In der Bruthitze vor Lampedusa

Seit Tagen liegt das Rettungsschiff Sea Watch 3 mit 43 Migranten an Bord vor der Insel im Mittelmeer.

Seit 8 Tagen auf See: Ein Passagier auf der Sea Watch 3. Foto: Reuters

Seit 8 Tagen auf See: Ein Passagier auf der Sea Watch 3. Foto: Reuters

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Zum sicheren Hafen sind es nur 15 Seemeilen, er ist in Sichtweite. Doch die Sea Watch 3, das Schiff der gleichnamigen deutschen Hilfsorganisation, treibt mit 43 Migranten an Bord seit Tagen vor Lampedusa. Noch in internationalen Gewässern, hart an italienischen, und das ist der ganze Punkt. Italien verbietet der Sea Watch, in nationale Gewässer vorzudringen und am Hafen der Insel anzulegen. Blockaden gab es schon früher. Doch zum ersten Mal droht dem Kommandanten eines Rettungsschiffs auch eine hohe Busse, wenn er sich Italien nähert: zwischen 10'000 und 50'000 Euro.

So steht es in einem neuen Dekret, dem «Decreto Sicurezza bis», das Matteo Salvini, der Innenminister von der rechtsnationalistischen Lega, durch den Ministerrat drückte, um seine Befugnisse im Kampf gegen die NGOs zu stärken. Er hält die humanitären Helfer für Handlanger der Schlepper. Gut möglich, dass die Norm gegen die Verfassung verstösst, weil sie die Kompetenzen des Innenministers de facto über internationale Konventionen stellt. Doch bis das einmal geklärt ist, bleibt das Dekret in Kraft.

«Von mir aus können die auch bis zum Jahresende dort warten», sagte Salvini. Er nennt die Helfer «Piraten» und «Delinquenten». Gerettet wurden die Migranten am 12. Juni. 53 sassen auf einem Schlauchboot, das vor der libyschen Küste in Seenot geraten war. Die Sea Watch nahm sie auf und funkte Landungsanfragen an mehrere Länder – unter anderem auch an die Niederlande, unter deren Fahne das Schiff fährt. Es antwortete: Libyen. Die Sea Watch könne in Tripolis anlanden, hiess es, und das war eine Premiere.

Die Sea Watch schlug das Angebot aus. Ihre Passagiere hatten davor in libyschen Flüchtlingslagern verbracht, waren misshandelt und gefoltert worden. Libyen insgesamt ist kein sicherer Hafen, seitdem dort Bürgerkrieg herrscht. Ausserdem hat das nordafrikanische Land die Genfer Konventionen zum Schutz der Flüchtlinge nie unterschrieben. Die Sea Watch steuerte deshalb den nächstgelegenen sicheren Hafen an, wie das Seerecht es vorsieht. Und das war Lampedusa.

Kapitänin gegen Kapitän

Bevor sie dort ankam, fuhr ein Schiff der Guardia di Finanza vor und überbrachte die Mahnschrift aus Rom. Unterzeichnet war sie nicht nur von Salvini, sondern auch von zwei Regierungskollegen der Cinque Stelle: dem Transportminister und der Verteidigungsministerin. Zehn Migranten liess Italien in der Folge an Land gehen: Kinder, schwangere Frauen und Kranke. Die Zurückgebliebenen teilen sich nun 50 Quadratmeter an Deck, unter der Sommersonne im südlichen Mittelmeer. Wie lange noch?

Am Steuer der Sea Watch steht eine junge Frau. Die Deutsche Carola Rackete, 31 Jahre alt, ist eine erfahrene Seefahrerin und Naturschützerin. Mit 23 leitete sie schon Expeditionen für das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, später war sie für Greenpeace aktiv. Seit drei Jahren engagiert sie sich immer wieder für Sea Watch. Die römische Zeitung «La Repubblica», die ihr nun gleich zwei grosse Porträts widmete, titelte dieser Tage: «Die Kapitänin gegen den Kapitän.»

Mit «Kapitän» ist Salvini gemeint, den die Anhänger «Capitano» rufen. Offenbar berät sich Rackete mit dem Rechtsteam der Organisation, wie weit sie gehen kann in der Auseinandersetzung mit der Regierung in Rom. Sea Watch riskiert auch, dass das Schiff beschlagnahmt wird, wenn sie sich dem Verbot widersetzt.

Die Sea Watch ist eines der letzten Rettungsschiffe auf der Fluchtroute durchs zentrale Mittelmeer. Mit seinem Dekret hat Salvini sich zum Ziel gesetzt, auch die Sea Watch zu vertreiben – symbolhaft. Das Gesetz sei «ad navem», schreiben Italiens kritische Medien, massgeschneidert also auf das Schiff der Kapitänin.

Erstellt: 19.06.2019, 22:51 Uhr

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Die Zahl der Flüchtlinge wächst. Laut einem neuen UNO-Bericht gab es im vergangenen Jahr weltweit 70,8 Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Asylbewerber. Das seien 2,3 Millionen mehr als ein Jahr zuvor und doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Es ist zugleich die höchste Zahl von Flüchtlingen, die das UNO-Flüchtlingshilfswerk seit seiner Gründung im Jahr 1950 gezählt hat.

Aus dem Bericht geht weiter hervor, dass es sich bei 41,3 Millionen Flüchtlingen um Binnenvertriebene handelt. 25,9 Millionen Menschen sind vor Krieg und Verfolgung aus ihrem Land geflohen. Die kleinste Gruppe bilden 3,5 Millionen Asylbewerber, die noch auf eine Entscheidung über ihr Asylgesuch warten. Vier von fünf Flüchtlingen, die ihr Land verlassen mussten, kamen in einem Nachbarland unter. Nicht in Europa oder den USA, wie UNO-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi gestern sagte. (sda)

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