Internationale Experten ermitteln an Absturzstelle

Tagelang war der Zugang zum Absturzgebiet für die internationalen Experten gesperrt. Jetzt sind gleich 70 angerückt – trotz heftiger Gefechte in der Region. In Zukunft sollen sie ausländische Soldaten schützen.

Die Experten konnten tagelang nicht zur Absturzstelle gelangen: Ein Team der OSZE an einer Strassensperre. (30. Juli 2014)

Die Experten konnten tagelang nicht zur Absturzstelle gelangen: Ein Team der OSZE an einer Strassensperre. (30. Juli 2014) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Trotz anhaltender Gefechte hat eine Gruppe von Experten am Freitag ihre Arbeit am Absturzort des mutmasslich abgeschossenen Passagierflugzeugs in der Ostukraine aufgenommen. Rund 70 Forensiker und Kriminaltechniker vornehmlich aus den Niederlanden und Australien begannen am Freitag mit der Suche nach weiteren Leichenteilen der 298 Absturzopfer und der Spurensicherung an Wrackteilen.

Die gefundenen sterblichen Überreste würden in die Niederlande gebracht, sagte der Leiter der Mission, Pieter-Jaap Aalbersberg. «Wir hoffen, dass dies ein Trost für die Hinterbliebenen sein kann.«Die Untersuchung wird von den Niederlanden geleitet, aus denen die meisten der Absturzopfer stammen.

Begleitet wurde die Gruppe von Beobachtern und Experten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Ursprünglich sollten bis zu 950 bewaffnete Polizisten aus den Niederlanden und Australien die Arbeiten absichern.

Diese Idee sei zunächst aber verworfen worden, sagte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte. Die Leiter des Einsatzes wollen so eine Provokation der an den Gefechten in der Region beteiligten Kämpfer vermeiden.

Kämpfe behinderten Arbeiten

Die Regierung in Kiew und der Westen machen die prorussischen Separatisten für den Abschuss des Flugzeugs am 17. Juli verantwortlich. Die Rebellen bargen 227 Leichen, doch befinden sich inmitten der weiträumig verstreuten Trümmer die sterblichen Überreste weiterer Opfer.

Versuche der Ermittler, zur Absturzstelle vorzudringen, scheiterten mehrfach wegen der anhaltenden Kämpfe. Erst am Donnerstag konnte eine Vorhut der Experten das Gelände erstmals in Augenschein nehmen.

Die ukrainische Armee und die Separatisten vereinbarten bei Krisengesprächen in Minsk, den Ermittlern einen Zugang zum Absturzort zu gewährleisten, wie der ukrainische Ex-Präsident Leonid Kutschma in Kiew sagte. Beide Lager hätten zudem den gegenseitigen Austausch von 20 Gefangenen beschlossen.

Kämpfe gehen weiter

Armee und Regierungstruppen warfen sich allerdings gegenseitig vor, die beschlossene Feuerpause nicht einzuhalten. Die Armee feuere aus Mehrfachraketenwerfern, sagte Separatistenanführer Andrej Purgin.

Mindestens zehn ukrainische Soldaten seien getötet worden, als ihre Einheit in Schachtjorsk, rund 25 Kilometer vom Absturzort entfernt, in einen Hinterhalt geriet, sagte Armeesprecher Alexej Dmitraschkowski. Dabei starben auch vier Separatisten.

In Lugansk wurden mindestens fünf Zivilisten getötet. Das von Regierungstruppen eingekesselte und von der Versorgung mit Lebensmitteln abgeschnittene Lugansk ist neben Donezk die letzte Hochburg der Rebellen.

Parlament beschliesst Kriegssteuer

Um die Offensive der ukrainischen Armee gegen die Separatisten zu finanzieren, beschloss das ukrainische Parlament am Donnerstag eine Kriegsabgabe von 1,5 Prozent auf Einkommen.

Den Rücktritt des Chefs der Übergangsregierung, Arseni Jazenjuk, lehnten die Parlamentarier ab. Jazenjuk hatte vor einer Woche seinen Rücktritt erklärt, nachdem das Parlament von ihm eingebrachte Sparmassnahmen zur Sanierung der Staatsfinanzen abgelehnt hatte.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko versprach in einem Interview vorgezogene Parlamentswahlen im Herbst. Er hoffe, im neuen Parlament werde es eine «mächtige, wirksame und proeuropäische Mehrheit» geben.

Sanktionen formell bestätigt

US-Präsident Barack Obama warf dem russischen Staatschef Wladimir Putin in einem Telefonat am Freitag eine zunehmende Unterstützung der Separatisten in der Ukraine vor. Obama habe aber auch für eine «diplomatische Lösung» des Konflikts geworben, hiess es aus dem Weissen Haus.

Der Kreml teilte mit, dass Obama und Putin einer Meinung gewesen seien, «dass die aktuelle Situation in der Ukraine nicht im Interesse beider Länder ist». Die von den USA und der Europäischen Union verhängten Sanktionen bezeichnete der russische Präsident als kontraproduktiv.

Die Europäische Union hatte vor wenigen Tagen die schärfsten Wirtschaftssanktionen gegen Russland seit dem Ende des Kalten Krieges beschlossen. Die Sanktionen wurden nach EU-Angaben vom Donnerstag von allen Mitgliedsstaaten formell bestätigt. (ldc/sda)

Erstellt: 01.08.2014, 07:45 Uhr

Artikel zum Thema

Wir brauchen mehr Beweise für das Böse – nicht weniger

Gastbeitrag Der Vizedirektor der Foto-Agentur Magnum sagt, warum es richtig war, die Toten des abgeschossenen Flugzeugs in der Ukraine zu fotografieren. Mehr...

Separatisten sollen Zufahrt zur MH17-Absturzstelle vermint haben

Schlechte Aussichten für eine rasche unabhängige Untersuchung des Flugzeugabsturzes: Die Experten kommen einfach nicht zum Wrack durch. Die Ukraine und Russland weisen sich gegenseitig die Schuld zu. Mehr...

Bildstrecke

 MH17: Passagierjet über der Ostukraine abgeschossen

MH17: Passagierjet über der Ostukraine abgeschossen Ein Flugzeug der Malaysia Airlines wurde von einer Rakete getroffen. Kiew und die prorussischen Separatisten machen sich dafür gegenseitig verantwortlich.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home So geht Gastfreundschaft

Geldblog Vifor bleibt eine Wachstumsgeschichte

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...