«In jedem Italiener steckt ein Stück Berlusconi»

Er habe persönlich nie Berlusconi gewählt, sagt der Journalist Beppe Severgnini. In seinem neuen Buch erklärt er aber, weshalb es viele seiner Landsleute tun.

Berlusconi versteht es, sich die Italiener zu Komplizen zu machen: 2009 in L'Aquila.

Berlusconi versteht es, sich die Italiener zu Komplizen zu machen: 2009 in L'Aquila. Bild: Keystone

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Ihr Buch erschien, kurz bevor Rubygate ausbrach. Würden Sie es heute anders schreiben?
Nein, ich würde höchstens ein zusätzliches Kapitel anfügen. Die Affäre illustriert weitere Aspekte von Berlusconis Charakter, aber das Buch an sich hat nichts von seiner Aktualität eingebüsst. Wenn ein Symptom mehr auftaucht, muss man nicht die Diagnose ändern.

In Umfragen verliert Berlusconi an Popularität. Ist das ein Zwischentief oder der Anfang vom Ende?
Es ist nicht auszuschliessen, dass Berlusconi bis 2013 regiert. Dann wird er 20 Jahre in der Politik gewesen sein. Das ist ein abgeschlossener Zyklus, auch De Gaulle, Churchill oder Kohl waren nicht 40 Jahre an der Macht. Zudem wird Berlusconi bald 75 Jahre alt.

Staatspräsident kann man auch noch mit 85 Jahren werden.
Berlusconis Lebensstil ist nicht kompatibel mit dem Amt des Mannes, der Italien repräsentieren muss. Der Staatspräsident ist eine Figur der Synthese, des Ausgleichs, des Friedens. Er muss sein Volk führen, Berlusconi hingegen folgt dessen Launen.

Und wie fällt Ihre Bilanz von 20 Jahren Berlusconi aus?
Diese Jahre waren im grossen Ganzen eine vertane Chance. Berlusconi konnte die Rechte einigen, er hatte die Mehrheit und das Charisma, Italien zu verändern, aber er hat es nicht getan. Seit 20 Jahren schiebt er seine Anfangssünden vor sich her: die Feindschaft gegenüber der Justiz und den Wettbewerbsbehörden sowie seinen Interessenkonflikt.

Sie schreiben, dass viele Italiener Berlusconi wählen, weil sie ihn als «einen von uns» betrachten. Er ist ein oberschlauer Milliardär, macht Gesetze in eigener Sache, hält sich einen Harem junger Frauen. Wenn das «einer von uns» ist, ergibt das nicht gerade ein sympathisches Bild von Italien.
Der Ausdruck «einer von uns», heisst nicht, dass er gleich ist wie wir, sondern dass in jedem Italiener ein kleines Stück Berlusconi und in Berlusconi ein grosses Stück der Italiener steckt. Er ist eine Art Synthese aller Gewohnheiten, Laster und Tugenden der Italiener. Da ist sein Optimismus wider alle Umstände, die Begeisterungsfähigkeit, die Empathie. Seine unglaubliche Fähigkeit, das soziale Geflecht der Italiener zu begreifen. Er ist wie der Latin Lover: Was ihn für die Frauen gefährlich macht, ist, dass er schon weiss, was sie denken, bevor sie es denken. Natürlich sind da auch die negativen Seiten: Interessenkonflikte, der Egozentrismus. Mein Buch zeigt beide Seiten. Ich kenne keinen Italiener, der nicht zugeben muss, dass er ein Stück Berlusconi in sich trägt.

Auch Sie selbst?
Natürlich bin ich überzeugt, ganz anders zu sein als Berlusconi. Aber ich kann nicht verneinen, dass ich die Motive für seinen Erfolg intuitiv verstehe. Er minimalisiert die Schuld, urteilt nicht über andere, macht keine Moralpredigten und vor allem verzeiht er allen, sogar die Sünden, die sie noch gar nicht begangen haben. Nicht zufällig habe ich meinem Buch ein Zitat von Giorgio Gaber vorangestellt: «Ich fürchte nicht Berlusconi an sich, sondern den Berlusconi in mir.»

Sie schreiben auch, Berlusconi mache das, wovon die meisten Italiener träumen. Ist er der Kränkste in einem kranken Land?
Stille Komplizenschaft gibt es in jedem Land. Viele Schweizer tun sich zum Beispiel schwer im Umgang mit dem Bankgeheimnis und haben Mühe, dessen problematische Seiten zu akzeptieren. Ich glaube nicht, dass Italien ein krankes Land ist. Auch wenn es gefährliche Symptome zeigt. Und eigentlich sollte der Regierungschef Arzt oder zumindest Krankenpfleger sein und nicht noch eine Flasche Wein verschreiben, wenn da schon ein Alkoholproblem ist.

Berlusconi werde auch mangels Alternative gewählt, schreiben Sie. Weshalb ist die Opposition so schwach?
Innerhalb der Linken gibt es nicht mehr Meinungsunterschiede als innerhalb der Rechten. Aber die Rechte hat einen Chef, der seine Macht zudem mit dem Wahlrecht abgesichert hat: Wer ihn kritisiert, kommt nicht mehr auf die Wahllisten und ist draussen. Die Linke hingegen hat keinen Chef. Zudem leidet sie an einem pathologischen Egozentrismus ihrer 10, 15 Leader. Jeder von ihnen zieht es vor, als Hauptdarsteller zu verlieren statt gemeinsam zu siegen.

Ein Hoffnungsträger der Linken heisst Nichi Vendola: Glauben Sie, dass ein homosexueller Kommunist Regierungschef werden kann?
Nein, und das habe ich schon mehrmals geschrieben. Es gibt in jedem Land eine schweigende Mehrheit mit tiefen Überzeugungen. Und diese Mehrheit toleriert in Italien zwar zum Glück die Homosexualität, ist aber noch nicht bereit, einen bekennenden Homosexuellen als Regierungschef zu akzeptieren.

In Ihrem Buch erklären Sie, weshalb viele Italiener Berlusconi wählen. Und Sie selbst, wählen Sie ihn?
Nein, ich habe ihn nie gewählt. Als Journalist halte ich es für schwerwiegend, dass ein Besitzer von Informationsmedien Partei- und Regierungschef ist.

Und was macht ein bürgerlich denkender Italiener, wenn er nicht Berlusconi wählen will?
Er geht ans Meer.

Erstellt: 20.03.2011, 21:13 Uhr

Beppe Severgnini

«Überleben mit Berlusconi»

Der Journalist und Bestseller-Autor Beppe Severgnini (54) hat zahlreiche Bücher über Italien und die Italiener verfasst. Sein jüngstes Werk ist nun auf Deutsch unter dem Titel «Überleben mit Berlusconi» erschienen. Er stellt es am 21.3. an einer Veranstaltung in Zürich vor, die auf Deutsch und Italienisch stattfinden wird: Universität Zürich, Hauptgebäude, Rämistrasse 71, Saal KOH-B-10 im 1. Stock, 18 Uhr.(TA)

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