Neonazis

«In jeder Stadt gibt es eine Zelle»

Bernd Wagner sagt, Neonazis seien bisher unterschätzt worden. Laut dem Extremismus-Experten sind in Deutschland 2600 Nazigruppen aktiv.

«Das Ausmass wurde unterschätzt»: Rechtsextreme in Deutschland (Berlin 2009).

«Das Ausmass wurde unterschätzt»: Rechtsextreme in Deutschland (Berlin 2009). Bild: Keystone

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War Deutschland auf dem rechten Auge blind?
So drastisch würde ich es nicht formulieren. Die Polizei und der Verfassungsschutz haben einiges getan, nachdem Neonazis in den 90er-Jahren Wohnungen von Ausländern angezündet, Anschläge auf Flüchtlingsheime verübt und Menschen zu Tode geschlagen hatten. Die Sensibilität für rechte Gewalt war vorhanden, doch das Ausmass wurde falsch eingeschätzt.

Niemand kam auf die Idee, hinter den zehn Morden an Ausländern und an einer Polizistin ein politisches Motiv zu sehen. Heute weiss man, dass eine rechtsextreme Zelle aus Zwickau dahintersteckte. Wie konnte es zu dieser Fehleinschätzung kommen?
Die neonazistische Szene wurde eben unterschätzt. Man glaubte viele Jahre lang, dass nur Linksextreme zu solch komplexen Taten fähig seien. Linksextreme gelten als intelligent und gefährlich, Rechte dagegen als Dumpfbacken, Schwätzer und Prolls. Man hat sich nicht vorstellen können, dass auch sie organisatorisch und logistisch in der Lage sind, Terror auszuüben.

Was hat der Verfassungsschutz falsch gemacht?
Die Polizei und der Verfassungsschutz haben die grossen ultranationalistischen Vereinigungen und Parteien wie die Kameradschaften oder die NPD im Fokus. Daneben sind in den letzten Jahren, lokale kleine Netzwerke entstanden. Diese teilen miteinander die Ideologie, sind aber dezentral organisiert: Sie stehen zwar mit anderen Gruppen in Kontakt, führen aber weitgehend ein Eigenleben. Die Zelle aus Zwickau war eine solche Gruppierung.

Wie viele solcher Zellen existieren in Deutschland?
Dazu gibt es keine Statistiken. Es entstehen immer wieder neue Gruppen, alte hingegen zerfallen. Ich schätze, dass in jeder Stadt und jeder grösseren Gemeinde eine solche Gruppe existiert. Pro 30'000 Einwohner gibt es eine Zelle mit 5 bis 8 Mitgliedern.

Wie kommen Sie auf diese Zahl?
Ich beschäftige mich seit Jahren wissenschaftlich mit dem Thema. Zudem arbeiten wir in unserer Beobachtungs- und Beratungsstelle mit aussteigewilligen Neonazis. Aus Gesprächen mit ihnen kann man sich ungefähr ein Bild davon machen, wie gross die Szene in Deutschland ist.

Deutschland hat 80 Millionen Einwohner. Gemäss Ihren Zahlen müssten rund 2600 solcher Zellen mit zwischen 10'000 und 20'000 Mitgliedern existieren. Sind das alles Terroristen?
Die Gruppierungen sind militant. Inwieweit sie zu Terrorakten bereit sind, hängt von den einzelnen Mitgliedern, deren psychologischer Persönlichkeitsstruktur und dem Grad der Fanatisierung ab. Eine Aussteigerin erzählte mir, sie habe für ihren «Führer» eine Bombe gebastelt. Doch am Ende weigerte sie sich, ihm die Bombe zu übergeben. Ihre Begründung war: Die Krise des kapitalistischen Systems ist noch zu wenig weit fortgeschritten, als dass ein Bombenanschlag eine grosse Wirkung erzielen würde.

Wie muss man sich diese Zellen vorstellen? Als Teile der rechten Subkultur?
Ja. Manche gehen an Rockkonzerte von rechten Bands, andere interessieren sich für Fussball. Wieder andere lesen faschistische Literatur oder machen Wehrsportübungen. Je höher entwickelt eine Zelle ist, desto eher wird sie Terrorakte verüben.

Warum bilden Menschen solche Zellen?
Weil sie von einem Gefühl der Entfremdung bestimmt werden. Sie finden, die Demokratie sei nicht mehr in der Lage, ihre Probleme zu lösen. Das Kapital brauche endlich Fesseln, und der sogenannte deutsche Volkskörper müsse vom Fremden gereinigt werden.

Würde ein Verbot der NPD die rechtsextreme Szene entscheidend schwächen?
Diese Zellen sind keine klandestine Strategie der NPD, um Deutschland zu unterwandern. Obwohl auch die NPD militant ist, geht sie für die Zellen zu wenig weit: Für sie ist das nationalsozialistische Bekenntnis der NPD undeutlich. Die NPD nimmt am demokratischen Prozess teil, und deshalb gelten ihre Mitglieder als Weicheier. Die Zellen wollen Taten statt Politik.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.11.2011, 06:44 Uhr

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