Jagd auf den Mann, der sich mit Putin anlegte

Einst war Geschäftsmann Bill Browder einer von Russlands mächtigsten Investoren und gern gesehener Gast im Kreml. Seit dem mysteriösen Tod seines Anwalts Sergei Magnitski ist er zur Persona non grata geworden.

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Auf die Woche genau fünf Jahre ist es her. Am 16. November 2009 fanden Wächter den russischen Steueranwalt Sergei Magnitski tot in einer Moskauer Gefängniszelle. Die Umstände, die damals zum Tod des 37-Jährigen geführt hatten, bleiben bis zum heutigen Tag ungeklärt. Vier Jahre später wurde Magnitski posthum von einem Moskauer Gericht wegen Steuerbetrugs verurteilt – es war der erste Prozess gegen einen Toten in der Geschichte des Landes. Auch angeklagt war der britisch-amerikanische Geschäftsmann Bill Browder, dessen Anwalt Magnitski gewesen war.

Wegen desselben Vergehens wurde Browder in Abwesenheit zu neun Jahren Haft verurteilt. Seitdem sind die russischen Behörden auf der Jagd nach dem Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, seinem Anwalt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Bereits zweimal hat Russland bei Interpol einen internationalen Haftbefehl für den Manager beantragt – ohne Erfolg. Weil die Behörde politische Motive hinter dem Gesuch vermutet, lehnte sie Moskaus Ansinnen bisher ab. Nun soll heute oder morgen in Lyon ein drittes Mal über den Antrag entschieden werden. Bei einem Ja droht dem heute 50-Jährigen eine Auslieferung an Moskau.

Vom Saulus zum Paulus

Der Fall ist ein Sinnbild für das Russland unter Putin. Er macht deutlich, was passieren kann, wenn ein Unternehmer es wagt, sich gegen den Kreml zu stellen. Browders Werdegang vom Saulus zum Paulus und seine spätere Verbannung aus Russland kommt einem Krimi gleich, den ein Drehbuchautor sich nicht hätte besser ausmalen können. In vielem erinnert seine Geschichte auch an die des einstigen Yukos-Chefs und Kreml-Kritikers Michail Chodorkowski, der inzwischen in der Schweiz lebt.

1996 – zu einer Zeit, als in Russland viel Geld verdient werden kann – gründet der Enkel eines amerikanischen Kommunisten in Moskau seinen Investmentfonds Hermitage Capital Management. Mit einem Kapital von 25 Millionen Dollar gestartet, verfügt die Firma bereits wenige Jahre später über Aktiva im Wert von mehr als vier Milliarden.

Das Geschäftsmodell ist ungewöhnlich: Browder kauft Anteile russischer Firmen wie Gazprom oder Sberbank und lässt intern nach Regelverstössen und Korruption fahnden. Dies setzt die Firmen unter Druck, oft müssen nach den Enthüllungen hohe Kader gehen. Wird ein neues Management eingesetzt, schnellt der Aktienkurs von Browders Beteiligungen in die Höhe. Er wird damit zum grossen Profiteur – und dem zeitweise mächtigsten westlichen Investor in Russland. Kritik prallt an ihm ab. Mehr noch, er wird nicht müde, das, was er westliche Mythen über Russland nennt, zu widerlegen.

Hermitage-Gelder auf Schweizer Konten

Im November 2005 wendet sich das Blatt dann zu seinen Ungunsten. Nach einem London-Besuch lassen die russischen Behörden den Manager plötzlich nicht mehr ins Land. Über die Gründe ist viel spekuliert worden: So soll Browder damals Korruption im russischen Energiekonzern Surgutneftegas aufgedeckt haben. Ein Unternehmen, das laut Kreml-Kritiker Stanislaw Belkowski eigentlich im Besitz von Präsident Wladimir Putin ist. Zwei Jahre später wird Hermitage Capital Management nach einer Razzia des Innenministeriums liquidiert, mehrere Tochterfirmen werden gekapert.

Pikant ist: Sergei Magnitski, der Browders Unternehmen berät, beschuldigt die Beamten des Innenministeriums, den russischen Staat und Hermitage um bis zu 220 Millionen Franken betrogen zu haben. Ein Teil dieser Gelder soll auf Schweizer Konten liegen, unter anderem bei der UBS und bei Credit Suisse (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete).

Kurz darauf wird Magnitski selbst verhaftet, man legt ihm Steuerhinterziehung zur Last – das Vergehen, das er zuvor selbst aufgedeckt hatte. Nach 358 Tagen in Untersuchungshaft stirbt er – ein Gutachten stellt später fest, dass eine «angemessene medizinische Versorgung» seiner Bauchspeicheldrüsenerkrankung nicht gewährt worden sei. Es gibt Anzeichen dafür, dass der Häftling von Beamten misshandelt worden ist.

Persönlicher Kreuzzug gegen Putin

Seitdem führt Browder einen persönlichen Kreuzzug gegen Wladimir Putin – und das mit Erfolg. So erwirkte er in den USA das sogenannte Magnitski-Gesetz: Es sieht vor, dass russische Beamte und Geschäftsleute, die im Zusammenhang mit Magnitskis Tod stehen, nicht mehr in die USA reisen dürfen, ihre Konten werden gesperrt. Auch der Richter, der Browder und Magnitski später verurteilt, taucht auf der Sanktionsliste auf. Der Brite setzt sich derweil bis heute für ähnliche Gesetze in den europäischen Staaten ein.

Russlandfreundliche Kommissarin

Es gibt zwei Arten, den Wandel vom Putin-Freund zum Gegner zu deuten: Browder habe das Regime so lange unterstützt, bis es sich gegen ihn wandte, sagen Kritiker. Der Manager selbst erzählt die Geschichte anders: Putin selbst habe die russischen Oligarchen zuerst mit seiner Hilfe bekämpft und sei dann selbst zum mächtigsten Oligarchen aufgestiegen, so stellt Browder es dar.

Dass das Gesuch an Interpol gerade jetzt kommt, ist kein Zufall. Seit kurzem hat die Behörde eine neue Leitung, mehrere zuständige Kommissionen stellten neues Personal ein. Und an der Spitze des Kontrollgremiums steht eine Frau, der ein russlandfreundlicher Kurs nachgesagt wird. So hatte sie als Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2011 eine Klage ehemaliger Yukos-Eigner abgewiesen.

Doch ganz gleich, wie Interpol entscheiden sollte: Mehrere Länder, darunter Deutschland, die USA und Grossbritannien, haben Browder bereits zugesichert, ihn selbst dann nicht an Russland ausliefern zu wollen, falls die Behörde ihn auf die Fahndungsliste setzen sollte. Und der Manager ist nicht der einzige Kämpfer für das Erbe Magnitskis. So hat Natalia Magnitskaja, die Mutter des Verstorbenen, heute vor dem obersten Gericht Russlands Berufung gegen die Verurteilung ihres Sohnes eingelegt.

Erstellt: 20.11.2014, 19:24 Uhr

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