Die Stylistin der Queen plaudert aus dem Nähkästchen

Die Königin vertraut ihr blind. Nun hat die royale Modechefin Angela Kelly ein Buch vorgelegt. Das Erstaunen ist gross.

Der Hut sitzt: Queen Elisabeth II ist bei jedem ihrer rund 300 öffentlichen Auftritte anders gekleidet. Foto: Reuters

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Üblicherweise ist es Normalsterblichen, die bei der königlichen Familie angestellt sind, strengstens verboten, Bücher über die Royals zu schreiben und Interna auszuplaudern. Man weiss ja, wozu diese Indiskretionen in der Vergangenheit führten. Paul Burrell, ehemaliger Butler von Lady Diana, veröffentlichte 2003 seine Biografie und erging sich in saftigen Details aus der schwierigen Ehe von Diana und Prinz Charles. Dem Vernehmen nach war die Queen stinksauer. Sie selbst fühlte sich einst blossgestellt von ihrem Kindermädchen Marion Crawford, genannt Crawfie, die ohne Erlaubnis über «the little princess» schrieb; seither soll das Verb «to crawfie» im Buckingham-Palast als Verballhornung für unerwünschte Berichterstattung genutzt werden.

Derartige Machwerke gelten im Palast als «illoyal». Die schlimmsten Indiskretionen stammen allerdings von den Royals selbst – Diana etwa erzählte ihrem Biografen Andrew Morton mehr, als jeder Butler, Koch oder Chauffeur hätte ausspionieren können. Aber: Angestellte des Hofs müssen mittlerweile eine Schweigeverpflichtung unterschreiben.

Angela Kelly, die persönliche Assistentin der Königin. Foto: Getty

Insofern gilt es im Königreich als kleines Wunder, dass Angela Kelly, zweimal geschiedene Mutter von drei Kindern aus einer Sozialwohnung in Liverpool und ihres Zeichens seit 30 Jahren die Stylistin der Queen, die königliche Erlaubnis bekam, im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Nähkästchen zu plaudern und ein Buch über ihre Arbeit für – und über ihre Nähe zur Königin zu schreiben («The Other Side of the Coin; the Queen, the Dresser and the Ward­robe»). Berichte von Ferien, Weltreisen, Hochzeiten und Todesfällen inklusive.

Andererseits: So erstaunlich ist es dann auch wieder nicht, denn Kelly hat ein Buch ohne ­Geheimnisse veröffentlicht und in der Widmung «demütig» versichert, sie werde immer treu und dankbar sein. In einem Vorwort an die Leser schreibt sie zudem, dass sie «niemals etwas Vertrauliches ausplaudern oder unsere Arbeitsbeziehung ver­raten würde». Offenbar wusste Elizabeth II, dass sie nichts zu befürchten hatte.

Praktisch für jeden Auftritt der Queen werden ihre Kleidungsstücke neu zusammenstellt oder entworfen. Foto: Reuters

Der Queen nahe sein zu wollen, ist an sich ungehörig, sie zu berühren, gilt als Tabu. Gleichwohl, enthüllt Kelly – Schneiderin, Modeberaterin, Designerin, Hut­macherin und sogar Schuh-Einlauferin der Queen –, habe ihre Arbeitgeberin der ehemaligen First Lady der USA, Michelle Obama, gern verziehen, dass diese sie bei einem Empfang umarmte. Die Königin habe die Fähigkeit, jeder und jedem das Gefühl zu geben, willkommen zu sein; man wolle sie einfach spontan anfassen. Offenbar mochte Elizabeth die Amerikanerin.

Wenn man Kelly glaubt, vertraut die Queen ihr mittlerweile blind. Die Kleiderbeauftragte hatte die Monarchin bei einem Besuch in der Britischen Botschaft in Berlin kennen gelernt, wo Kelly damals arbeitete. Wer als nächster hoher Gast erwartet werde, habe Prinz Philip gefragt. Das dürfe sie nicht sagen, habe sie geantwortet, das sei vertraulich. «Aber Ihrer Majestät der Königin dürfen Sie das Geheimnis doch verraten?», habe der Prinzgemahl ungläubig gefragt. Sie verweigerte die Antwort. Das habe die Queen wohl überzeugt, schreibt Kelly, dass sie die Richtige sei; kurz darauf sei ein Anruf aus dem Palast gekommen.

Grossartige First Ladys

Heute läuft Angela Kelly unter «Persönliche Assistentin, Beraterin und Kuratorin Ihrer Majestät – Schmuck, Insignien und Garderobe». Sie gilt im Palast als Vertraute der Chefin. Trotzdem ist sie zu diskret, um deren Zu- und Abneigungen öffentlich zu machen. Man muss zwischen den Zeilen lesen. Michelle Obama läuft bei ihr unter «bemerkenswert» und «warmherzig». Im Kapitel zum Staatsbesuch von US-Präsident Donald Trump mit dem leicht ironischen Titel «Eine einwandfreie Gastgeberin» merkt sie nur an, Melania Trump habe grossartig ausgesehen und der Besuch sei professionell abgewickelt worden. Am Dienstagabend wird Trump erneut zu Gast zu sein, allerdings nur als einer von 29 Staats- und Regierungschefs anlässlich des 70. Geburtstags der Nato.

Der Königin zu widersprechen, ist ein Recht, das man sich mit jahrelanger Untertänigkeit verdienen muss. Gespräche mit der Queen dürfen laut Protokoll nicht wiedergegeben werden. Kelly ist sehr verschwiegen, teilt aber gern gegen andere Mitglieder des royalen Haushalts aus. Berater kriegen ihr Fett weg, die falsche, weil unangemessene Bekleidungstipps geben. Als die Queen etwa zu Papst Johannes Paul II. nach Rom reiste, hatte ein Privatsekretär mitgeteilt, es sei angemessen, dass sie in einem «normalen Tageskleid» auftrete. «Ich wusste sofort, dass das ein Fehler war.» Angela Kelly liess, auf eigene Rechnung, ein schwarzes Kleid mit Hut und Schleier anfertigen.

Nur sechs Räume bewohnt

Tatsächlich habe die Queen kurz vor der Abfahrt zum Vatikan erfahren, dass das bunte Tageskleid das falsche sei. Hier nun kam einer von vielen grossen Auftritten der Stylistin: Sie zog das heimlich eingepackte Kleid aus der Tasche. Ihre Majestät sei sehr erleichtert gewesen. «Von da an wusste ich, ich würde meine Meinung sagen dürfen.»

Auch Falschinformationen werden von der Assistentin gegeisselt, die schon mit mehreren Orden ausgezeichnet wurde. «Einige Angestellte behaupten, sie würden die Privaträume der Queen kennen. Dabei haben sie diese nie gesehen.» Tatsächlich sei ihre Arbeitgeberin bescheiden und bewohne nur sechs Räume im Palast. Es gebe auch wenig Platz für Möbel. Da Kelly mit ihrem Team aus sieben Mitarbeitern, Stoffdesignern und Lieferanten praktisch für jeden der etwa 300 Auftritte der Queen Kleidungsstücke neu zusammenstellt oder entwirft, bewahrt sie Roben, Stoffe, Hüte und Kostüme in ihrem Privathaus auf dem Gelände auf. Die Neugier sei gross, immer wieder werde spekuliert und spioniert, was die Queen wohl zu grossen oder repräsentativen Ereignissen anziehen werde, da müsse man die Kleider schon mal einschliessen oder verstecken.

Im Nachwort bedankt sich Angela Kelly überschwänglich bei der Königin. Diese hat das Werk offenbar gegengelesen und ihre Zustimmung gegeben. Gut möglich, dass sie das auch tat, weil sie als freundliche, zugängliche Monarchin geschildert wird. Ganz anders in der dritten Staffel von «The Crown», die derzeit auf Netflix läuft. Darin wirkt die Queen humorlos und gefühlskalt. Ihre Stylistin behauptet, sie lache gern und sei sehr menschlich. Das dürfte der echten Queen besser gefallen.

Erstellt: 02.12.2019, 20:09 Uhr

Queen soll Trump milde stimmen

Zum Auftakt des Nato-Treffens haben sich Generalsekretär Jens Stoltenberg und Donald Trump verabredet. So wie im Juli 2018. Damals begann mit dem Arbeitsfrühstück jenes Unheil, das die Nato bis heute traumatisiert. Der US-Präsident nutzte das Frühstück vor Beginn des letzten Gipfels, um die Europäer für ihre niedrigen Verteidigungsausgaben zu kritisieren. Am Tag darauf drohte er, die Nato zu verlassen. Nun soll alles anders werden: Als das Bündnis vor 70Jahren gegründet wurde, einigte man sich auf London als Sitz der Organisation – erst seit 1967 ist das Brüssel (zuvor war es Paris).

Grossbritannien kann viel bieten, was Trump gefällt: Am Dienstagabend empfängt Königin ElizabethII die Staats- und Regierungschefs im Buckingham Palace; auch Prinz Charles, Prinzessin Anne und Herzogin Catherine geben sich die Ehre. Danach lädt Premier Boris Johnson ein in die Downing Street, bevor die Leader am Mittwoch zur einzigen Arbeitssitzung in einem Golfhotel im Norden der Stadt zusammenkommen. (mati)

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