratie jetzt!» Das ist der Vorzug der sozialen Netzwerke, durch die sich so etwas einfach aufziehen lässt. Der Aufruf hat sogar besser funktioniert, als die Organisation gedacht hätte.

Die Protestbewegung fordert für die Regional- und Kommunalwahlen am Sonntag zum Boykott der sozialistischen Partei sowie der Konservativen auf. Was sind die Vorwürfe an die Parteien ?
Es handelt sich um eine allgemeine Unzufriedenheit mit einer politischen Klasse, die sich mit den Banken zu identifizieren scheint. Die Menschen haben das Gefühl, dass sowohl die sozialistische PSOE als auch die konservative PP ein und dasselbe Ziel verfolgen. Und bezüglich der Wirtschaftspolitik stimmt das auch. Die Leute sagen sich also: «Wir wählen niemanden, denn es bringt ja eh nichts!» Die Konservativen hätten gerne, dass die Demonstrationen zu einem Protest gegen die sozialistische Regierungspolitik werden. Hinter der Bewegung steckt aber eine klare Analyse seitens der Spanier: Die wissen, wenn die Konservativen in den letzten Jahren an der Macht gewesen wären, sähe die Situation nicht anders aus.

Gibt es in der spanischen Politlandschaft überhaupt Alternativen zu diesen Parteien?
Eine Partei, die versuchen wird, das Ganze für sich zu nützen, ist die Vereinte Linke, die Izquierda Unida. Die ist aber so traditionell sozialistisch, dass sie für viele Menschen ganz uninteressant ist. Wie gesagt, Kritik beschränkt sich nicht auf Parteien. Es handelt sich mehr um ein allgemeines Gefühl der Leute, dass Parteien und Politiker sie nicht anhören, dass in Spanien grundsätzlich etwas falsch läuft. Interessanterweise werden auch selten die Namen von Politikern genannt.

Ministerpräsident Zapatero sagte, er habe Verständnis für die Demonstranten. Wie viel Glaubwürdigkeit hat er überhaupt noch?
Während der Demonstrationen hört man manchmal Stimmen, die rufen: «Zapatero, du hast uns enttäuscht.» Zapatero ist in einer ganz schwierigen Situation: Er ist seit sieben Jahren im Amt. Davon sind drei Krisenjahre. Was man Zapatero vorwerfen kann, ist, dass er die vier Jahre zuvor nichts gegen die drohende Krise getan hat. Er wollte nicht sehen, dass die sich aufblähende Immobilienblase kurz vor dem Platzen stand. Als die Krise da war, versuchte Zapatero mit Konjunkturprogrammen darauf zu reagieren, doch das hat nicht funktioniert. Sein Problem ist, dass er sein sozialdemokratisches Programm fallen lassen musste und sich zum wirtschaftsliberalen Paulus gewandelt hat.

In den Medien kursieren euphorische Zahlen von bis zu 30'000 Demonstranten in Madrid. Die BBC verglich die Puerta del Sol mit dem Tahrir-Platz in Kairo. Ein angebrachter Vergleich?
Es ist nicht wirklich eine Revolution, die sich in Spanien vollzieht. Es geht den Menschen auch nicht darum, einen Systemwechsel hinzukriegen. Auf der Puerta del Sol gab es ein Transparent, welches das zentrale Anliegen der Menschen in meinen Augen schön zusammenfasste: «Wir sind nicht Systemgegner. Das System ist unser Gegner.» Den Menschen geht es darum, die Dinge zurechtzurücken, nicht sie weiter aus der Bahn zu werfen. Eine gewisse Ähnlichkeit gibt es sicherlich bezüglich der Stimmung. Die Menschen fühlen sich befreit, weil sie auf die Strasse gehen können. Der harte Kern der Bewegung ist sehr stolz darauf, dass die Proteste auf Entscheidungen aus der Masse basieren. Da steckt die Idee der Basisdemokratie drin. Das hat etwas von der 68er-Stimmung.

Wie schätzen Sie das Potenzial der Bewegung ein?
Wie stark sie bleiben wird und wie es danach weitergeht, ist nicht klar. Aber während der Ereignisse der letzten Tage wurde der Samen gepflanzt für ein weiteres Engagement. Zentral ist aber die Politisierung der Jugend. In der Vergangenheit beschwerten sich viele Spanier darüber, dass die junge Generation gänzlich unpolitisch sei. Ein beliebtes Stichwort war die Generation Weder-Noch. Das war eine Bezeichnung für jene Jungen, die weder arbeiteten noch studierten. Eine neue Generation wurde jetzt also mobilisiert. Ich habe nicht das Gefühl, dass sich dieses Engagement im Nihilismus auflösen wird. Einige Leute werden vielleicht sogar das Bedürfnis haben, in einer Partei aktiv zu werden. Heute ist die Puerta del Sol wieder voll. Die Leute sind da, weil sie sehen wollen, was passiert, weil sie Solidarität zeigen wollen. Die Unterstützung der Demonstranten von den Leuten aus der Nachbarschaft ist ebenfalls gross. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.05.2011, 17:09 Uhr

Zapatero hält Polizeieinsatz für möglich

Der spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero will sich ein mögliches Vorgehen der Polizei gegen die für Samstag angekündigten - und für illegal erklärten - Proteste im Land offenhalten.

Sollten die Demonstrationen einen Tag vor den Regional- und Kommunalwahlen trotz des Verbots stattfinden, werde er eine Entscheidung treffen. «Lasst uns sehen, was morgen passiert», sagte der Regierungschef in einem Radiointerview. «Ich sollte die Ereignisse nicht vorwegnehmen.»

Spanien-Korrespondent für den «Tages-Anzeiger»: Martin Dahms. Der Journalist ist Autor des kürzlich erschienenen Buches «Spanien – Ein Länderportrait». (Bild: Rob Zoutberg)

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