«Jede Terrorzelle ist in der Lage, sich eine Rakete zu beschaffen»

75 Prozent der Langstreckenrouten würden über schlecht kontrollierbares ­Gebiet führen, sagt der Flugsicherheitsexperte Nicholas Scherrer. Er warnt, dass Terroristen den Abschuss in der Ukraine kopieren könnten.

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Da und dort wird die Vermutung geäussert, Ziel der abgeschossenen Boden-Luft-Rakete sollte eine ukrainische Militärmaschine und nicht der Malaysia-Airline-Flug MH17 sein. Kann man sich so täuschen?
Das fällt mir schwer zu glauben. Zivile Flugzeuge sind auf einem Radar, auch einem ­militärischen, ganz klar gekennzeichnet, beschriftet, wenn Sie so wollen. Das Abfeuern einer Boden-Luft-Rakete, um ein Ziel in knapp zwölf Kilometern Höhe zu treffen, braucht ja einiges an Vorbereitung. Wir sprechen hier von Highend-Technik. Sie können da nicht einfach auf einen Knopf drücken. Sie müssen Software programmieren, Einstellungen vornehmen und so weiter, das ist alles nicht so einfach, weil Sie ein Objekt treffen wollen, das sich mit 800 Stundenkilometern vorwärtsbewegt.

Wäre es möglich, dass der Transponder, das Erkennungssignal von MH17, nicht funktioniert hat und es so zu einer fatalen Verwechslung gekommen ist?
Hätte der Transponder nicht funktioniert, was sehr selten vorkommt, dann wäre das jetzt schon bekannt. Was wir nicht wissen, ist, wie die ­Information vom Sekundärradar zur Mannschaft kam, welche die Rakete abfeuerte. Auf dem Weg der Nachricht kann sich natürlich schon ein Fehler einschleichen.

Hatte der Pilot die Möglichkeit, auf seinem Radar die heranfliegende Rakete wahrzunehmen und vielleicht noch zu reagieren?
Nein. Um sie wahrnehmen zu könnten, hätte die Rakete mit einem Transponder versehen sein müssen, was ja keinen Sinn macht. Sollte er sie aus dem Cockpit heraus gesehen haben, wäre ihm keine Zeit geblieben zu realisieren, was er da sieht. Das Einzige, was der Maschine hätte helfen können, wäre ein Anti-Raketen-Schutz-Schild gewesen. Aber nur Maschinen von Staatschefs, Superreichen und ganz wenigen Fluggesellschaften verfügen über solche Abwehrschilder.

Können Sie anhand der Trümmerbilder einen Schluss daraus ziehen, ob die Maschine voll getroffen wurde? Es gibt Experten, die anhand der räumlichen Konzentration des Trümmerfelds davon ausgehen, dass die Maschine nicht in der Luft in ihre Einzelbestandteile zerfiel.
Was ich vom Trümmerfeld an Bildern gesehen habe, dass etwa kein Heck mehr da ist, das sonst bei einem Absturz häufig nicht ganz zerstört wird, deute ich so, dass MH17 sehr stark getroffen wurde.

Heisst das, dass die 298 Menschen an Bord sofort tot waren?
Zumindest sehr, sehr schnell bewusstlos. Wegen des Druckabfalls und des Sauerstoffmangels hauptsächlich. Dann brauchte die Maschine vielleicht noch ein, zwei Minuten bis zum Boden.

Der Abschuss macht für keine Seite Sinn...
Überhaupt keinen auf den ersten Blick. Warum eine Maschine der Malaysia Airlines? Wenn es ein terroristischer Akt gewesen sein sollte – warum nicht eine einer westlichen Airline?

Vielleicht war der Abschuss doch eine Verkettung von Fehlern, Unzulänglichkeiten und menschlichem Versagen und hätte der Militärmaschine gelten sollen?
Natürlich könnte das alles sein. Aber, wie gesagt, mir fällt das schwer zu glauben. Ich gehe davon aus, dass jene, die auf den Knopf drückten, um die Rakete abzufeuern, Profis waren. Als Amateur wären Sie gar nicht in der Lage, so ein komplexes System zu bedienen. Also, wenn Sie als Profi eine Militärmaschine abschiessen wollen, warum fokussieren Sie als Ziel dann ein ziviles Flugzeug?

Möglicherweise dachten die Raketenabfeurer, die ukrainische Maschine tarne sich mit einem zivilen Code?
Das ist nicht möglich, da die Korrelation der Daten innerhalb des Rechners der ukrainischen Überwachungsbehörde stattfindet und die Daten ausserhalb des Zentrums nicht bekannt sind. Ausserdem kann technisch der gleiche Code nicht zweimal benutzt werden. Natürlich könnten wir spekulieren. Was bleibt, ist, dass das, was passiert ist, eine bisher nicht gekannte Dimension besitzt. Es ist einfach unglaublich, dass in dieser Höhe ein ziviles Flugzeug, das sich korrekt in einem Flugkorridor befand, von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde. Dieser Abschuss ist ein Novum. Der letzte einer zivilen Maschine war, soweit ich mich erinnere, eine Boeing 747 der Korean Airlines, 1978 war das, sie drang in sowjetischen Luftraum ein, reagierte nicht und wurde dann von einer Luft-Luft-Rakete abgeschossen.

Jetzt hat es wieder eine Maschine der Malaysia Airlines getroffen ...
Ja. Und schon wieder eine Boeing 777. Bei Untersuchungen von Flugzeugabstürzen gibt es zwei Punkte, die Analyse und die Hypothese. Bleiben wir bei der Analyse, bei den Fakten, die wir haben. Wir wissen, dass in den letzten fünf Monaten zwei Maschinen der ­Malaysia Airlines auf bisher noch nicht gekannte Weise verunglückten. Die eine, MH 370, verschwand einfach, die andere wurde abgeschossen. Das hat es noch nie gegeben. Noch nie. Das ist ein Fakt, und das wirft die Frage auf, ob so etwas ins Reich des Zufalls gehört. Oder ob da eine Absicht dahinter steckt und wenn ja, welche.

Tatsache ist jetzt auch, dass Organisationen, die über entsprechendes Raketenequipment verfügen, jederzeit ein ziviles Flugzeug abschiessen können.
Die Aviatik hat eine neue Achilles­ferse. Das ist nochmals eine ganz neue und weitere Dimension. Jede terroristische Zelle mit entsprechenden Mitteln und Kontakten ist in der Lage, schlecht bezahltes Raketen-Personal zu bestechen oder sich unter Umständen eine Raketenabschuss­basis samt Rakete zu beschaffen und ein Flugzeug vom Himmel zu holen. Und rund 75 Prozent der Langstreckenrouten führen über unbewohntes, also schlecht kontrollierbares ­Gebiet. Sie haben also nur eine ganz minimale Chance, so etwas je zu ­verhindern. Das andere ist, dass Air­lines natürlich erpressbar werden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.07.2014, 09:14 Uhr

Nicholas Scherrer ist Aviation-Experte
für Flugzeugvorfälle. Er war 17 Jahre bei
der nationalen Schweizerischen Flugsicherung
tätig.

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