Kara-Murza möglicherweise vergiftet

Nach dem Mord an Oppositionspolitiker Boris Nemzow wird nun ein weiteres Attentat auf einen russischen Politiker vermutet.

Österreichischer Politiker Sebastian Kurz an jener Stelle, wo der russische Oppositionelle Boris Nemzow Ende Februar 2015 ermordet wurde.

Österreichischer Politiker Sebastian Kurz an jener Stelle, wo der russische Oppositionelle Boris Nemzow Ende Februar 2015 ermordet wurde. Bild: Dragan Tatic/Keystone

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Ein enger Mitarbeiter des Ende Februar ermordeten Oppositionspolitikers Boris Nemzow ist möglicherweise vergiftet worden. Nachdem der 33-jährige Wladimir Kara-Murza am Mittwoch in eine Moskauer Klinik eingeliefert wurde, stellten die Ärzte plötzliches Nierenversagen fest, der Patient wurde in ein künstliches Koma versetzt. Die Ursache für die plötzliche Erkrankung konnte nicht gefunden werden, die Symptome deuteten jedoch auf eine Vergiftung hin, hiess es.

Während Mitstreiter Kara-Murzas davon ausgehen, dass der Oppositionelle wegen seiner politischen Aktivität Opfer eines Anschlags wurde, ist seine Familie zurückhaltender. Sein Sohn könne vielleicht etwas Verdorbenes gegessen haben, mutmasste Kara-Murzas Vater zunächst. Später erklärte er, der Mord an Nemzow habe seinen Sohn sehr mitgenommen, er habe deshalb viele Medikamente gegen Depression genommen. Möglicherweise sei die Erkrankung die Folge einer Unverträglichkeit. Kara-Murzas Engagement ging weit hinaus über die Arbeit in der Republikanischen Partei Russlands – Partei der Volksfreiheit (RPR Parnas), deren Vorsitzender Boris Nemzow gewesen war. Er beteiligte sich an der Fertigstellung des Berichts «Putin. Krieg», den Nemzow vor seinem Tod begonnen hatte und den seine Mitarbeiter im April vorstellten. Auf 65 Seiten stellt er Belege für die Beteiligung des russischen Militärs am Krieg in der Ostukraine zusammen. Für die Stiftung Offenes Russland des ehemaligen Öl-Unternehmers Michail Chodorkowski organisierte Kara-Murza Seminare und hielt die Kontakte zu Aktivisten in der Provinz.

Einige Jahre hatte Kara-Murza als US-Korrespondent für einen russischen Fernsehkanal gearbeitet. Nachdem er in einer dokumentarischen Serie Parallelen zwischen den Dissidenten der Sowjetunion und den heutigen Gegnern von Präsident Wladimir Putin zog, wollte ihn kein Sender mehr beschäftigen.

Wiederholt hat Wladimir Kara-Murza in den USA dafür geworben, russische Politiker und Beamte auf Sanktionslisten zu setzen – zunächst Mitarbeiter von Steuer- und Sicherheitsbehörden, die in Verbindung mit dem Tod des Steueranwalts Sergei Magnitski stehen, der 2009 in einem Moskauer Gefängnis gefoltert wurde und starb. Nach dem Mord an Nemzow forderte er, dass diejenigen, die im Fernsehen den Hass gegen Nemzow geschürt haben, ebenfalls auf die Sanktionsliste kommen.

Auf nichts reagiert die russische Führung derzeit so empfindlich wie auf Handlungen, die sie als Verrat und Einmischung von aussen einstuft – besonders aus Washington. Vor einigen Wochen hatten Ermittler Büroräume von Chodorkowskis Stiftung Offenes Russland in Moskau durchsucht, Computer und Speicherkarten beschlagnahmt.

«Meine Kollegen und ich machen uns grosse Sorgen um Wolodja», schrieb Chodorkowski aus dem Züricher Exil auf Facebook. «Über die Gründe werde ich später sprechen, wenn wir alles überprüft haben.» Sobald es möglich sei, und wenn die Verwandten einverstanden sind, werde er ins Ausland gebracht. Eine enge Freundin Kara-Murzas sagte der «Süddeutschen Zeitung» dagegen: «Ja, ich glaube es war Gift.»

In den vergangenen fünfzehn Jahren wurden immer wieder Kreml-Kritiker Opfer rätselhafter Vergiftungen. 2003 starb der Journalist Juri Schtschekotschichin vermutlich an den Folgen einer Vergiftung in einem Moskauer Krankenhaus. Zwei Jahre bevor sie im Eingang ihres Moskauer Hauses erschossen wurde, erlitt dessen Kollegin Anna Politkowskaja multiples Organversagen, nachdem ihr offenbar in einem Flugzeug ein vergifteter Tee serviert worden war. 2006 starb der Ex-KGB-Agent Alexander Litwinenko in London durch Polonium. 2008 erkrankte die Anwältin Karinna Moskalenko, die sich darauf spezialisiert hatte, russische Fälle vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu bringen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.05.2015, 16:54 Uhr

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