Karadzic, der gefühllose Manipulator

Radovan Karadzic hat den Krieg nach Bosnien getragen. Der Psychiater fügte Millionen Menschen unsägliches Leid zu. Jetzt fällt die Weltjustiz ihr bisher wichtigstes Urteil.

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Mit einem Mix aus Hass, Zynismus und Coolness versuchte Radovan Karadzic schon immer, seine Widersacher einzuschüchtern. Zu Beginn der 90er-Jahre, als die meisten Völker aus dem jugoslawischen Staat austreten wollten, weil sie sich ein Leben unter der grossserbischen Knute nicht vorstellen konnten, drohte er offen mit der Ausrottung der bosniakischen Bevölkerung. Die Bosniaken, so nennen sich die bosnischen Muslime, unterschätzten die Gefahr, sie glaubten, Europa, die USA, die UNO würden den blutigen Untergang Jugoslawiens verhindern und eine friedliche Auflösung der Vielvölkerföderation arrangieren. Nichts geschah, die Welt schaute hilf- und tatenlos zu.

«Sollte Blut fliessen, dann werden die Grenzen dort sein, wo der Stärkere sie zieht», drohte Karadzic in einem Propagandablatt 1991. Er verglich die Bosniaken mit Giftschlangen, die man abwürgen müsse, sprach unterschwellig von Atomwaffen, die er einsetzen könnte, träumte von Sarajevo als Hauptstadt eines grossserbischen Reiches. Mit dieser nationalistischen Rhetorik hat Radovan Karadzic den Krieg ins Herzen Bosniens getragen. Er fügte Millionen Menschen unsägliches Leid zu und liess unzählige Leichenberge zurück – bis er die «Republika Srpska», die serbische Re­publik in Bosnien, gründete. An diesem Donnerstag fällt das UNO-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag sein bisher wichtigstes Urteil. Die Ankläger legen Karadzic Völkermord und Kriegsverbrechen in elf Punkten zur Last, sie fordern für ihn eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Sie plaudern wie zwei Ganoven

Wer wie Karadzic mit Blutmetaphern eine düstere Zukunft malt, der ist vermutlich zu allem bereit, um seine Ziele zu erreichen. Ins Gedächtnis der Einwohner Bosniens hat sich unauslöschlich diese Szene eingebrannt: Karadzic, Arzt und Amateurpoet, besucht mit dem rechtsgerichteten russischen Dichter Eduard Limonow die serbischen Truppen, die von den Bergen herab auf Sarajevo feuern. Sie plaudern wie zwei Ganoven, machen sich lustig über die belagerte bosnische Metropole, bärtige Kämpfer trinken Schnaps, dann rezitiert Karadzic aus einem seiner Gedichte: «Ich höre die Schritte der Zerstörung./Die Stadt brennt wie der Weihrauch in der Kirche.» Ein Maschinengewehr ist auf dem Hügel postiert, unten sieht man das Hotel Holiday Inn, gebaut für die Olympischen Spiele in Sarajevo im Jahr 1984, Moscheen, Synagogen, katholische und orthodoxe Kirchen, die eleganten Brücken über den Fluss Miljacka, die berühmte Nationalbibliothek, die Bascarsija, die osmanisch geprägte Altstadt Sarajevos. Diese Silhouette, ein Symbol für die religiöse und multiethnische Toleranz in Europa, will Karadzic zerstören. Zuerst schiesst er, dann folgen mehrere Salven von Limonow. Unten im Talkessel stehen die Menschen Schlange vor Brunnen und Bäckereien, in den engen Gassen spielen Kinder.

Zuvor hat der Psychiater Karadzic seinem russischen Freund erklärt, «die Muslime» Bosniens seien eigentlich Serben, aber leider hätten diese Verräter während der osmanischen Besatzung den Islam als neue Religion für sich entdeckt. Die «vertürkten» Konvertiten hätten die Serben in die Wälder vertrieben und die Städte erobert. Karadzics Lieblingsdichter seit Kindheitstagen war Fürstbischof Njegos aus Montenegro, der in seinem Mitte des 19. Jahrhunderts veröffentlichten Epos «Der Bergkranz» zur Ausrottung der religiösen Überläufer aufrief. «Der Wolf hat das Recht über ein Schaf wie der Tyrann über einen Schwachen», heisst es dort. «Lasst ewigen Kampf toben. Lasst geschehen, was nicht geschehen kann.»

In Bosnien-Herzegowina ist von 1992 bis 1995 geschehen, was niemand für möglich gehalten hat: der erste Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg mit bis zu 8000 Toten in der Kleinstadt Srebrenica, die Belagerung von Sarajevo, die längste Blockade einer Grossstadt im 20. Jahrhundert, Massenexekutionen, Vergewaltigungen, Vertreibungen, Internierungslager. Für die Ankläger des Haager Tribunals besteht kein Zweifel, dass Radovan Karadzic, der eitle Mediziner, das Balkanland in die Hölle gestürzt hat. In seinem Schlussplädoyer bezeichnete Alan Tieger, der die Anklage vertrat, den früheren bosnisch-serbischen Führer als «treibende Kraft» hinter den «ethnischen Säuberungen». Er habe von Anfang an persönlich den Genozid in Srebrenica im Juli 1995 geplant und die Deportation der Gefangenen befohlen, die später liquidiert worden seien.

Weisse Armbänder für Muslime

Tieger beschrieb, wie die Opfer in Sarajevo meist in der Nacht beerdigt wurden, damit die Trauerenden nicht ins Visier der Belagerer gerieten. Mit wütender Stimme erwähnte der Ankläger die Verbrechen in Prijedor: Dort mussten die bosnischen Muslime weisse Armbänder tragen, damit jeder wusste, wer sie sind. Nach Angaben von Opferorganisationen wurden in der Stadt im Nordwesten Bosniens mehr als 3000 Muslime und Kroaten getötet, Häuser zerstört, Moscheen in die Luft gesprengt. Der Prozess gegen Karadzic hat sechs Jahre gedauert. Er hat sich in dieser Zeit selbst verteidigt und den Märtyrer des serbischen Volkes gespielt, er beschimpfte die Ankläger als Lügner und Verschwörer, einmal verlangte er Internetzugang in seiner Zelle, damit er seinen Beruf als Dichter ausüben könne. Die Anklage bot 195 Zeugen auf – Überlebende, Militärexperten, Menschenrechtler, Diplomaten, Journalisten, Historiker. Es wurden zudem mehrere Tausend Dokumente präsentiert, die Karadzic als Mordtechnokraten erscheinen lassen. Zu Beginn des Verfahrens palaverte der Angeklagte, der Völkermord in Bosnien sei «ein Mythos», die Grausamkeiten seien von den bosnischen Muslimen «inszeniert». Als der Prozess zu Ende ging, schlug er einen ganz anderen Ton an: Er übernehme «die moralische Verantwortung» für die Verbrechen seiner Armee, sei jedoch überzeugt, dass es keine Beweise gebe für seine direkte Beteiligung. Um seine Version der Geschichte zu untermauern, präsentierte er 238 Zeugen. Es dürfte wenig genützt haben angesichts der erdrückenden Beweislast.

In Den Haag traf Karadzic auf einen alten Bekannten: General Ratko Mladic. Der frühere Militärführer der bosnischen Serben war gegen seinen Willen als Zeuge geladen worden – weil Karadzic darum gebeten hatte und das Gericht dem stattgab. Es war ein bizarrer Auftritt, weil Mladic ohne sein Gebiss, das er in der Zelle vergessen hatte, nicht reden wollte oder konnte. Als die Gerichtsdiener die künstlichen Zähne holten, verweigerte er die Aussage, lallte irgendetwas und beschimpfte «das teuflische Tribunal».

Die beiden mutmasslichen Massenmörder sind nach jahrelanger Flucht endlich hinter Gittern – Mladic erst seit 2011, Karadzic seit 2008. Damals, an einem schönen Julitag, wurde in der Buslinie 73 in der Trabantenstadt Neu-Belgrad ein Mann mit schneeweissen Haaren und Rauschebart verhaftet. Dr. Dragan Dabic hatte die letzten Jahre als Kräuterdoktor, Experte für Erektionsstörungen, Heiler und New-Age-Mystiker in Belgrad und anderen Städten Serbiens verbracht, Referate gehalten, als Hirnforscher praktiziert. Das ahnungslose Publikum hing an seinen Lippen, anscheinend wusste niemand, dass der alte Mann Radovan Karadzic war, auf dessen Kopf die USA fünf Millionen Dollar ausgesetzt hatten.

Auffallen wollte der Egomane schon immer. Geboren wurde Karadzic 1945 in einem Dorf im Durmitor-Gebirge in Montenegro, wo man entweder Schafzüchter oder Räuber werden kann. Bereits mit 15 verliess er diese bäuerlich-balkanische Welt, besuchte das Gym­nasium in Sarajevo, wo er Medizin studierte, Gedichte schrieb, journalistisch tätig wurde und eine Studienkollegin heiratete. Um schneller Karriere zu machen, trat er der KP bei, verbrachte ein Jahr an der Columbia University in New York, spezialisierte sich auf Neurosen und Depressionen, arbeitete in verschiedenen Spitälern und betreute eine Zeit lang sogar die Spieler des renommierten spanischen Fussballklubs FC Barcelona. Man könnte meinen, aus dem Hinterwäldler sei ein Weltbürger geworden.

Doch Mitte der 80er-Jahre erfolgte ein Karriereknick: Karadzic wurde vorgeworfen, er habe öffentliche Gelder unterschlagen. Nach elf Monaten Untersuchungshaft kam er frei – mangels Beweisen. Im Gefängnis hatte er Momcilo Krajisnik kennen gelernt, einen sozialistischen Manager, der wegen Veruntreuung verurteilt worden war. Anfang der 90er-Jahre kreuzten sich die Wege der ehemaligen Knastbrüder: Karadzic wurde «Präsident» der bosnischen Serben, Krajisnik nannte sich «Parlamentspräsident» der bosnisch-serbischen Phantomrepublik.

In seinem Buch «Radovan Karadzic: Der Architekt des bosnischen Völkermords» (Cambridge University Press, 2014) porträtiert der US-Historiker Robert Donia den Serbenführer als «Tyrannen und brillanten Kopf, scharfzüngig und von grosser Gewandtheit im Ausüben seiner beeindruckenden Überzeugungskünste». Karadzic sei ein «gefühlloser Manipulator», der während des Krieges mit eisernem Willen und hinterlistigen Lügen seine Pläne umgesetzt habe. Von den Folgen seiner Politik hat sich Bosnien bis heute nicht erholt.

Ein verstörendes Videodokument: Der russische Schriftsteller und Nationalist Eduard Limonow besuchte im Sommer 1992 den bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic. Und er machte mit bei der Beschiessung von Sarajevo. (Quelle: Youtube/TVMyCentury) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2016, 23:00 Uhr

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