Junge Frau stirbt – und niemand interessiert es

Eine Slowakin wird tot in einem österreichischen Fluss gefunden, die Polizei spricht von Selbstmord. Ein Schriftsteller will das nicht glauben und macht sich deshalb viele Feinde.

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Den Namen Denisa Soltisova kennen die meisten im Saal. Einige hatten persönlich mit der jungen Frau zu tun, andere mit ihrem Tod. Da ist die Fusspflegerin, die Denisa noch kurz vor ihrem Verschwinden sah und der ein Auto mit dunklen Fenstern auffiel. Da ist der Mitarbeiter einer Baufirma, der die Leiche im Fluss fand und der seither das Bild des nackten Körpers zwischen Schwemmholz nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Und da ist der alte Mann, der alle Zeitungsberichte über den Fall sammelt und sich über die vielen Widersprüche wundert.

Sie alle sitzen im Keller einer Buchhandlung in der oberösterreichischen Kleinstadt Vöcklabruck und hören dem Schriftsteller Martin Leidenfrost zu, der seit einem Jahr den Hintergründen des Lebens und Sterbens einer jungen Slowakin in der österreichischen Provinz nachgeht und darüber ein Buch geschrieben hat («Die Tote im Fluss», Residenz-Verlag). Sein Vortrag überrascht, verstört und empört. Eine Frau fragt: «Wieso haben wir nichts davon gewusst?», eine andere sagt, sie habe den Glauben an Gerechtigkeit in Österreich verloren.

Als illegale Pflegerinnen willkommen

Leidenfrost erzählt, dass der Fall Denisa in der Slowakei noch immer Schlagzeilen mache, dass die Medien über Mord spekulierten, dass die österreichischen Behörden aber an der These vom Selbstmord festhielten, alle Indizien für ein Verbrechen ignorierten und Denisas Eltern deshalb den Glauben in den österreichischen Rechtsstaat verloren hätten. «Es geht ja nur um eine Slowakin», habe die Mutter festgestellt. Hier werde nicht ein Ort angeklagt, betont Leidenfrosts Verleger Herwig Bitsche: Der Fall zeige ganz generell Österreichs Umgang mit den östlichen Nachbarn: Als illegale Pflegerinnen seien die Slowakinnen willkommen, «aber wenn eine junge Frau nackt und tot im Fluss liegt, nimmt kaum jemand davon Notiz».

Am 29. Januar 2008 wurde die Leiche der 29-jährigen Denisa Soltisova im Fluss Ager östlich von Vöcklabruck gefunden. Der Gemeindearzt konnte keine Anzeichen von Fremdverschulden finden, die Polizei schloss auf Selbstmord, die Staatsanwaltschaft gab die Leiche, fünf Stunden nachdem sie gefunden worden war, frei. Eine Obduktion fand nicht statt. Im Totenschein wurde das Sterbedatum 18. Januar eingetragen, obwohl Soltisova nachweislich am 19. Januar noch lebte.

Medikamente im Magen, Blutergüsse an Oberschenkel

Es war nicht der einzige Widerspruch, der die Eltern stutzig machte. Sie liessen die Leiche in der Slowakei obduzieren. Die Gerichtsmediziner stellten an Handgelenken und Innenseiten der Oberschenkel schwere Blutergüsse fest, wie sie durch starken Druck von Händen entstehen. Im Magen fanden sie Medikamente gegen Krankheiten, an denen Soltisova nicht litt. Die Kombination der Medikamente kann zu schweren Verwirrungszuständen führen. Slowakische Zeitungen schrieben von einem Vergewaltigungsversuch, von einem schweren Verbrechen. Österreichische Medien schwiegen. Über Selbstmord werde nicht berichtet, um eine Nachahmung zu vermeiden, erklärte ein Reporter des ORF. Und die Polizei habe eindeutig Selbstmord festgestellt.

Dass Martin Leidenfrost vom Fall erfuhr, war Zufall. Der gebürtige Niederösterreicher lebt seit fünf Jahren in einem Plattenbau in Devinska Nova Ves, einem Vorort von Bratislava. Dort las er in einem lokalen Boulevardblatt vom rätselhaften Tod Denisa Soltisovas und wunderte sich, wieso er in keinem österreichischen Medium auch nur eine Meldung darüber fand.

«These von Selbstmord kann nicht stimmen»

Er begann, sich für den Fall zu interessieren, las slowakische Ermittlungsprotokolle und die Zusammenfassung des Obduktionsberichts; er besuchte mehrmals die Familie, sprach mit Freunden, mit Denisas Arbeitgeber in Oberösterreich, mit Verdächtigen. Schnell wurde ihm klar, dass die These vom Selbstmord nicht stimmen konnte. Leidenfrost will nicht von Mord sprechen, aber er ist überzeugt, dass «das Leben dieser jungen Frau von einer anderen Person zerstört wurde». Diese Person habe ihr die Medikamente gegeben und vermutlich kurz vor Denisas Tod auch Gewalt angewendet.

Die Familie Soltis stammt aus Gemer, einer der ärmsten Regionen der Slowakei mit besonders hoher Arbeitslosigkeit. Denisa arbeitete in einer Bank, studierte daneben Sozialfürsorge und entschied sich dann für die Arbeit als 24-Stunden-Pflegerin in Österreich. Rund 40'000 Slowakinnen pflegen gebrechliche oder bettlägerige Österreicher. Der Lohn ist niedrig, die Arbeit illegal, aber sie wird vom Staat geduldet, da ohne slowakische Pflegerinnen das Gesundheitssystem zusammenbrechen würde: Die wenigsten Familien könnten sich die ordentliche Anstellung einer Pflegehilfe leisten. Während Österreich offiziell den Arbeitsmarkt vor den Bürgern der neuen EU-Länder abschottet, lässt es diese Hintertür offen.

Denisa betreute einen angesehenen Arzt in Vöcklabruck. Freunde können sich nicht erinnern, dass sie sich über die Arbeit beschwerte. Als sie am 19. Januar 2008 zur Apotheke ging und nicht mehr zurückkam, erstattet die Hausherrin Vermisstenanzeige. Eine Nachbarin sah sie an diesem Abend verwirrt und nur leicht bekleidet über die Strasse laufen. Die Nachbarin dachte sich nicht viel dabei, die Suche der Polizei blieb erfolglos. Zehn Tage später wurde die Leiche gefunden.

Im August 2008 schreibt Leidenfrost in der Samstagsbeilage der «Presse» zum ersten Mal über die vielen offenen Fragen und die Untätigkeit der Behörden. Unter den vielen Reaktionen ist auch ein empörtes Mail von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. «Es ist immer Mord, aber Mord braucht ein Opfer und einen Täter, und beide sind sie der Polizei in Oberösterreich offenkundig ziemlich egal», schreibt Jelinek in der «Presse», als Anfang 2009 Leidenfrosts Buch «Die Tote im Fluss» erscheint.

Und vorneweg die «Kronen Zeitung»

Die oberösterreichischen Behörden hingegen bekommen publizistische Unterstützung von der «Kronen Zeitung». Österreichs auflagenstärkstes Boulevardblatt bezichtigt in mehreren Artikeln Leidenfrost, Informationen zurückzuhalten. Am Tag der Lesung in Vöcklabruck fordert die «Krone» den Schriftsteller auf, den Namen des Mörders zu nennen (obwohl Leidenfrost nie von Mord schreibt) und droht ihm mit «bis zu zwei Jahren Haft». Wer einen Mörder decke, sei als Zeuge vorzuladen, wenn schon nicht gleich anzuklagen, zitiert die Zeitung einen Staatsanwalt. Die tote Soltisova wird in der «Kronen Zeitung» als «Roma-Slowakin» bezeichnet, obwohl sie und ihre Familie keine Roma sind und die Zeitung das vermutlich auch weiss.

Auch für die Behauptung, dass Denisa mit Liebeskummer nach Vöcklabruck gekommen sei, gibt es keine Beweise. «Zu genau will es niemand wissen», schreibt Elfriede Jelinek, «nur der Autor Leidenfrost, und der erfährt zu viel, um etwas zu erfahren. Die Macht braucht nichts zu erfahren, weil sie schon alles weiss».

«Die «Kronen Zeitung» treibt ein niederträchtiges Spiel»

Die «Kronen Zeitung» betreibe ein durchsichtiges, ein niederträchtiges Spiel, sagt Leidenfrost seinen Zuhörern in Vöcklabruck: Und sollte es dem Blatt tatsächlich gelingen, aus Soltisova eine verwirrte Roma-Frau mit Liebeskummer zu machen, dann «hätte ich dieses Buch besser nicht geschrieben». Der Autor hat sich um den Vortrag in Vöcklabruck selbst bemüht, weil er Gerüchte ausräumen möchte, die in der Kleinstadt kursieren: jenes von der liebeskranken Denisa etwa oder dass ihre Eltern geschieden und alkoholkrank seien. Nichts davon fand Leidenfrost bei seinen Besuchen bei den Soltis in Gemer bestätigt. Hätten die österreichischen Behörden den Fall einer österreichischen Toten anders behandelt?, wird gefragt. Leidenfrost hat diese Frage oft gehört und sich lange um eine klare Antwort gedrückt. In Vöcklabruck sagt er nur: «Ja.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2009, 06:13 Uhr

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