In der CDU bricht die Demokratie aus

Drei Kandidaten wollen Angela Merkel als Chefin der CDU beerben. Die Aussicht auf Aufbruch löst in der Partei Begeisterung aus. Im Norden stellten sich die Anwärter zum ersten Mal gemeinsam vor.

Hoffnungsträger bei der CDU-Regionalkonferenz in Lübeck: Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v. l.). Foto: John Garve (Imago)

Hoffnungsträger bei der CDU-Regionalkonferenz in Lübeck: Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v. l.). Foto: John Garve (Imago)

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«Grossartig» sei es, sagt Peter Poenisch, 75 Jahre alt, Mitglied der Christlich- Demokratischen Union seit 60 Jahren. Wie sich seine Partei auf einmal öffne, der Zukunft zuwende und dabei entdecke, dass sie eine reichere Auswahl an Führungspersönlichkeiten habe, als sie selber zuletzt dachte: «Einfach grossartig.»

Iven Möller, 18 Jahre jung, wählt den gleichen Ausdruck, um zusammenzufassen, warum er an diesem Abend so strahlt. 800 Parteimitglieder aus den nördlichen Bundesländern Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern haben sich in der Kultur-Werft versammelt, einer umgebauten alten Industriehalle im Hafen von Lübeck. In der ersten von acht Regionalkonferenzen können sie die Kandidaten für die Nachfolge von Angela Merkel als CDU-Vorsitzender kennen lernen und begutachten. Drei Stunden lang hören die Mitglieder den Kandidaten zu und stellen Fragen, es wird geklatscht und gejubelt. Und am Ende sieht man fast nur leuchtende Gesichter.

Die Debatte verläuft nicht sehr kontrovers, die Mitglieder hören aber eine Menge Kluges.

Einer der Anwärter, Friedrich Merz, spricht den Enthusiasmus in seinem Schlusswort direkt an – und löst damit noch mehr Euphorie aus: «Diese Auswahl hat soooo gut begonnen!» Strahlen, Lachen. «Die anderen Parteien gucken ziemlich neidisch auf das, was wir hier machen!» Donnernder Applaus. Eine Partei berauscht sich an sich selbst.

Wer hätte das vor einigen Monaten für möglich gehalten? Die CDU, die im Unterschied zur SPD stets mehr am Regieren als an Programmen interessiert war, schrumpfte in den 18 Jahren unter Merkel zu einem zunehmend erschöpften Kanzlerwahlverein. Die Partei war reich an Macht, aber arm an Debatten und Alternativen, inhaltlich wie personell. Und nun, gegen Ende der Ära Merkel, wacht die Partei plötzlich wieder auf und entdeckt eine Leidenschaft, die ihr nur noch wenige zugetraut hatten.

Lust auf Neues

In der CDU ist die Demokratie ausgebrochen. Nicht dass zuvor nicht gewählt worden wäre. Aber als es für den Vorsitz zuletzt mehr als einen Kandidaten zur Auswahl gab, schrieb man das Jahr 1971. Damals trat der junge Helmut Kohl (erfolglos) gegen Rainer Barzel an. Anders als vor 47 Jahren, als die CDU in der Opposition war, kommt die Wahl eines neuen Parteichefs diesmal zudem fast einer Kanzlerwahl gleich. Denn wer, wenn nicht der neue Chef oder die neue Chefin der letzten verbliebenen Volkspartei sollte nach Neuwahlen irgendwann eine neue Regierung anführen?

Die CDU wäre freilich nicht die CDU, wenn sie den plötzlichen Anfall von Basisdemokratie nicht auch gleich wieder eingehegt hätte. Vor einer Befragung aller 420000 Mitglieder, wie es sie in anderen Ländern, aber auch bei den deutschen Grünen schon länger gibt, schreckte sie zurück – aus logistischen, rechtlichen und politischen Gründen: So sind etwa die Mitglieder im Schnitt erheblich konservativer als die Wähler der Partei. Und die Zahl der Kandidaten, die sich an Regionalkonferenzen vorstellen dürfen, reduzierte sie auf drei, indem sie festlegte, dass nur Anwärter, die von einer offiziellen Gliederung nominiert wurden, dafür in Betracht kommen. Gewählt wird der neue CDU-Chef am Parteitag Anfang Dezember in Hamburg von den 1001 Delegierten.

Die Hochstimmung und Vorfreude in der Partei dämpft das keineswegs, im Gegenteil. Nach der schier unendlichen Regentschaft von Angela Merkel entwickelt die Partei gerade grosse Lust auf Neues. Der halbe Abschied der Kanzlerin hat die CDU sichtlich befreit. «Ich habe letztes Jahr noch begeistert für sie Wahlkampf gemacht», sagt Iven Möller. «Aber viele Kollegen in der Jungen Union stöhnen schon seit längerem: ‹Ich kann sie einfach nicht mehr sehen.›»

«Das ist wohl der Grund, warum sie im Ausland vielleicht noch mehr bewundert wird als hierzulande.»Iven Möller

Der Unmut über die «ewige Kanzlerin» schwelte spätestens seit der Flüchtlingskrise 2015. Doch jetzt, wo der Abschied wirklich naht, hellen sich die Urteile schlagartig auf. Respekt und Hochachtung dominieren. Peter Poenisch nennt es «überragend», was sie geleistet habe, für Europa, für Deutschland und die Partei. Sie habe das Land sicher durch schwere Krisen geführt und immer auch einen Weg gefunden, mit den Putins, Erdogans, Orbans oder Trumps umzugehen. «Das ist wohl der Grund, warum sie im Ausland vielleicht noch mehr bewundert wird als hierzulande», ergänzt Iven Möller.

Poenisch erwartet von den Kandidaten deshalb auch «Loyalität zur Kanzlerin bis zum letzten Tag». Und noch etwas interessiert ihn: «Wer von ihnen trägt ihre ganzen 18 Jahre mit? Wer hört 2015 auf?» Vor allem Merz, Merkels alten, erbitterten Rivalen, verdächtigt er, von Rachegefühlen getrieben zu sein und Merkel jetzt nur zu loben, damit man es nicht gleich merkt.

Wofür steht Merz?

Der 35-jährige Nils Meyer ist in die Kultur-Werft gekommen, weil er die Kandidaten «live, unverstellt und ungeschnitten» kennen lernen möchte. Wie der Gymnasiast Möller ist Meyer dabei vor allem am Rückkehrer Merz interessiert. Immerhin sei dieser so lange aus der Politik verschwunden gewesen, dass man nur noch schemenhaft wisse, wofür er eigentlich stehe. Möller wurde gerade geboren, als Merz im Jahr 2000 Chef der Bundestagsfraktion von CDU und CSU wurde.

Als es auf der Bühne losgeht, spricht erst Annegret Kramp-Karrenbauer, die Generalsekretärin der Partei, danach Merz, dann der junge Gesundheitsminister Jens Spahn. Bei den Fragen wechselt es sich später munter ab. Kramp-Karrenbauer, die als Merkels Wunschnachfolgerin gilt, stellt ihre Regierungserfahrung in den Vordergrund, Merz seine Wirtschaftskompetenz, Spahn seine Jugendlichkeit sowie das Thema Flüchtlinge.

Die Favoriten bemühen sich ausserdem nach Kräften, Zweifel zu zerstreuen: Merz, ein eingeschworener Konservativer, beschwört die Mitte, in der die CDU unbedingt bleiben müsse, und gelobt, als Parteichef mit Kanzlerin Merkel traulich zusammenzuarbeiten. Kramp-Karrenbauer, die sozial engagierte Katholikin, verspricht mehr innere Sicherheit und mahnt mehr kulturelles Selbstbewusstsein an.

Spahn ist der Aussenseiter

Die Debatte verläuft nicht sehr kontrovers, die Mitglieder hören aber eine Menge Kluges und folgen mit Freude, Ernst und erstaunlicher Ausdauer. Kramp-Karrenbauer, die von den beiden Hünen Merz und Spahn wie von zwei Türmen eingerahmt wird, wirkt stets sachlich und besonnen. Sie spricht eher eindringlich-mahnend als mitreissend, eher zu lange als zu kurz, eher zu leise als zu laut. Dennoch erhält sie oft lauten, langen Applaus.

Merz ist auch darin ihr Gegenspieler: rhetorisch brillant, fähig, auch Komplexes kurz und knackig zu formulieren. Er wirkt energisch, kämpferisch, platzt vor Lust und Selbstbewusstsein, versprüht und weckt Emotionen. Während das Publikum Kramp-Karrenbauer Zustimmung und Respekt entgegenbringt, löst Merz teils regelrechten Jubel aus – etwa als er die Rückkehr zu Wahlergebnissen von 40 Prozent und die Halbierung des Anteils der AfD verspricht.

Spahn ist der Aussenseiter. Um sich von Merz abzusetzen, muss er sich konservativer geben, als er ist. Oft spricht er zu laut, als Einziger stichelt er gegen die Konkurrenten. Etwa wenn er Merz vorhält, es sei ja schön, dass er wieder zurück sei – aber eigentlich hätte man ihn schon viel früher benötigt.

«Stets besonnen und ruhig aufzutreten, kann eine Stärke, aber auch eine Schwäche sein.»Nils Meyer

Mit Merz und Kramp-Karrenbauer stehen stilistisch, wohl auch politisch, fast Antipoden zur Wahl. Eine 46-jährige Unternehmensberaterin im Publikum, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, glaubt, dass viele sich nach Merkel wieder nach einem «richtigen Mann» sehnten: nach alter, breitbeiniger Männlichkeit, von Geld und Macht bekränzt, von Selbstzweifeln verschont. Der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt Merz strahle zudem aus, dass er Politik «nicht mehr macht, weil er muss, sondern weil er will».

In ihrem Umfeld spüre sie, dass die Männer zu Merz neigten und die Frauen zu Kramp-Karrenbauer – auch sie. «Jetzt hatten wir lange genug eine Frau», entgegnete ihr Nachbar kürzlich ganz offen. Die CDU sei immer noch eine sehr männlich geprägte Partei. Auch Peter Poenisch, der ebenfalls Kramp-Karrenbauer bevorzugt, glaubt, es könne ihr bei dieser Wahl durchaus zum Nachteil gereichen, dass sie eine Frau sei. So wie es «ein bisschen ein Problem» für Spahns Kandidatur sei, dass dieser schwul sei.

Nils Meyer ist fasziniert von Merz, gerade weil er sich deutlich von Merkels und Kramp-Karrenbauers vermittelnder, wohltemperierter Art abhebe: «Stets besonnen und ruhig aufzutreten, kann eine Stärke, aber auch eine Schwäche sein.» Ihm habe zuletzt die klare konservative Kante der Partei ebenso gefehlt wie Kampfgeist und Emotion. Die aber würde Merz zurückbringen.

Die Richtungsfrage

Die Unternehmensberaterin ist erst dieses Jahr in die CDU eingetreten, zur Verwunderung vieler ihrer Freunde, und zwar ausdrücklich, um ein «Statement für die politische Mitte» abzugeben. Sie fürchtet, dass Merz oder Spahn die Partei nach rechts führen würden, um die AfD zu bedrängen. «Tun sie das, bin ich als Mitglied schnell wieder weg.» Ein Rechtsruck würde auch gar nicht wirken, glaubt Iven Möller, weil in Deutschland Wahlen immer in der Mitte gewonnen würden. «Das wäre jedenfalls nicht mehr die CDU, in der ich gerne wäre.»

Als das Publikum am Ende wie politisch angeschwipst aus der Halle strömt, sind Poenisch und die Unternehmensberaterin immer noch von Kramp-Karrenbauer überzeugt. «Ich glaube Merz auch nicht, dass er sich wirklich loyal zu Merkel verhalten würde, sollte er die Wahl gewinnen», fügt die Lübeckerin an. «Und eine Koalition mit den Grünen traue ich ihm auch nicht zu, obwohl dies doch jetzt an der Zeit wäre.»

Der Gymnasiast Iven Möller hingegen hat seine Meinung geändert. «Merz ist nun mein Kandidat, eindeutig. Er hat klarer und strukturierter gesprochen, mich bei meinen Themen abgeholt und versichert, dass er die CDU in der Mitte halten möchte. Mich hat er begeistert und viele andere bestimmt auch. Was kann sich die Partei denn Besseres wünschen?»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.11.2018, 21:33 Uhr

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