Jawort in der Kapelle, Kutschfahrt im Windsor-Park, intimes Festessen

Wer die Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle hautnah miterleben darf: die Gäste, der Ablauf, die Erwartungen.

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«Great Expectations», grosse Erwartungen, lassen das kleine Windsor froh in die Zukunft blicken. Und damit ist erst mal nur das Theaterprogramm in Windsor, dem Stammsitz der Queen eine halbe Autostunde westlich von London, gemeint. Windsors Theatre Royal nämlich, zu Füssen von Windsor Castle, hat just mit einer neuen Bühnenfassung von Charles Dickens’ Roman «Great Expectations» aufgewartet. Mit diesem Spektakel um Armut und Reichtum, um Herzeleid und Freude hat sich die kleine Spielstätte ein volles Haus und ein zufriedenes Publikum verschafft.

Die Regisseure auf der grossen Bühne, droben im Schloss, hoffen auf ähnliche Erfolge. Auch dort ist ja, in wenigen Wochen, ein denkwürdiges Schauspiel geplant. Prinz Harry und Meghan Markle wollen am 19. Mai in St. George’s Chapel, der Kapelle des heiligen Georg auf Schloss Windsor, in den Ehestand treten. Charles, Harrys Vater, lädt anlässlich dieser Heirat zur Festivität des Jahres im Vereinigten Königreich ein. 600 handgedruckte Einladungskarten hat der Prinz von Wales zu dem «grossen Ereignis» verschicken lassen. So viele Sitze sind in Windsors St. George’s Chapel nun für Freunde, Verwandte und «verdiente Bürger» reserviert.

Dazwischen zum Cup-Final

Dabei sollen am Festtag noch sehr viel mehr, nämlich insgesamt 2640 Gäste auf dem Schlossgelände willkommen geheissen werden – die meisten freilich nur, um im Schlosshof Zeugen des An- und Abmarschs der massgeblichen Akteure zu sein. Jubeln, Fähnchen schwenken und generell «an der Stimmung teilhaben» sollen diese ebenfalls geladenen Fans der Krone, die Gäste zweiter Klasse. Was das weitere Publikum am Tag der Hochzeit verfolgen darf, ist die Kutschprozession der frisch getrauten Eheleute durch Teile Windsors und zurück durch Windsor Great Park, zur berühmten Schlosspforte, die man ja aus der Fernsehserie «The Crown» bestens kennt.

Im Anschluss gibt Königin Elizabeth II. den offiziellen Empfang in St. George’s Hall, einem nach dem grossen Brand von 1992 restaurierten Bankettsaal im Innern des Schlosses. Und am Abend fungiert Charles als Gastgeber – für ein «intimes» Festessen «im kleinen Kreise», dem eine mächtige Party in die Nacht hinein folgen soll. Zwischendurch, zwischen dem Bankett und dem Nachtessen, muss sich Harrys Bruder William noch überlegen, ob er das Fest schnell mal verlässt, um beim jährlichen Cup-Final im Wembley-Stadion den Siegern den Pokal zu überreichen. Immerhin ist William Präsident des englischen Fussballverbandes. Und so weit ist es von Windsor nach Wembley ja nicht.

Ein Harry-und-Meghan-Becher kostet dabei im Schnitt sieben Pfund (9.50 Franken) – ein Pfund mehr, als einer der an William und ­Kates Heirat erinnert.

Grosse Erwartungen für den 19. Mai hegt derweil nicht nur die königliche Familie. Die Hotels vor Ort sind für dieses Wochenende lang schon ausgebucht. Gaststätten, Geschäfte und Pubs wollen zusätzliche Hilfskräfte anheuern. Alles stellt sich auf mächtigen Andrang ein.

In den Souvenirläden Windsors sind, unter all den Tausenden kurioser Sammelstücke, längst auch Harry-und-Meghan-Memorabilien zu erstehen. Hochzeitsbecher, Hochzeitsteller und Geschirrtücher zum Festtag werden überall angeboten. Buchzeichen kann man kaufen, Küchenmagnete, Schlüsselringe, wenn man will. Ein Harry-und-Meghan-Becher kostet dabei im Schnitt sieben Pfund (9.50 Franken) – ein Pfund mehr, als man für einen Becher zur Erinnerung an Williams und ­Kates Heirat heute zahlt. Aber jenes Ereignis, von etwas grösserer Dimension und in Londons Westminster Abbey, liegt natürlich auch schon sieben Jahre zurück.

Nicht mal das Baby kann ihnen die Schau stehlen

Immerhin haben Kate und William diese Woche noch etwas anderes zu feiern. Am Montag kam ja ihr drittes Kind auf die Welt. Diesem neuen Prinzlein ist es bereits gelungen, hinter Opa Charles, Papa William und den Geschwistern George und Charlotte zur Nummer fünf in der Thronfolge aufzurücken. Der arme Onkel Harry ist damit zwangsläufig zur Nummer sechs in der Windsor-Reserve abgerutscht. Ein paar Tage lang, mindestens bis zum Besuch der Queen an der Wiege ihres sechsten Urenkels, wird wohl die Ankunft dieses «Königskindes» noch die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber selbst dieses Ereignis ist nur eine Art Zwischenakt im royalen Theater dieses Frühjahrs. Die Hauptfiguren auf der Bühne der britischen Monarchie sind andere zurzeit.

Denn Williams jüngerer Bruder und die künftige Schwägerin halten mit ihren Auftritten fast permanent Bildschirme, Smartphones und iPads besetzt auf der Insel. Wo sich das Paar sehen lässt, stösst es auf Begeisterung, auf offenkundige Sympathien. Ob in Birmingham oder Belfast, in Leicester, Cardiff oder Brixton: Wo immer der Wildfang der Windsors und seine amerikanische Braut auf ihrer «Vor-Hochzeits-Tour» aufkreuzen, drängen sich glücklich die Insel-Royalisten, applaudieren Passanten, rollen in aller Eile die Kameras an. Prinz Harry, der einmal als «Problem-Prinz» gehandelt wurde, erfreut sich grösster Beliebtheit dieser Tage. Das haben zuletzt seine Auftritte beim Commonwealth-Gipfel in London und bei der 92. Geburtstagsfeier für Ihre Majestät die Queen, seine Grossmutter, am Samstag in der Royal Albert Hall gezeigt.


Königliches Bier

Eine englische Brauerei produziert anlässlich der anstehenden Heirat ein ganz spezielles Ale. (Video: Tamedia, AFP)


Geradezu im Sturm genommen aber hat US-Bürgerin Meghan, die noch immer nicht über einen britischen Pass verfügt, die Herzen vieler Briten. Sie hat sich warmherzig, selbstbewusst und spontan gezeigt. Sie hat die Modejournale mit ihrem eigenen Flair beglückt. Und hat selbst hartgesottene Republikaner beeindruckt mit ihren Bekenntnissen zur Gleichberechtigung der Geschlechter, mit ihrem persönlichen Engagement, ihrem Sinn für Reform. Bisher ist sie noch kaum irgendwo angeeckt. Die Boulevardpresse, die vor zwei Jahren noch fragte, ob «Miss Markle» wirklich in die Windsor-Familie passen würde, schweigt erst einmal still. Davon, dass sie eine geschiedene 36-Jährige ist, die ihren Lebensunterhalt bisher im Soap-Opera-Business verdient hat, redet in diesem Frühjahr niemand mehr.

Gehässige Bemerkungen zu ihrer Herkunft – ihre Mutter ist bekanntermassen schwarz – haben sich in der Anonymität des Internets verflüchtigt. Als Anfang des Jahres die Freundin des damaligen Vorsitzenden der Rechtspartei Ukip darüber klagte, Markle sei «ein Makel» fürs Königshaus und wolle nur «einem schwarzen König den Weg bereiten», brach selbst bei Ukip ein Sturm der Empörung los. Markle selbst bekundet gern, «stolz» darauf zu sein, dass sie «halb weiss und halb schwarz» ist. Ihre Mutter Doria und ihr Vater Thomas, ihrerseits seit langem geschieden, haben sich beide zur Windsor-Hochzeit angesagt.

Obama darf nicht kommen

Auch Prinz Andrews Ex-Frau Sarah Ferguson übrigens, die jahrelang als Schwachstelle der Familie galt und bei Williams und Kates Hochzeit absichtlich «ausgespart» wurde, ist diesmal auf Wunsch Harrys zum Fest eingeladen worden. Mit Entscheidungen wie diesen setzt sich die kommende Hochzeit ab von alten Konventionen. Bei den Windsors, meinen viele britische Kommentatoren, sei nun wohl wirklich Wandel angesagt. Die «grosse Politik» ist zum 19. Mai überhaupt nicht eingeladen worden. Nicht einmal für Premierministerin Theresa May wird eine Ausnahme gemacht.

Zwei prominente Gäste aus Übersee, Barack und Michelle Obama, hätten Harry und Meghan Markle zwar gern mit dabei gehabt – daraus machten sie kein Geheimnis. Aber da hatte die britische Regierung ein Wort mitzureden. Das fiel in die Kategorie Weltdiplomatie. Denn Obamas Nachfolger im Weissen Haus, der es aus Angst vor einem unfreundlichen Empfang bis heute nicht nach Grossbritannien geschafft hat, hätte das als Affront betrachten können. Und das wäre riskant für die «spezielle Beziehung» zwischen Briten und Amerikanern gewesen. Das hätte womöglich einen neuen Twitter-Sturm ausgelöst.


Bilder: Prinz Harry und Meghan Markle unterwegs in London im Januar 2018


Windsor, der «Royal Borough», beginnt sich unterdessen für den «grossen Tag» herauszuputzen. Als das letzte Mal hier alles zusammenkam, im Jahr 2005 bei der Heirat von Charles und Camilla, war die Stimmung eher gedämpft. Jener Eheschluss des Thronfolgers mit seiner langjährigen und wenig populären Geliebten, acht Jahre nach dem Tod Dianas, war freilich eine standesamtliche Angelegenheit ausserhalb der Schlossmauern, in der Guild­hall von Windsor. In St. George’s Chapel wurde dem Paar nur ein kirchlicher Segen zuteil.

Wetten auf Meghans Schwangerschaft

Diesmal hofft man auf ein sonnigeres – und rundum vergnüglicheres – Ereignis. Schon jetzt ziehen ganze Schulklassen aus Frankreich schwatzend und fotografierend durch die Strassen der Stadt. US-Touristen lassen sich vor sämtlichen Kulissen ablichten, die sich ihnen bieten – von Lillibet’s Café über den Eingang des Königlichen Theaters bis zur Dampflok des Royal Train aus viktorianischer Zeit.

Die einschlägigen Illustrierten, die überall ausliegen, kennen nur noch ein einziges Thema. «Royal Life», «Royalty», «Majesty», «Hello» und «OK» überbrücken die Zeit bis zur Hochzeit mit minutiösen Neuigkeiten aus dem Leben der Braut. In den Wettbüros, die ihre eigenen Nachrichtenquellen haben, kann man jetzt einen königsblauen Fünfer darauf setzen, dass Harrys Künftige bereits schwanger ist.

Obdachlose vertrieben

In die Nesseln gesetzt hat sich freilich die örtliche Stadtverwaltung, als sie beschloss, der ganzen Welt zum Hochzeitstag ein besonders adrettes und sonniges Gesicht zu präsentieren. Der Plan, die Obdachlosen der Gegend bis zum Mai aus dem Stadtbild zu entfernen, schlug wegen scharfer Proteste erst einmal fehl.

Mittlerweile hat man einen zweiten Versuch unternommen, der es den Stadtbehörden erlauben soll, Bettlern und «Pennbrüdern» Strafen in Höhe von Hunderten von Pfund aufzubrummen, um sie loszuwerden. Mit Windsors grossen Erwartungen verträgt sich das, was dem «Royal Borough» an Schattenseiten anhaftet, offensichtlich nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2018, 06:24 Uhr

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