«Kein Anschlag auf den Tourismus in der Türkei»

Hinter dem Anschlag auf eine Istanbuler Polizeistation steckt laut eigenen Angaben die Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front. Türkei-Experte Gareth Jenkins über Ziele und Strategien der linksextremen Gruppierung.

Polizisten nach dem Anschlag auf eine Polizeistation in Istanbul. (6. Januar 2015)

Polizisten nach dem Anschlag auf eine Polizeistation in Istanbul. (6. Januar 2015) Bild: AFP

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Der Istanbuler Stadtteil Sultanahmet ist der Tourismusmagnet der Stadt – Hagia Sophia und Blaue Moschee locken jedes Jahr Millionen Menschen in die Metropole. Gestern wurde eine Polizeiwache im Viertel Schauplatz eines Selbstmordanschlags, bei dem ein Polizist sowie die Attentäterin ums Leben kamen. Die Frau hatte sich zunächst als Touristin ausgegeben und ihr Portemonnaie als vermisst gemeldet. Als die Beamten sie am Eingang routinemässig kontrollieren wollten, zündete sie ihre Sprengstoffweste.

Inzwischen hat sich die leninistisch-marxistische Revolutionäre Volksbefreiungsfront (DHKP-C) zum Anschlag bekannt. Sie führt bereits seit vielen Jahrzehnten einen bewaffneten Kampf gegen den türkischen Staat – mit dem erklärten Ziel, eine sozialistische Alternative zu errichten. Dabei werden zunehmend Selbstmordattentäter eingesetzt – so etwa im Februar 2013, als sich ein mutmassliches DHKP-C-Mitglied vor der US-Botschaft in Ankara in die Luft sprengte. Vergangene Woche bekannte sich die Organisation zu einem versuchten Anschlag auf den Istanbuler Amtssitz von Ministerpräsident Ahmet Davutoglu. Neben der Türkei betrachten auch EU und USA die Gruppe als Terrororganisation.

Wie die DHKP-C verlauten liess, sei der Angriff ein «Opferakt». Man habe den Tod eines Jungen rächen wollen, der 2013 durch einen Tränengaskanister der Polizei getroffen wurde. Nach mehreren Monaten im Koma war der Jugendliche gestorben, vergangenes Wochenende wäre er 16 Jahre alt geworden.

Auch ein persönliches Motiv?

Für den britischen Türkei-Kenner Gareth Jenkins ist neben diesem erklärten noch ein weiteres – persönliches – Motiv denkbar. Um die Jahrtausendwende protestierten inhaftierte DHKP-C-Mitglieder mit einem – in Hunderten Fällen tödlichen – Hungerstreik gegen den türkischen Staat, der die Gruppe schon seit Jahren bekämpft. Nach mehreren gescheiterten Verhandlungen stürmten Beamte im Rahmen der sogenannten Zurück-ins-Leben-Operation ein Gefängnis, Dutzende starben. Unter ihnen offenbar auch die Schwester der 27-jährigen mutmasslichen Attentäterin von gestern, die sich damals aus Protest selbst angezündet hatte.

Vor diesem Hintergrund sei der Anschlag auch zu betrachten, erklärt Jenkins. Die DHKP-C selbst könne man sich eher als loses Netzwerk vorstellen. Viele Mitglieder seien inhaftiert, andere – unter ihnen einige Anführer – leben bereits seit langem im europäischen Exil.

Dabei werde das Missverhältnis zwischen ihnen und dem Staat immer grösser: «Während die Organisation früher mit Selbstverbrennungen und Hungerstreik auf sich aufmerksam machte, werden inzwischen zunehmend Selbstmordattentäter eingesetzt», so der politische Analyst, der seit vielen Jahren in Istanbul lebt. Dies liege daran, dass die Behörden immer härter gegen die Gruppe vorgehen und sie entsprechend in Bedrängnis bringen. Er schätzt den harten Kern auf wenige Hundert Kämpfer, die aber von Tausenden, teils prominenten Sympathisanten umgeben sind.

«Kein Anschlag auf den Tourismus»

Hinzu komme, dass unter den Linksextremisten viele Mitglieder der alevitischen Minderheit (nicht zu verwechseln mit den syrischen Alawiten, zu denen auch Präsident Assad gehört) sind. Diese sozioreligiöse Gemeinschaft, die nach Schätzungen zwischen 10 und 25 Prozent der türkischen Bevölkerung ausmacht, werde seit vielen Jahren – vor allem aber unter der Herrschaft von Präsident Tayyip Recep Erdogan – in allen Bereichen des öffentlichen Lebens diskriminiert. Dies habe alevitische Jugendliche zunehmend in die Arme linker Gruppierungen getrieben. Der gestrige Anschlag sei deshalb auch ein Symbol der wachsenden Spannungen innerhalb der türkischen Gesellschaft.

Doch warum suchte sich die Attentäterin gerade eine beliebte Touristendestination für ihren Anschlag aus? Laut Jenkins habe dies vermutlich einen pragmatischen Grund: Die betroffene Polizeiwache werde vor allem von Touristen aufgesucht, die Sicherheitsvorkehrungen sind entsprechend geringer als anderswo.

Der Politologe widerspricht der Annahme, wonach man gezielt Ausländer habe treffen wollen: «Dies war kein Anschlag auf die türkische Tourismusindustrie.» Die DHKP-C sei im Gegenteil darauf bedacht, jegliche zivile Opfer zu vermeiden, so Jenkins. «Die Organisation legt viel Wert darauf, wie man sie in der Öffentlichkeit wahrnimmt – Touristen zu verängstigen wäre für ihre Ziele kontraproduktiv.»

Für die Zukunft zeichnet Gareth Jenkins ein düsteres Bild: Solange die Regierung ihre Minderheitenpolitik nicht revidiere, seien auch in Zukunft Attacken wie die gestrige zu befürchten.

Update 8. Januar 2015: Wie inzwischen bekannt wurde, soll es sich bei der Selbstmordattentäterin von Dienstag um eine russische Staatsbürgerin handeln. Dies schreibt die türkische Zeitung «Hürriyet». Bei der Frau soll es sich laut Polizeiangaben um eine Tschetschenin handeln. Zuvor hatte sich die linksradikale DHKP-C zum Anschlag bekannt, bei dem ein Polizist und die Attentäterin ums Leben kamen. Daraufhin hatten die Eltern der Verdächtigen verlauten lassen, bei dem Leichnam der Attentäterin handle es sich nicht um den ihrer Tochter.

Erstellt: 07.01.2015, 15:34 Uhr

Gareth Jenkins ist politischer Analyst in Istanbul und Mitarbeiter am renommierten Institute for Security and Development Policy in Stockholm. (Bild: PD)

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