Island ausser Rand und Band

Nach dem Zusammenbruch der Banken, der massiven Verschuldung und einem desaströsen Vulkanausbruch verkommt Islands Politik zum Satire-Projekt.

Warten auf bessere Zeiten in Reykjavik: In Island läuft derzeit alles schief.

Warten auf bessere Zeiten in Reykjavik: In Island läuft derzeit alles schief. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eines muss man den hart geprüften Isländerinnen und Isländern lassen: Sie halten ihr Wahlrecht hoch. Am Wochenende nahmen weit über 80 Prozent der Wahlberechtigten an den Gemeindewahlen teil – dem dritten Urnengang seit dem Zusammenbruch des isländischen Bankensystems vor anderthalb Jahren. Und zum dritten Mal sorgten die Stimmenden für ein Erdbeben. Nach der dramatischen Abwahl der seit 60 Jahren dominierenden Unabhängigkeitspartei vor einem Jahr lehnten sie im März dieses Jahres in einem Referendum das Schuldenrückzahlungsabkommen mit Grossbritannien und den Niederlanden mit einem Nein-Anteil von 93 Prozent ab.

Folgen der Krise nicht im Griff

Nun setzte es bei den Gemeindewahlen für die etablierten Parteien eine weitere schallende Ohrfeige ab. So wurde in der Hauptstadt Reykjavik die regierende Unabhängigkeitspartei der bisherigen Bürgermeisterin Hanna Birna abgewählt und von der Witz-Gruppierung «Beste Partei» als grösste Fraktion von der Macht verdrängt. Im Wahlkampf hatte der Gründer dieser «Besten Partei» denn auch frohlockt: «Wir können mehr versprechen als die anderen, weil wir diese Versprechen auf keinen Fall halten werden.» Und auch in vielen anderen Gemeinden des Landes entzogen die Wähler den seit der Staatsgründung vor 66 Jahren entstandenen Parteien das Vertrauen: In Akureyri, Islands zweitgrösster Stadt, gewann die Liste der «Unabhängigen Bürger» gar die absolute Mehrheit der Sitze im Stadtparlament.

Mit den Gemeindewahlen geht der dramatische Zusammenbruch des noch vor wenigen Jahren sehr wohlhabenden und stabilen Landes am Polarkreis weiter: Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Jóhanna Sigurdardóttir nannte das Kommunalwahl-Ergebnis denn auch «einen Schock». Ihrer rot-grünen Regierung ist es nicht gelungen, die Folgen der globalen Finanzkrise in den Griff zu bekommen.

Island hat viel Pech

Im Gegenteil: Der isländischen Wirtschaft geht es immer schlechter, ausländische Investoren bleiben dem Land wegen der ungeklärten Schuldenfragen fern, und der erst in der vergangenen Woche zu Ende gegangene Ausbruch des Gletschervulkans Eyjafjallajökull hat nun auch den für die Insel so wichtigen Tourismus fast zum Erliegen gebracht. In den grossen Hotels der Hauptstadt herrscht Leere, und vor wenigen Tagen entstieg einem aus dem benachbarten Norwegen kommenden Jet der Fluggesellschaft Icelandair gerade einmal ein einziger Passagier.

Island hat viel Pech, trägt aber gleichzeitig auch selbst viel Schuld am eigenen Fall. Dazu ist vor allem das Unvermögen der einheimischen Parteien-Demokratie zu zählen, die bislang nur ungern Lehren aus dem eigenen Versagen gezogen hat. Dabei machte der im April veröffentlichte Untersuchungsbericht zur Bankenkrise deutlich, dass fast alle führenden Politiker und Parteien viel Dreck am Stecken haben. Über Jahre wurden sie von den privatisierten Banken des Landes mit viel Geld geschmiert und unterliessen es deshalb, ihre Aufsichtspflichten und politische Verantwortung wahrzunehmen. Gegenwärtig prüft ein Sondertribunal, welche Politiker und Wirtschaftsführer als Konsequenz der Bankenkrise juristisch belangt werden können.

Alles läuft schief

Die von der rot-grünen Regierung in Angriff genommene Neuausrichtung nach Europa droht an den ungeklärten Schuldfragen zu scheitern. In Brüssel wird derzeit offen darüber gesprochen, das kürzlich eingereichte isländische Beitrittsgesuch wieder auf Eis zu legen. In der vergangenen Woche hat das Efta-Aufsichtsgericht Island zu einer Milliarden-Rückzahlung an ausländische Gläubiger verurteilt – und damit das Icesave-Nein des isländischen Volkes direkt infrage gestellt. Auf Island läuft gegenwärtig so ziemlich alles schief.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2010, 22:25 Uhr

Ein arktischer Viktor Giacobbo

«Enttäuscht» sei er über diesen Wahlausgang, sagte Reykjaviks neuer starker Mann, der 43 Jahre alte Komiker Jon Gnarr, am Sonntag nach Bekanntgabe des sensationellen Wahlergebnisses: «Ich hatte eine absolute Mehrheit erwartet.» Im neuen Stadtrat der mit Abstand grössten isländischen Gemeinde - in Reykjavik leben über die Hälfte der 300 000 Isländerinnen und Isländer - besetzt die von Gnarr vor einigen Monaten gegründete «Beste Partei» (Besti Flokkurinn) künftig 6 der 15 Sitze. Dem zu absurdem und schwarzem Humor neigenden bekanntesten Satiriker des Landes steht somit das mächtige Amt des Bürgermeisters zu.

«Alles ist machbar», hatte Gnarr im Wahlkampf versprochen und damit nur eine Anspielung auf das «absurde Theater der klassischen Politik» abgeben wollen. Selbst hat die «Beste Partei» nämlich kein Programm, ausser dass - so Gnarr - die «Korruption ganz öffentlich» vollzogen und das «Stadtparlament bis zum Jahre 2020 drogenfrei» werden soll. Die Politik begreifen Gnarr und seine Freunde als schlechten Witz: Zu den Wahlversprechungen der eigenen Partei gehörten «kostenlose Badetücher in den Schwimmbädern», «Eisbären im Zoo» und ein «Disneyland beim internationalen Flughafen».

Im kleinen Island hat sich Jon Gnarr mit verschiedenen Tätigkeiten durchgeschlagen: Er begann als Heavy-Metal-Rocker in der lebendigen Musikszene Reykjaviks und machte dann als Filmemacher, Schauspieler, Radiomoderator und Fernsehkomiker Karriere. Dabei versuchte er nach eigenen Angaben, immer möglichst überall anzuecken, sodass «ich während meiner Ferien auf diesem Planeten alles ausprobieren und mir eine eigene Meinung bilden kann».

Was nach dem Wahlsieg vom Wochenende geschehen soll, wissen Jon Gnarr und seine Partei-Freunde auch noch nicht. Nur das: Die Abenteuer des arktischen Giacobbos werden von einem Filmteam festgehalten. Der nächste Film aus dem Hause Gnarr kommt bestimmt. (BK)

Artikel zum Thema

«Die Isländer stellen den Vulkan erst wieder ab, wenn ihnen die Schulden erlassen werden»

Die Aschewolke des isländischen Vulkans beschert Europa ein Luftverkehr-Chaos. Doch Nutzer von Twitter können über die Situation auch lachen. Mehr...

Die schwarze Rache aus Island

Nach Jahren der Irrwege auf dem globalen Finanzplatz verfügt die Insel aus Feuer und Eis endlich wieder einmal über einen echten Heimvorteil. Mehr...

«Ich hasse Island»

Ein enttäuschter Schotte macht seinem Frust Luft - live am TV. Mehr...

Paid Post

Unsere Tipps für diesen Sommer

Geniessen Sie diesen Sommer die Wanderungen und Freizeitaktivitäten, die Sie in den Walliser Ferienorten Nendaz und Veysonnaz erwarten.

Blogs

Sweet Home Mehr Grünes auf den Teller

Mamablog Wie viel Verantwortung soll das Kind übernehmen?

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Hier hängt keine Werbung an den Wänden: Eine Frau schaut auf ihr Handy, während sie in einer U-Bahn in Pjöngjang eine Rolltreppe hinauf fährt. (19. Juni 2019)
(Bild: Ed Jones) Mehr...