In geheimer Mission zwischen Ost und West

Egon Bahr ist tot. Zusammen mit Kanzler Willy Brandt war er der Architekt der deutschen Ostpolitik, die schliesslich zur Wiedervereinigung führte.

Engste Vertraute: Egon Bahr (links) zusammen mit dem späteren Kanzler Willy Brandt. (17. Dezember 1963)

Engste Vertraute: Egon Bahr (links) zusammen mit dem späteren Kanzler Willy Brandt. (17. Dezember 1963) Bild: AFP

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«Bahr denkt, Brandt lenkt», so charakterisierten Zeitgenossen die Arbeitsgemeinschaft der beiden grossen Berliner Sozialdemokraten der 60er- und frühen 70er-Jahre. Der Kanzler und sein engster Vertrauter und Freund entwickelten gemeinsam eine verwegene Entspannungspolitik gegenüber den kommunistischen Machthabern – Brandt auf der Bühne, Bahr im Hintergrund, oft auch in geheimer Mission zwischen Ost und West. «Ich spreche mit Ihnen wie mit dem Kanzler», sagte Sowjetführer Leonid Breschnew einmal zu Bahr, als er ihn zu einem vierstündigen vertraulichen Gespräch unter vier Augen empfing.

Es war die Zeit zwischen dem Bau der Berliner Mauer und der Kubakrise 1961/62 bis zum Abschluss der sogenannten Schlussakte von Helsinki 1975. Standen sich zu Beginn die Blöcke noch hochgerüstet und kriegsbereit in fiebriger Konfrontation gegenüber, war die geopolitisch hochgefährliche Lage am Ende dieser Zeit bereits entscheidend entspannt. Das war zu einem grossen Teil das Verdienst von Brandt und Bahr.

«Wandel durch Annäherung»

Den ersten Impuls allerdings hatte ein anderer gegeben, John F. Kennedy. In seiner Rede an der Berliner Freien Universität von 1963 hatte der amerikanische Präsident klargemacht, dass es ein einiges Europa und ein wiedervereinigtes Deutschland nur mit Billigung der Sowjetunion geben würde, nicht gegen sie. Keinen Monat später hielt Bahr an der evangelischen Akademie in Tutzing eine Rede unter dem Titel «Wandel durch Annäherung», eine Formulierung, die zum Leitmotiv der neuen Ostpolitik wurde. Die Idee bestand darin, durch Annäherung auf allen Ebenen die Konfrontation zwischen Ost und West aufzubrechen und mit einer «Politik der kleinen Schritte» ein neues Klima von Vertrauen und Entspannung zu schaffen.

Statt dem Ostblock in einer «Politik der Stärke» feindselig gegenüberzutreten, wollten Brandt und Bahr die Mauer, auch die in den Köpfen, durchlässiger machen. Dank hartnäckiger Klein- und vielfach auch Geheimarbeit verwirklichte das Gespann seine Vision, ab 1966 im Auswärtigen Amt, von 1969 bis 1974 dann aus dem Büro des Kanzlers. 1970 einigten sich die Bundesrepublik Deutschland und die Sowjetunion auf den Moskauer Vertrag. Darin verpflichteten sich beide Seiten, den Frieden zu wahren und die Entspannungspolitik zu fördern. Kurz darauf folgte der Warschauer Vertrag, der die Beziehungen zu Polen auf eine neue Grundlage stellte, und schliesslich das Transitabkommen mit der DDR, das weitgehend ungehinderten Autoverkehr zwischen Westberlin und der Bundesrepublik ermöglichte.

Eine riskante Wette

Verwegen war die Ostpolitik, weil es nur im Nachhinein so aussieht, als hätte ihr die Geschichte quasi zwangsläufig recht geben müssen. Tatsächlich war sie eine notwendige, aber riskante Wette, auch politisch. Bahr und Brandt mussten sich für ihre Überzeugungen gegen eiserne Widerstände auch in der eigenen Partei durchsetzen. Herbert Wehner, einer von Brandts grossen Rivalen unter den Sozialdemokraten seiner Generation, nannte die Ostpolitik «Bahren Unsinn». Die konservative Opposition beschimpfte Brandt und Bahr unumwunden als Landesverräter. Bahrs Positionen blieben bis zuletzt umstritten. Als er in der aktuellen Ukrainekrise, in Anwendung alter Prinzipien, den Respekt und Dialog auch im Umgang mit Wladimir Putins Russland einforderte, wurde er von vielen als dümmlicher «Russlandversteher» diffamiert.

Unter Historikern ist heute unumstritten, dass es ohne die deutsche Entspannungspolitik die Perestroika von Michail Gorbatschow wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Die sowjetische Öffnung führte schliesslich zum Kollaps des Ostblocks, zur deutschen Wiedervereinigung und zu einer neuen europäischen Union.

Bahr wurde 1922 in Thüringen geboren, zog aber schon als Jugendlicher nach Berlin. Bevor er nach dem Krieg Journalist wurde, hatte er in einer Rüstungsfirma Industriekaufmann gelernt. Ein Studium hatten ihm die Nazis verwehrt, weil seine Grossmutter Jüdin war. Als Bürgermeister Berlins holte Brandt den Publizisten 1960 als Pressesprecher an seine Seite. Bahr galt als intellektuell hochmütig, jähzornig und einsam. Seine Freundschaft zu Willy Brandt aber hielt bis zu Brandts Tod 1992. Nun, mehr als 20 Jahre später, ist auch Bahr gestorben. Im Alter von 93 Jahren erlag er in der Nacht auf heute einem Herzinfarkt. Vizekanzler Sigmar Gabriel ehrte ihn als «mutigen, aufrichtigen und grossen Sozialdemokraten, als Architekten der deutschen Einheit, Friedenspolitiker und Europäer». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2015, 13:40 Uhr

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