In miserabler Gesellschaft

Kurz vor den Wahlen in Österreich holt Heinz-Christian Strache, den Chef der rechten FPÖ, seine Neonazi-Vergangenheit ein.

FPÖ-Chef Strache: «Ich war ein Suchender, ich habe mir vieles angeschaut.» Foto: Werner Kerschbaummayr (APA, Keystone)

FPÖ-Chef Strache: «Ich war ein Suchender, ich habe mir vieles angeschaut.» Foto: Werner Kerschbaummayr (APA, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach wenigen Minuten reicht es Heinz-Christian Strache mit der Fragerei. Er rutscht auf dem Holzstuhl zurück, die Stimme bebt. «Es ist offensichtlich, dass Sie nur ein Thema interessiert», sagt der FPÖ-Chef und kneift die Augen zusammen. Sein Pressesprecher wischt mit der flachen Hand über den Tisch, Schluss jetzt. Dabei war die Atmosphäre anfangs gelöst: Strache sitzt in flaschengrüner Trachtenweste in einem historischen Innsbrucker Gasthaus, plaudert, scherzt. Die Stimmung kippt erst, als Fragen zu seiner Vergangenheit kommen. Das Thema ist heikel, sehr heikel: Straches Zeit in der Neonazi-Szene in den 80er- und 90er-Jahren.

Der 48-Jährige ist einer der erfolgreichsten Rechtspopulisten Europas. Er hat gute Chancen, nach den Wahlen am Sonntag der neuen österreichischen Regierung anzugehören. Weder die sozialdemokratische SPÖ noch die konservative ÖVP schliessen ein Bündnis mit der FPÖ aus. Strache wäre europaweit der erste Ex-Neonazi, der mitregiert.

Wie tief er als junger Mann wirklich im Milieu steckte, zeigen nun Schilderungen von Augenzeugen, Erkenntnisse deutscher Sicherheitsbehörden und Archivmaterial: Strache war über Jahre Mitglied der Neonazi-Szene und begann parallel dazu seine FPÖ-Karriere. Eine Rekonstruktion in fünf Kapiteln:

Bei der Wiking-Jugend: Die letzten Stunden des Jahres 1989 verbringt Strache in einem vergitterten Bus der deutschen Polizei. Identitätsfeststellung – gehen darf er vorerst nicht. Der 20-jährige Wiener ist den weiten Weg von seiner Heimatstadt ins deutsche Fulda gefahren, mehr als 800 Kilometer. Die deutsche Wiking-Jugend will in der Nähe ihr jährliches «Mahnfeuer» an der DDR-Grenze abhalten, doch die Behörden verhängen ein Verbot. Die Organisation steht in der Tradition der Hitlerjugend.

Strache sagt heute dazu: «Die Wiking-Jugend hat uns eingeladen, um gegen die Mauer zu demonstrieren. Und ich war immer ganz klar gegen Kommunismus.» Er habe nicht gewusst, worauf er sich eingelassen habe. Zu einem früheren Zeitpunkt hat Strache den Aufmarsch als humanitäre Aktion gerechtfertigt: Man habe «Brotkörbe» über die Grenze geworfen. Mehrere Zeugen widersprechen dieser Darstellung. Auch die Wiking- Jugend selbst schreibt in ihrer Propagandazeitschrift nichts von «Brotkörben» – dafür von festgenommenen Kameraden, die Neujahr im Polizeibus verbringen mussten. Die Neonazis zählen damals alle Festgenommenen zur Wiking- Jugend. So machen es auch Presse, Polizei und Verfassungsschutz.

Es deutet viel darauf hin, dass Strache schon vor Fulda Kontakt zur Wiking-Jugend hatte. In den 80er-Jahren besucht er Zeltlager in Kärnten, organisiert vom «Familienkreis Volkstreue Jugend», wie er sagt. Eine Organisation dieses Namens existiert nicht, eine Erklärung liegt jedoch nahe: Mit dem Beinamen «Volkstreue Jugend» schmückt sich die Wiking-Jugend, wie rechtsextreme Publikationen belegen. Dass die Zeltlager mit der neonazistischen Organisation in Verbindung stehen, räumt Strache erstmals bei dem Gespräch im Innsbrucker Gasthaus ein: Ja, der Veranstalter dürfte Kontakt zur Wiking-Jugend gehabt haben. Strache nennt keine Namen, sagt aber, dass er so vom Aufmarsch in Fulda erfahren habe.

Die rechtsextreme Volksunion: Wenige Monate später nehmen deutsche Polizisten Strache erneut fest. In Passau besucht er am 10. März 1990 eine Veranstaltung der rechtsextremen Deutschen Volksunion. Unter dem Rednerpult hängt eine Reichskriegsflagge, wie Archivfotos zeigen. Eine Ansprache des Holocaust-Leugners David Irving wird von den Behörden untersagt. «Etwa 4000 Menschen kommen nach Passau», notiert der deutsche Verfassungsschutz, elf nimmt die Polizei fest. «Ihnen wurde das Mitführen verbotener Gegenstände und das Zeigen des Hitlergrusses vorgeworfen», berichtet damals die «Süddeutsche Zeitung». Strache soll eine Schreckschusspistole bei sich gehabt haben.

Kriegsspiele im Wald: Schon viel früher dockt Strache an das Umfeld an, das ihn politisch prägt. Mit 17 Jahren tritt er der deutschnationalen Schülerverbindung Vandalia in Wien bei und knüpft über sie auch Kontakte zu Rechtsextremen. Gemeinsam mit Angehörigen der Burschenschafterszene fährt Strache nach Kärnten und ballert in Kampfmontur in einem Wald mit Softguns herum. Mit dem späteren Chef der FPÖ kriechen auch bekannte Neonazis durchs Unterholz.

Strache wird die Übungen nachträglich als harmlose Paintballspiele abtun, doch die neofaschistische Gruppierung des heute rechtskräftig verurteilten Holocaust-Leugners Gottfried Küssel berichtet 1990 in einer Neonazi-Zeitschrift: Der Einsatz von «Farbkugelpistolen hilft wesentlich zur Erreichung möglichst grosser Realität» bei Übungen militärischen Charakters.

Auch zu einer von Küssel organisierten Wehrsportübung fährt Strache mindestens einmal. Er habe den Besuch abgebrochen, sagt er heute, die Leute «entsetzlich» gefunden. Nur die Neugier habe ihn dorthin getrieben. Diese Schilderung zweifeln zwei Ex-Neonazis an, die damals regelmässig dabei waren. Bei den Übungen sei «keiner von aussen reingekommen», es sei ein «geschlossener Zirkel» gewesen.

Einstieg in die FPÖ: Während sich Strache in der Neonazi-Szene bewegt, tritt er 1989 in die FPÖ ein. Als vaterlos aufgewachsenes Einzelkind habe er in der Partei eine Art Familie gefunden, sagen Wegbegleiter. Strache, damals angehender Zahntechniker, wird vom FPÖ-Funktionär Herbert Güntner in die Partei geholt. Von Kontakten seines Schützlings zu Neonazis habe er nichts geahnt, erzählt dieser. Als das publik geworden sei, sei er unangenehm überrascht gewesen: «Diese Dinge waren für mich mit dem jungen Mann, den ich damals kannte, nicht vereinbar.»

Verschleierung: 2007 holt Strache – inzwischen seit zwei Jahren Chef der FPÖ – die Vergangenheit ein: Fotos aus seiner Zeit im Milieu werden publik. Ausschliessen, dass es auch ein Bild geben könnte, das ihn beim Hitlergruss zeigt, kann er nicht. Vor laufenden Kameras sagt der FPÖ-Vorsitzende: «Ich war kein Neonazi, und ich bin kein Neonazi.» Die Empörung in Österreich legt sich bald, auch dank des damaligen sozialdemokratischen Kanzlers Alfred Gusenbauer: Er werde niemandem irgendwelche «Jugendtorheiten» ein Leben lang nachtragen, sagt er und beendet ­damit die Rücktrittsdebatte.

Straches Verteidigungslinie von damals steht noch heute: Er gibt nur zu, was bekannt ist, lässt Details im Dunkeln, verdammt den Nationalsozialismus und Extremismus aller Art. «Ich war ein Suchender, ich habe mir vieles angeschaut», sagt Strache. Einen Fehler nennt er diese Erfahrungen nicht. Wenn Journalisten nachhaken, droht er, das Gespräch abzubrechen – so wie auch diesmal in Innsbruck. Erst als andere Themen angesprochen werden, kommt er wieder ins Reden.

Zerknirscht soll sich Strache nur bei seiner Mutter gezeigt haben. Als die ersten Fakten publik wurden, hätten sie beide geweint, erzählt Marion Strache im Jahr 2007 der Zeitung «Kurier»: Er sei heute nicht mehr der, der er damals gewesen sei. «Im Innersten bereut er es.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2017, 23:11 Uhr

Artikel zum Thema

Wie sich Europas Rechte vernetzen

Eine Datenanalyse von über 250 Facebook-Seiten legt offen, wie die Rechten das soziale Medium für sich nutzen. Mehr...

Selfie in Moskau – FPÖ-Delegation grüsst aus Russland

Die Führer der österreichischen Rechtspopulisten unterzeichnen einen Kooperationsvertrag mit Putins Partei Einiges Russland. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wer Prämien spart, muss nicht auf Ferien verzichten

Wegen der Krankenkassenprämie könnte es für viele nächstes Jahr heissen: weniger Ferien, kein neues Handy und Sparen vertagt.

Kommentare

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Die Welt in Bildern

Wandelnder Busch: Ein Model zeigt die Frühling Sommer Kollektion 2018 des chinesischen Designers Viviano Sue an der Fashionweek in Tokio. (19. Oktober 2017)
(Bild: EPA/FRANCK ROBICHON) Mehr...