Klatsche für den Front National

Die Rechtspopulisten um Marine Le Pen haben bei den Parlamentswahlen eine herbe Niederlage erlitten. Die Gründe.

Ihre Partei hat enttäuscht, aber sie hat berechtigte Hoffnungen auf einen Sitz in der Nationalversammlung: Marine Le Pen, Chefin des Front National.

Ihre Partei hat enttäuscht, aber sie hat berechtigte Hoffnungen auf einen Sitz in der Nationalversammlung: Marine Le Pen, Chefin des Front National. Bild: AFP

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In nur zwei Monaten haben sich rund vier Millionen Wähler vom Front National (FN) abgewendet. In der ersten Runde der Präsidentenwahl hatte Marine Le Pen 21,3 Prozent erhalten. Nur 13,2 Prozent sind es nach dem ersten Durchgang der Parlamentswahlen. Exponenten des FN zeigten sich am Sonntagabend sehr enttäuscht. FN-Chefin Le Pen klagte, dass das Wahlsystem kleinere Parteien wie die ihre benachteiligen würde. Frankreich wählt nach dem Mehrheitswahlrecht.

Gemäss Hochrechnungen wird der FN nach dem zweiten Durchgang der Parlamentswahlen am nächsten Sonntag höchstens zehn Abgeordnetenmandate gewonnen haben. Damit wird die rechtspopulistische Partei ihr Ziel deutlich verfehlen, erstmals seit 1988 eine Fraktion bilden zu können. Denn für eine Fraktion müsste der FN mindestens 15 Abgeordnete in der 577-köpfigen Nationalversammlung stellen. In der abgelaufenen Legislaturperiode war der FN mit zwei Abgeordneten vertreten. Im neuen Parlament werden mehr FN-Abgeordnete sitzen als bisher. Sie werden aber keine wichtige Rolle spielen in der Nationalversammlung. Denn das Macron-Lager kann im zweiten Wahlgang mehr als 400 der 577 Abgeordnetenmandate erobern.

Der FN ist zerstritten

Noch im April befanden sich die Rechtspopulisten im Hoch, zumindest gemäss den Umfragen. Damals rechnete der FN mit mindestens 40 Sitzen im neuen Parlament. Zudem erzielte Le Pen im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen mit 30 Prozent einen Achtungserfolg. Trotzdem begann ein Abwärtstrend in der Wählergunst – auch weil die «Macronmania» das Land zunehmend erfasste. Und es häuften sich Medienberichte über interne Querelen und Machtkämpfe beim FN. Die Partei ist zerstritten, uneinig über den künftigen Kurs. Umstritten ist insbesondere die Frage eines Euro-Austritts. Diese Forderung ist allerdings nicht mehrheitsfähig in Frankreich.

Für Irritationen bei den FN-Sympathisanten sorgte auch der Rückzug von Marion Maréchal. Le Pens Nichte, die in der Partei sehr beliebt ist, war eine von zwei Abgeordneten in der Nationalversammlung. Die 27-jährige Maréchal erklärte zwar ihren Verzicht auf eine erneute Parlamentskandidatur mit privaten Gründen. Beobachter gehen aber davon aus, dass auch der schwelende Richtungsstreit beim FN eine Rolle gespielt haben muss. Maréchal vertritt rechtere Positionen als ihre Tante.

Vor dem zweiten Durchgang der Parlamentswahlen machen die Rechtspopulisten auf Optimismus. Schliesslich haben sich 110 FN-Kandidaten für die zweite Wahlrunde qualifiziert – bei den letzten Wahlen vor fünf Jahren waren es noch 61 gewesen. «Eine unleugbare Steigerung», wie FN-Generalsekretär Nicolas Bay über Twitter verlauten liess. Gleichzeitig appellierte Parteichefin Le Pen, ebenfalls auf Twitter, an alle Patrioten, am nächsten Sonntag an die Urnen zu gehen. Die FN-Kandidaten müssen jedoch ohne politische Verbündete antreten, was ihre Chancen klar verringert. Dazu kommt, dass viele potenzielle FN-Wähler wohl nicht zur Wahl gehen werden. Bei den Franzosen macht sich im Superwahljahr 2017 erkennbar Wahlmüdigkeit breit.

Le Pen selbst hat gute Chancen, erstmals in die Nationalversammlung gewählt zu werden. Beim gestrigen Urnengang landete sie in ihrem nordfranzösischen Wahlkreis an erster Stelle. Le Pen erreichte 46 Prozent der Stimmen. Die Kandidatin der Bewegung La République en Marche von Staatschef Emmanuel Macron kam auf lediglich 16,4 Prozent. Auch FN-Vize Florian Philippot landete in seinem Wahlkreis vorn und zieht damit in die Stichwahl ein. Dagegen schied FN-Generalsekretär Bay in seinem Wahlkreis aus.

Video - Sieger der Parlamentswahl ist Präsident Emmanuel Macron

Die Wahlbeteiligung bei der Wahl war niedrig. (Video: Tamedia / AFP) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2017, 15:11 Uhr

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