«Kein Fleck darf ihre Uniformen beschmutzen»

Französische Soldaten sollen während des Einsatzes in Zentralafrika mehrere Kinder vergewaltigt haben. Der Vorwurf sorgt in Paris für Nervosität.

Französische Einheiten sind seit Ende 2013 hier stationiert: Ein Soldat in Bangui. (Archivbild)

Französische Einheiten sind seit Ende 2013 hier stationiert: Ein Soldat in Bangui. (Archivbild) Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Unerbittlich» will Staatschef François Hollande vorgehen, sollten sich die schweren Vorwürfe gegen 14 französische Soldaten bewahrheiten. Das Verteidigungsministerium droht mit «härtesten Strafen» und das Familienministerium in Paris spricht von mutmasslichen «Verbrechen» gegenüber besonders verletzlichen Opfern eines Krieges.

Denn mehrere Kinder sollen von französischen Soldaten bei deren Einsatz in Zentralafrika vergewaltigt worden sein. Bei dem Skandal steht auch der Ruf der französischen Armee auf dem Spiel, die in einer ganzen Reihe afrikanischer Länder eine herausgehobene Rolle als Schutzmacht spielt.

Skandal unter Deckel gehalten

Der Staatsspitze in Paris sind die potenziell verheerenden Auswirkungen des Skandals durchaus bewusst: Präsident Hollande, der zugleich oberster Armeechef ist, erinnerte eindringlich an das Vertrauen, das in das französische Militär weltweit gesetzt werde. «Kein Fleck darf ihre Uniformen beschmutzen.»

Sein enger Vertrauter, Finanzminister Michel Sapin, warnte denn auch vor vorschnellen Anschuldigungen, die «das Bild Frankreichs und das Bild seiner Armee» schädigen könnten.

Diese Sorge erklärt möglicherweise zum Teil, weshalb der Skandal so lange unter dem Deckel bleiben konnte. Denn schon seit dem Frühjahr 2014 sind zumindest der UNO die Anschuldigungen von zentralafrikanischen Kindern gegen die Soldaten bekannt.

Gemäss Frankreichs Verteidigungsministerium befinden sich derzeit über 7000 französische Soldaten in Auslandeinsätzen. Hier eine Übersicht:

«Wenn du das tust, dann bekommst du Essen»

Am Flughafen der Hauptstadt Bangui, den seit Dezember 2013 französische Soldaten angesichts von Chaos und Gewalt in dem Land sicherten und wohin sich zehntausende Menschen geflüchtet hatten, sollen die Kinder im Alter zwischen neun und 13 Jahren missbraucht worden sein.

Die UNO hatte eine Untersuchung vor Ort geführt und einen Bericht zu den Vorwürfen erstellt, in dem die Aussagen von sechs Kindern gegen die französischen Soldaten als sehr glaubwürdig eingestuft werden.

«Die Kinder haben ausgesagt, dass sie Hunger hatten und dachten, dass sie bei den Soldaten Essen bekommen könnten», sagt Paula Donovan von der US-Hilfsorganisation Aids-Free World, die den UNO-Bericht an die britische Zeitung «Guardian» übergeben hatte, wodurch die Vorwürfe nun ans Licht kamen. Die Antwort der Soldaten sei gewesen: «Wenn du das tust, dann bekommst du Essen.»

Einige Kinder wurden selbst vergewaltigt, andere mussten bei ihren Freunden zusehen. Manche konnten Beschreibungen und sogar Vornamen der Soldaten liefern.

Ein interner Bericht von 2013 bezeichnet die sexuelle Ausbeutung durch Blauhelm-Soldaten als «das bedeutendste Risiko» für Friedensmissionen auf der ganzen Welt. Der Bericht untersuchte UNO-Missionen im Kongo, in Haiti, Liberia und im Südsudan. Im Jahr 2012 wurden demnach 18 Verdachtsfälle von Kindsmissbrauch gemeldet. Die tatsächliche Zahl der Fälle könnte aber viel höher liegen, heisst es im Dokument. Unter den Blauhelm-Soldaten herrsche eine Kultur der «Straflosigkeit». Hier finden sie das Originaldokument (Englisch)

Das französische Verteidigungsministerium weiss nach eigenen Angaben seit Ende Juli 2014 von den Vorwürfen - damals übergab ein schwedischer UNO-Mitarbeiter den Bericht an Paris, weil die UNO selbst seiner Ansicht nach zu lange untätig blieb. Der Mann wurde von der UNO inzwischen suspendiert.

In Paris hebt das Ministerium hervor, dass die französische Staatsanwaltschaft sofort eingeschaltet worden sei. Ein Ministeriumssprecher versicherte, dass «nichts vertuscht» und «null Nachsicht» geübt werde.

Die Ermittlungen der Justiz würden laufen. Bisher seien die Vorwürfe, die sich auf den Zeitraum zwischen Dezember 2013 und Juni 2014 beziehen, noch nicht erwiesen.

Behandlung wie Zivilisten

Fehler in der Kommandostruktur des Militärs konnte das Ministerium auf jeden Fall nicht ausmachen, wie eine interne Untersuchung ergab. Und so werden die Soldaten nun wie Zivilisten behandelt: Es gehe vor allem um mögliche Verfehlungen von «französischen Staatsbürgern, die sich vor dem französischen Gesetz verantworten müssten», stellte Sapin klar.

Wie weit die Staatsanwaltschaft in Paris mit ihren Ermittlungen seit vergangenem Sommer genau gekommen ist, ist unklar. Allerdings sind Nachforschungen und Zeugenbefragungen in Zentralafrika, wo in den Wirren der Jahre 2013 und 2014 tausende Menschen getötet wurden, sicher alles andere als einfach.

14 französische Soldaten würden beschuldigt, hiess es nun knapp aus Justizkreisen. Nur wenige konnten demnach bisher identifiziert werden - im Dezember 2013 waren rund 1600 Franzosen in dem Land stationiert. (kpn/sda)

Erstellt: 30.04.2015, 21:43 Uhr

Artikel zum Thema

Französische Soldaten sollen in Afrika Kinder vergewaltigt haben

Ein UNO-Mitarbeiter hatte Zeugenaussagen von rund zehn Kindern in der Zentralafrikanischen Republik gesammelt und an die französischen Behörden weitergeleitet. Er wurde suspendiert. Mehr...

«Eine immense, unbeachtete Krise»

Die Weltöffentlichkeit sei mitverantwortlich, dass es so lange dauerte, bis man auf die Krise in der Zentralafrikanische Republik reagierte, sagt die UNO. Nun schicken die Vereinten Nationen 12'000 Blauhelmsoldaten. Mehr...

EU will Truppen in die Zentralafrikanische Republik schicken

Seit Monaten versuchen französische und afrikanische Soldaten vergeblich, die Unruhen in der Zentralafrikanischen Republik zu unterbinden. Nun sollen die Kontingente aufgestockt werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Beruf + Berufung «Es braucht Leute mit Rock ’n’ Roll im Blut»

Von Kopf bis Fuss Was gutes Olivenöl kann

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Die grosse Vorbereitung: Eine Woche vor Beginn des eidgenössischen Schwing- und Älplerfests in Zug wird ein Schwingplatz mit Sägemehl ausgelegt. (16. August 2019)
(Bild: Alexandra Wey) Mehr...