Kirche tagt wegen sexuellen Missbrauchs

Am Eröffnungstag des internationalen Kirchensymposiums gegen sexuellen Missbrauch sprach ein Kardinal von einem «drastischen Anstieg» der Fälle. Nun will man Lösungen finden.

Jetzt sind Lösungen gefragt: Kindsmissbräuche haben die Kirche in eine Tiefe Krise gestürzt. Papst Benedikt verspricht, dass von nun Massnahmen umgesetzt werden.

Jetzt sind Lösungen gefragt: Kindsmissbräuche haben die Kirche in eine Tiefe Krise gestürzt. Papst Benedikt verspricht, dass von nun Massnahmen umgesetzt werden. Bild: Keystone

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4000 Fälle von sexuellem Kindsmissbrauch durch Kleriker in den letzten zehn Jahren. Dies ist die traurige Bilanz. Seit Mitte der 90er Jahre haben Berichte von Missbräuchen innerhalb der katholischen Kirche weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Nach Skandalen in Irland und den USA kamen seit Anfang 2010 vor allem auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz Sexualdelikte in katholischen Einrichtungen ans Licht. Durch die öffentliche Thematisierung der Fälle meldeten sich immer mehr Betroffene, so mussten etwa US-Kirchen allein im Jahr 2008 Hunderte Millionen Dollar für Missbrauchsverfahren zahlen, wobei der Grossteil des Geldes an die Opfer ging.

«Heilung und Erneuerung»

Mit einer mehrtägigen, seit zwei Jahren geplanten, internationalen Konferenz («Heilung und Erneuerung») in Rom will die Kirche die Missbrauchsskandale aufarbeiten und vor allem auch nach konkreten Lösungen suchen. Rund 200 Würdenträger und Kirchenexperten aus aller Welt tagen bis Donnerstag hinter verschlossenen Türen über Massnahmen zur Verhinderung sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in der katholischen Kirche.

Ein heikles Thema schnitt dabei schon am Eröffnungstag Kardinal Joseph William Levada (siehe Video) an. Er betonte die Wichtigkeit, dass die Kirche im Kampf gegen die Pädophilie mit den staatlichen Autoritäten zusammenarbeiten müsse, denn der Missbrauch von Minderjährigen sei «nicht nur ein Verbrechen nach kanonischem Recht, sondern ein strafrechtliches Verbrechen». Bisher hatte sich die Kirche in vielerlei Fällen schützend hinter ihre Priester gestellt. Denn wer als Geistlicher von pädophilen Handlungen – etwa von Priesterkollegen – erfährt, ist berechtigt aber nicht verpflichtet, diese den Behörden zu melden.

Nur ein Opfer an der Konferenz

Papst Benedikt XVI äusserte sich gestern indirekt ebenfalls zu den Missbrauchsfällen. Er liess über Francois Xavier Dumortier, den Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana, in einem Grusswort an die Teilnehmer verlauten, dass die «Heilung der Opfer von grösster Bedeutung» sei und Hand in Hand mit einer Erneuerung der Kirche einhergehen müsse. Eines dieses Opfer kam heute morgen zu Wort: Die Irin Marie Collins.

«Ich war ein Opfer von kirchlichem Kindsmissbrauch. Ich war dreizehn Jahre alt, ein krankes Kind in einem Krankenhaus, als ein Priester mich sexuell missbrauchte», eröffnete Collins ihre Rede vor den versammelten Kongressteilnehmer. Obwohl die Tat nun über 50 Jahre in der Vergangenheit liege, werde sie nie über das Geschehene hinwegkommen, so Collins.

Erst als 47-Jährige habe sie ihr Schweigen gebrochen und die Kirche über die wiederholten Missbräuche informiert. Doch es wurden keinerlei Schritte gegen den Priester, der noch immer im Amt war und Kinder auf ihre Firmung vorbereitete, unternommen. Erst als Marie Collins das Spital, in dem der Missbrauch stattgefunden hatte, kontaktierte, sei man «hellhörig geworden» und habe sie «endlich ernst genommen». Sie hoffe, dass ihre Erzählung den Anwesenden wichtig sei und helfe, die Opfer dieser schrecklichen Verbrechen zu verstehen. Marie Collins ist das einzige Missbrauchsopfer, das am Kongress teilnimmt.

Eine Tatsache, die von mehreren Opferverbänden kritisiert wurde. Roberto Mirabile von der italienischen Pädophilie-Opfergruppe «La Caramella Buona» wurde, nachdem man ihn anfänglich für das Symposium akkreditiert hatte, wieder ausgeladen. Mirabiles Opfergruppe hatte kürzlich einen Prozess gegen einen Priester in Rom gewonnen, der zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. «Schade, das Symposium hätte wichtige Zeichen setzen können», so Mirabile auf marino24ore.it.

Erstellt: 07.02.2012, 13:07 Uhr

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