Insel der Ungewissheit

Tory und Labour überzeugen nicht mehr. In Grossbritannien ist die Zeit der Protestbewegungen und Populisten angebrochen.

Das alte Zweiparteiensystem scheint nicht mehr zu funktionieren: Das britische Parlamentsgebäude in London. Foto: Lefteris Pitarakis (Keystone)

Das alte Zweiparteiensystem scheint nicht mehr zu funktionieren: Das britische Parlamentsgebäude in London. Foto: Lefteris Pitarakis (Keystone)

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Viel Zeit zum Atemholen gibt es nicht. Gerade haben die Briten es geschafft, ihr Land buchstäblich vor dem Zerfall zu retten – da droht ihnen schon die nächste grosse Herausforderung.

Ihr altes Zweiparteiensystem scheint nicht mehr zu funktionieren. Die Wähler sind der Loyalitäten des 20. Jahrhunderts müde. Grosse Parteitage vermögen keine Massen mehr zu mobilisieren, wie sich dieser Tage zeigte. Früher einmal stimmten vier Fünftel aller Briten für Tory oder Labour. Jetzt sind es noch zwei Drittel. Protestbewegungen und telegene Populisten bieten sich als politische Ersatzvehikel an.

Enormer Reformhunger

Wie überdrüssig viele Briten der etablierten Kräfte sind, hat man beim Referendum in Schottland studieren können. Die Parteien, die in London die politische Bühne dominieren, vermochten die schottischen Mitbürger nur mit Mühe im Vereinigten Königreich zu halten. Die schottische National­partei holte mit ihrer Idee kompletter Selbstverwaltung 45 ­Prozent der Stimmen.

Wie steht es um ein Land, in dem fast jeder Zweite die einzige Chance für Wandel darin sieht, aus dem eigenen Staatswesen auszusteigen? Nicht Stolz auf Kilts und Clans und ethnische Identität war ja der Dynamo der Unabhängigkeitsbewegung, sondern das Verlangen nach anderen sozialen Werten, nach kommunalem Zusammenhalt und politischer Mitsprache, nach weniger Bevormundung und mehr Demokratie.

Entgeistert sah die Labour Party, die selbst einmal als Volksbewegung begonnen hatte, wie sich ihre Stammwähler in Schottland von ihr abwandten und sich für eine rivalisierende sozialdemokratische Vision erwärmten. Zu sehr wird die Partei der britischen Linken heute mit Irakkrieg, mit Bankenhörigkeit, mit Kommerzialisierung der Gesellschaft gleichgesetzt, als dass sie reformhungrige Landsleute noch inspirierte.

Den britischen Grünen und den schottischen Nationalisten, die auf Neues drängen, strömen seit der Referendumsniederlage vor zwei Wochen Zehntausende neuer Mitglieder zu – ein bedeutsames Zeichen. Gleichzeitig wenden sich andere Unzufriedene, besonders ehedem konservative Parteigänger, einer Protestbewegung am anderen Ende des politischen Spektrums zu.

Jeder sechste Wahlberechtigte gibt inzwischen an, hinter der rechts­populistischen Unabhängigkeitspartei Ukip zu stehen. Tory-Abgeordnete, Tory-Gönner und Tory-Wähler laufen zu Ukip über. Tory-Chef David Cameron sucht mit Steuersenkungs­versprechen und antieuropäischer Rhetorik die Stellung zu halten.

Er scheint aber ebenso wenig Kontrolle über die Entwicklung zu haben wie Labour-Chef Ed Miliband, dem typische Parteimitglieder den Rücken kehren. Leider weiss weder Cameron noch Miliband zu über­zeugen. Oder auch nur gut mit der Bevölkerung zu kommunizieren.

Stagnierende Löhne, sinkende Lebensstandards und persönliche Abhängigkeit von nebulösen Wirtschaftsentwicklungen tragen natürlich zur Verunsicherung bei, die viele Briten ergriffen hat. Die fort­schreitende Globalisierung führt auch im britischen Raum zu immer neuen Spannungen. Herkömmliche Rezepte erweisen sich oft als untauglich. Niemand weiss so recht, wie es weitergehen soll.

Die Bastionen wanken

Mit der Ukip-Forderung nach einem Hochziehen der Zugbrücken lässt sich in einer solchen Situation leicht Stimmung machen. Zumal die Zweifel an den lange Zeit unangefochtenen Kräften des Grosskapitals wachsen. Ausserdem bedarf das Zusammenspiel der einzelnen Teile des Vereinigten Königreichs längst einer Neuordnung. Identität und Verfassung beginnen in diesem Herbst erst so recht Themen in England zu werden. Und das grosse Referendum – das um die EU-Mitgliedschaft – kommt erst noch.

Gewiss ist nur eines: Dass die Briten sehr ungewissen Zeiten entgegen­gehen. Schottland war der Auftakt. Die englischen Nationalisten, ein ganz anderer Schlag von Rebellen, sind als Nächste am Zug. Zugleich verschärfen sich aufgrund der Regierungspolitik überall im Land die sozialen Gegensätze. Der Druck wächst, politische Bastionen wanken. Wie lange hält das alte System der wachsenden Desillusionierung und Frustration noch stand?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2014, 18:38 Uhr

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