In der Ostukraine hat der Wind gedreht

Der Widerstand gegen die prorussischen Aktivisten wächst. Doch diese sind schwer bewaffnet – und wollen die Präsidentenwahl mit allen Mitteln verhindern.

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Zunächst ist es nur ein einzelnes Auto, das hupt. Dann werden es immer mehr. Zwei, drei, ein gutes Dutzend. Bald herrscht am viel befahrenen Boulevard Schewtschenko ein beträchtlicher Lärm. Es ist eine politische Aktion: Das Gehupe mittags um zwölf steht für eine ungeteilte Ukraine – und richtet sich gegen die Separatisten, die bisher in Donezk kaum auf Gegenwehr gestossen sind.

Umso wütender reagiert eine Gruppe prorussischer Aktivisten am Strassenrand. Pflastersteine fliegen auf die Fahrzeuge, Scheiben gehen zu Bruch; ein Typ fuchtelt mit seiner Pistole, ein anderer filmt demonstrativ die vorbeifahrenden Fahrzeuge. Zwei junge Frauen geben sich unbeeindruckt. Sie öffnen die Fenster ihres Offroaders: Aus dem einen halten sie eine ukrainische Flagge, aus dem anderen strecken sie der aggressiven Menge den Mittelfinger entgegen.

Die Szene illustriert, dass sich der Wind gedreht hat in der Ostukraine. Wochenlang waren die Anhänger einer Unabhängigkeit auf dem Vormarsch, jetzt regt sich die bisher schweigende Mehrheit. Fanal zum Widerstand war ein Auftritt von Rinat Achmetow. Der milliardenschwere Oligarch hat sich Anfang Woche unmissverständlich auf die Seite von Kiew gestellt. Nur innerhalb der Ukraine könne der Donbass, wie die Region auch genannt wird, glücklich werden, sagte er. Die separatistische «Donezker Volksrepublik» sei dagegen ein Beschiss. «Sie terrorisiert die ganze Region.»

«Russland braucht uns nicht»

Achmetows Wort hat Gewicht. 300'000 Menschen arbeiten für ihn im Donbass. Er kontrolliert weite Teile der Kohle-, Stahl- und Energiebranche. Was das bedeutet, lässt sich in Jenakijewe erfahren, gut 50 Kilometer nordöstlich von Donezk. Die Stadt ist um ein Stahlwerk herumgebaut worden, das dem Oligarchen gehört. Vor dem Haupttor riecht es verbrannt. Arbeiter mit geschwärzten Gesichtern kommen heraus, andere treten ihre Schicht gerade an. Fast jede Familie hier hat jemanden, der für das Werk arbeitet.

«Wir wollen ein Teil der Ukraine bleiben», sagt Gewerkschaftschef Wladimir Sadowoi. Russland habe eigene Stahlwerke. «Die brauchen uns nicht.» Und eine Unabhängigkeit des Donbass wäre das Ende der Fabrik von Jenakijewe, glaubt der Arbeitervertreter. «Wer würde dann unsere Produkte kaufen?» Noch aus einem anderen Grund sieht der Gewerkschafter die selbst ernannte «Donezker Volksrepublik» kritisch: Die Gegend ist unsicher geworden, seit die Separatisten für eine Abspaltung agitieren. Eben erst wurde unweit von Jenakijewe ein Mann entführt, nur weil er in einem Auto mit Kiewer Autokennzeichen sass. Auch Lebensmitteltransporter sind schon verschwunden – von den Dieben zynisch deklariert als «Spende» für die «Donezker Volksrepublik».

Arbeitertrupps sollen für Ordnung sorgen

Die Gewerkschaft schickt deswegen seit einigen Tagen gemeinsam mit der Polizei Patrouillen durch die Stadt. Arbeitertrupps in Uniformen der Firma sollen für Ruhe und Ordnung sorgen. Das scheint gut zu funktionieren. Auf dem zentralen Lenin-Platz bereiten sich einige Dutzend älterer Schüler auf ihre Abschlussfeier vor. Eine Tanzvorführung ist geplant. Am Rand stehen zwei Stahlarbeiter und zwei uniformierte Ordnungshüter. «Alles ruhig», sagt einer von ihnen. Vor der Stadtverwaltung liegen zwar noch ein paar Sandsäcke. Sie war einmal besetzt. Inzwischen arbeiten die Beamten aber wieder normal. Separatisten sind keine zu sehen.

Doch geschlagen geben sich die Anhänger einer Abspaltung nicht. Die ukrainische Präsidentschaftswahl von morgen Sonntag wird im Donezker Gebiet kaum stattfinden. Rund die Hälfte der Räumlichkeiten der lokalen Wahlkommissionen sind besetzt oder zerstört. «Wahlhelfer werden bedroht. Anfang Woche wurde eine Frau verschleppt, die den Urnengang hätte organisieren sollen», sagt Maxim Rowinski, Sprecher des Donezker Bürgermeisters. Er hat zum Interview geladen. Aber gerade ist etwas dazwischengekommen: Bewaffnete haben die Druckerei besetzt, in der eine proukrainische Zeitung gedruckt wird. Mitarbeiter sollen verschleppt worden sein. Rowinski entschuldigt sich: «Ich muss mich darum kümmern.»

Einen Dollar für Grossmutter

Die Lage in der Millionenstadt ist widersprüchlich: Während die offizielle Staatsmacht halbwegs funktioniert, spielen die Separatisten trotzig Gegenregierung. Das Herz der selbst ernannten «Volksrepublik Donezk» ist die besetzte Gebietsverwaltung im Stadtzentrum, ein grauer Büroklotz. Massive Barrikaden aus Autoreifen, Pflastersteinen und Stacheldraht umgeben das Gebäude. Im Innern herrscht revolutionäres Chaos. Müllsäcke stapeln sich, Möbel aus geplünderten Büros versperren den Weg, überall kleben Plakate gegen die «Kiewer Junta». Es herrscht eine Atmosphäre wie in einem nervösen Bienenstock. Junge Burschen in Vierfruchthose und Unterleibchen eilen die Treppe hoch und runter; einer trägt einen ausgeschlachteten Computer zum Ausgang. Auf bürgerliche Umgangsformen legt man wenig wert. Ein Kämpfer mit eingesteckter Pistole rotzt ungeniert auf den Fussboden.

Im siebten Stock bemüht sich die «Volksrepublik», den Anschein zu erwecken, sie sei ein richtiger Staat mit ordentlicher Verwaltung. Hier sitzt ein junger Mann im «Pressezentrum» und stellt «Akkreditierungen» aus. Umständlich tippt er die persönlichen Daten des Korrespondenten und den fremdländischen Namen der Zeitung in einen Computer. Dann schickt er den Besuch mit einem ausgedruckten Blatt Papier zur «Staatssicherheit» drei Etagen höher. Dort lümmeln zwei Kerle auf Möbeln, die sie in den Gang gezerrt haben. Einer nimmt das Papier, trägt es in ein Büro und bringt es abgestempelt zurück. «Hast du mir einen Dollar?», fragt er. «Meine Grossmutter wollte schon lange mal einen Dollar sehen. Ha, ha, ha.»

«Wir werden bald eine Generalmobilmachung ausrufen»

Die «Donezker Volksrepublik» hat etwas Rohes und Grobes. Sicher sind Überzeugungstäter dabei, aber auch solche, die es geniessen, endlich eine Aufgabe zu haben – und Macht. «Wenn ich wollte», sagt der 1-Dollar-Typ von der «Staatssicherheit», «würdest du hier stundenlang auf deinen Stempel warten. Aber ich habe ihn dir jetzt besorgt. Sag danke.» Im Vergleich dazu ist Denis Puschilin, der «Präsident» der «Volksrepublik», ein angenehmer Gesprächspartner. Er sitzt in der 11. Etage der Gebietsverwaltung hinter einem beeindruckend grossen Pult. Einige kräftige Männer mit Kalaschnikow bewachen den Eingang, Puschilin selber gibt sich sehr zivil: dunkler Anzug, rote Krawatte, akkurat gestutzter Bart.

Auf Fragen antwortet er mit dem gesunden Selbstvertrauen von jemandem, der sich als Staatschef eines unabhängigen Landes versteht. Am «Referendum» vom 11. Mai (das aller demokratischer Standards spottete) hätten die Menschen für die Souveränität der «Volksrepublik» gestimmt, sagt er. Deswegen betrachte er die ukrainischen Sicherheitskräfte im Donezker Gebiet als Besatzer. «Wir werden bald eine Generalmobilmachung ausrufen», so Puschilin.

Auch, sagt er, sei es «nicht korrekt», dass Kiew seine Präsidentschaftswahl «auf dem Territorium eines fremden Staates» durchführen wolle. Aktiv werde zwar die Führung der «Volksrepublik» nicht gegen Wähler und Wahlhelfer vorgehen. «Aber wir können die Sicherheit des Urnengangs nicht garantieren.» Er könne «das Volk» nicht zurückhalten, wenn es seinen Unmut zum Ausdruck bringen möchte. Es ist eine nur schlecht versteckte Drohung. Überhaupt scheint es eine Strategie der Separatisten zu sein, fehlende politische Unterstützung mit Gewalt wettzumachen.

Aus dem Nichts aufgetaucht

Wie viele andere Separatistenführer ist auch Puschilin aus dem politischen Nichts aufgetaucht. Er stammt aus der Region Donezk, hat hier studiert und eine Weile für eine dubiose Investmentfirma gearbeitet. Nach der Kiewer Maidan-Revolution annektierte Moskau zunächst die Krim, dann begann der prorussische Aufstand in der Ostukraine.

Das war der Moment, als es mit Puschilins Karriere losging. Die Hintergründe bleiben bis heute unklar, genauso wie Struktur und Befehlsketten der «Volksrepublik». In Slowjansk, gut 100 Kilometer nördlich der Gebietshauptstadt, herrscht seit Wochen der selbst ernannte «Bürgermeister» Wja­tscheslaw Ponomarjow und sein «Armeechef» Igor Strelkow, ein mutmasslicher russischer Geheimagent. Die beiden Figuren sind offenbar miteinander zerstritten – und haben auch mit Puschilin grössere Differenzen.

Söldner aus Russland?

Zudem ist der «Donezker Volksrepublik» die politische Perspektive abhandengekommen. Russland macht derzeit keine Anstalten, sich die Ostukraine einzuverleiben. Und dass diese Desperados einen eigenen, wirklich unabhängigen Staat zu gründen vermögen, das glaubt inzwischen kaum mehr jemand.

An der militärischen Schlagkraft der Separatisten ändern diese Zustände bis jetzt aber nichts. Mindestens einige Hundert Bewaffnete stehen in ihrem Dienst, darunter sollen auch Söldner sein aus Russland. Am Donnerstag töteten offenbar professionelle Kämpfer bei einem Überfall südlich von Donezk über ein Dutzend ukrainische Soldaten. Gestern gerieten kiewtreue Truppen westlich der Stadt in einen Hinterhalt, es gab zahlreiche Verletzte. Das ist die Lage in der Region: Wer für die Ukraine ist, der hupt; wer für die Separatisten ist, der schiesst. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2014, 10:10 Uhr

Favorit Poroschenko

In der Ukraine wird am Sonntag ein neuer Präsident gewählt. Noch ist unklar, ob die Wähler in allen Landesteilen ihre Stimme abgeben können, da im Osten prorussische Separatisten einige Städte kontrollieren. Favorit ist der Oligarch Petro Poroschenko. Sollte er in der ersten Abstimmungsrunde die absolute Mehrheit der Stimmen verfehlen, folgt am 15. Juni eine Stichwahl der beiden stärksten Kandidaten. Zur Wahl zugelassen sind 21 Bewerber. Unter ihnen Ex-Regierungschefin Julija Timoschenko und der Banker Sergei Tigipko. (TA)

«Willkommen in der Hölle: Das Last-Minute-Reise-Angebot», haben separatistische Kämpfer auf ihre Barrikade nahe Slowjansk geschrieben. Foto: Mikhail Pochuyev (ITAR-TASS)

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