In der Sackgasse

Griechenland verliert in der Flüchtlingskrise die Kontrolle. Tausende sind auf ihrem Weg nach Europa im Land gestrandet. Die EU bereitet eine Nothilfe vor.

Flüchtlinge gelangen in einer Fähre von Lesbos nach Piräus. Foto: Santi Palacios (Keystone)

Flüchtlinge gelangen in einer Fähre von Lesbos nach Piräus. Foto: Santi Palacios (Keystone)

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Soll das Europa sein? Ein einziger grosser Betrug? Minar, 37 Jahre alt, sitzt auf einer Betonmauer im Hafen von Piräus. Sie und ihre Familie hätten längst auf dem Weg zur griechisch-mazedonischen Grenze sein sollen. Mitten in der Nacht legte die Fähre im Hafen an. Der Bus fuhr auch gleich vor. Ein Mann nahm jedem 50 Euro für die Fahrt ab. Nach 15 Minuten hielt der Bus wieder und lud die Leute aus. Schon da? Als der Bus auf und davon war, merkten sie, dass sie sich wieder im Hafen von Piräus befanden.

Es ist reiner Zufall, dass Minar – ihren Nachnamen möchte sie nicht nennen – und ihre Schicksalsgemeinschaft von 30 Männern und Frauen direkt neben einer unübersehbaren Botschaft sitzen. Jemand hat mit schwarzer Farbe auf ein Schild geschrieben: «Nach Deutschland, Merkel. Bitte!» Aber Deutschland scheint gerade wieder so unendlich weit weg.

Griechenland ist auch ohne das Zutun skrupelloser Seelenverkäufer zur Sackgasse geworden. Nachbar Mazedonien hat vor einer Woche damit begonnen, die Grenze zu schliessen und lässt Flüchtlinge nur noch handverlesen durch. Die sogenannte Balkanroute ist damit praktisch dicht. Seither kommt es in Griechenland zum Rückstau. Über die Türkei erreichen immer noch täglich neue Flüchtlinge das Land. Gestern waren es alleine in Piräus knapp 2000.

Tränengas an der Grenze

Den Menschen, die sich gerade ein paar Hundert Meter weiter entfernt am Quai in eine Warteschlange einreihen, wird vorgegaukelt, dass die Reise weitergeht. Busse fahren vor. Jeder, den man fragt, glaubt, es gehe jetzt endlich zur Grenze und dann weiter entlang der Balkanroute. Tagelang fuhren überhaupt keine Busse, jedenfalls keine öffentlichen. Wenn die Regierung Busse schickt, dann muss doch wieder etwas gehen?

Aber Yannis Pappas weiss es besser. Er ist Regionaldirektor des Busunternehmens, das im Auftrag der Regierung fährt. «Wir haben die Anweisung, 1800 Menschen ins Flüchtlingslager Diavata in der Nähe von Thessaloniki zu bringen.» Von dort aus sind es immer noch 70 Kilometer nach Idomeni. So heisst der Sehnsuchtsort, ein Dorf mit Grenzübergang, wo jetzt für Tausende die Flucht nach Europa vorzeitig endet.

Hier kam es gestern zu Ausschreitungen, als Hunderte Verzweifelte den Grenzzaun stürmen wollten. Mit Tränengas trieb die mazedonische Polizei sie zurück. Im Hafen von Piräus und in Athen sitzen derweil Tausende fest, viele übernachten im Freien. Die Flüchtlingslager der Hauptstadt sind voll. Griechenlands Migrationsminister Yannis Mouzalas spricht vom «Beginn einer humanitären Katastrophe».

In Piräus kann man besichtigen, wozu es führt, wenn Europa keinen gemeinsamen Weg aus der Flüchtlingskrise findet. Griechenland, nach bald sechs Jahren Schuldenkrise ausgezehrt, droht als erstes Land zu kollabieren. Im Moment sollen sich etwa 25'000 Flüchtlinge im ganzen Land aufhalten – jene, die in Bussen durchs Land irren, schon eingerechnet. Gemäss Minister Mouzalas könnte die Zahl schnell auf 70'000 ansteigen. «Wir versuchen, alle Flüchtlinge mit Würde zu versorgen», sagt er weiter.

Es riecht nach Qual

Man muss jedoch nur einmal einen Blick in die Wartehalle für Fährgäste am Terminal E 7 werfen. Dort riecht es nach Turnhalle, aber nicht nach Sport, sondern nach Qual. Es gibt keine Betten, nicht einmal für die Kinder oder die Alten. Sitzbänke aus Metall werden zu Pritschen zusammengeschoben. Aber die meisten schlafen auf dem Boden.

Pavlina Roncheva putzt hier, die dunkelblonde Mähne mit einem Haargummi gebändigt. Aber was heisst hier: putzen. Sie wischt um die Gestrandeten herum, erschöpfte Körper, unter Decken versteckt. «Schauen Sie selbst», sagt sie. «Mir fehlen die Worte.» Also geht die Frage an Timos Chaliamalias von der Hilfsorganisation Médecins sans Frontières: Hat Griechenland die Lage überhaupt noch unter Kontrolle? «Das werden wir in den nächsten Tagen sehen.» Die Situation verschlechtere sich laufend.

Bei der EU hat Griechenland laut Minister Mouzalas jetzt um 485 Millionen Euro Nothilfe gebeten. Davon sollen zusätzliche Unterkünfte errichtet werden. Ende des vergangenen Jahres hatte Griechenland angekündigt, 50'000 Plätze zur Unterbringung zu errichten. «Wir bitten die EU um Hilfe, aber wir fordern auch, dass die EU die Politik umsetzt, die sie beschlossen hat», sagt Mouzalas. Das Land sei von der Grenzschliessung Mazedoniens, vom Alleingang der Bal­kanländer unter Führung Österreichs überrascht worden. Die EU-Kommission teilte gestern mit, dass die Nothilfe vorbereitet werde. Man wolle «alle verfügbaren Instrumente nutzen, um eine humanitäre Krise zu verhindern».

Wer jetzt morgens um 1.30 Uhr auf dem Viktoria-Platz im Zentrum Athens Gestrandete Körper an Körper unter freiem Himmel schlafen sieht, mag sich lieber nicht vorstellen, was passiert, wenn rasche Hilfe ausbleibt.

Erstellt: 29.02.2016, 19:47 Uhr

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