Hintergrund

Kleine kalte Welt

Eine Zeichentrickfigur, entstellte Tote, schale Witze und nur wenige Worte: Die DVD der mörderischen Neonazi-Gruppe aus dem Osten Deutschlands zeigt einen unheimlichen Kosmos.

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Der rosarote Panther stammt nur im weitesten Sinne aus dem kriminellen Milieu. Erfunden wurde er Anfang der 60er-Jahre, um den Vorspann des Kriminalfilms «The Pink Panther» zu beleben. Nach der Zeichentrick-Einleitung traten Schauspieler auf, Peter Sellers etwa gab den vertrottelten Polizeidetektiv Jacques Clouseau, der durch die Welt des grossen Verbrechens stolperte. Die Zuschauer konnten sich sicher sein, dass dieses leichte Kriminaldrama nicht nur das Verbrechertum inszenierte, sondern gleichzeitig dessen Persiflage.

Seit letztem Freitag hat der Panther eine neue Rolle. Im Film, den eine rechtsradikale Mördergruppe hinterliess, deutet der schlanke, gut gelaunte Panther auf ein Gemälde, über dem «Deutschlandtour» zu lesen ist. Darunter Zeitungsausschnitte: «Mord im Gemüseladen», «Blumenhändler starb», «Brutaler Mord am Döner-Stand». Der Panther grinst, aber die Zeit des Slapsticks ist vorbei: Verbrecher sind auf Tour, sie sind nicht bloss «Farb- und Pinselstrich», wie es im Cartoon heisst, sondern echte Mörder. Sie erschiessen Unschuldige, nur weil sie Ausländer sind.

Einziges Ziel: Ausländer töten

Der rosarote Panther ist seit Jahrzehnten ein Liebling von Kindern und Erwachsenen. In etlichen Zeichentrickfilmen erlebte er eigene Abenteuer. Dass diese lustige Kunst- und Kultfigur nun als Werbeträger für braune Sadisten herhalten muss, ist eine besonders perfide Botschaft – der Terror bemächtigt sich selbst der Symbole grösster Harmlosigkeit.

Bislang haben die deutschen Ermittler drei mutmassliche Täter ausgemacht. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die nicht mehr am Leben sind, sowie Beate Zschäpe, gegen die der Bundesgerichtshof Haftbefehl erlassen hat wegen des dringenden Verdachts der Gründung einer terroristischen Vereinigung. Ferner gibt es das spätere Mitglied der Zelle, Holger G., der am Montag in Karlsruhe dem Haftrichter vorgeführt wurde. Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt, im Jahr 1998, sollen die ersten drei eine rechtsextremistische Gruppe gegründet haben, die sich zuletzt «Nationalsozialistischer Untergrund» (NSU) nannte. Die Bundesanwaltschaft, die jüngst die Ermittlungen an sich gezogen hat, schreibt dieser Gruppe nur einen Zweck zu: Mitbürger ausländischer Herkunft zu töten.

Die Zelle soll acht Menschen türkischer und einen griechischer Herkunft sowie eine Polizistin ermordet haben. Der rosarote Panther und sein alter Spruch «Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage» klingt so wie eine Drohung mit dem Tod. Nun sind zwei Mitglieder der Gruppe selbst tot, eine mutmassliche Täterin sowie ein Mitglied in Haft, und nicht nur die Ermittler treibt die Frage um: Ist das Morden der Rechtsextremisten damit vorbei?

Kein Bedauern

Die Republik ist ratlos. Was sind das für blutige Fanatiker? So eiskalt und unbarmherzig sie mordeten, so konsequent waren sie auch gegen sich selbst. Als sie annehmen mussten, dass die Polizei sie festnehmen würde, nahmen sie sich das Leben. Sie wollten sich offenbar nicht vor einem Gericht für ihre Gräueltaten verantworten. Selten hat der Begriff Selbstmord so gestimmt. Dass sie versuchten, auch den Wohnwagen, in dem sie oft reisten, zu zerstören, spricht für ihre Konsequenz. Beweismittel sollten mit ihnen in Flammen aufgehen. Das Ende war offenbar geplant. Die Dritte im Bunde, Beate Zschäpe, sollte die Spuren verwischen. Nirgendwo fand sich in den Trümmern ihres Lebens ein Wort des Bedauerns über die Opfer.

Die Bundesanwaltschaft wird jetzt vor allem versuchen, die inhaftierte Zschäpe zu vernehmen und die kleine kalte Welt dieser Terrorzelle zu ergründen, die in den Nullerjahren, während sich alle vor der al-Qaida fürchteten, mehr Opfer in Deutschland tötete als alle Islamistenzellen zusammen. Der 15-minütige Videofilm, den die Gruppe auf DVD hinterlassen hat, verrät bereits einiges über die Täter. Da ist zum einen der rosarote Panther, dessen Streiche auf die Brutalität echter Morde treffen. Einmal hält er ein Bild in der Hand, in dem eines der Mordopfer aus Mund und Nase blutet.

Parallelen zu Breivik

Es wirkt, als hätten die Täter ihren mörderischen Streifzug gar nicht mehr so richtig dem wahren Leben zugeordnet. Darin erinnert die deutsche Neonazi-Zelle an den gleichgesinnten Norweger Anders Breivik, der im Sommer einen Massenmord verübte. Auch Breivik lebte in einer Welt, in der sich Realität und Fiktion mischten, in der er sich als Kreuzritter wähnte, der gegen die vermeintliche Invasion der Muslime in Europa ankämpfen musste und deswegen im Regierungsviertel bombte und jugendliche Sozialdemokraten erschoss.

Die deutschen Extremisten Böhnhardt und Mundlos waren bekannt in der rechtsradikalen Szene. Bei den Aufmärschen der Kameraden im Osten waren sie dabei. Eigentlich kamen sie aus zwei Welten: Uwe Böhnhardt, 1,86 Meter gross, Hilfsarbeiter und Waffennarr. Er liebte Kampfsport, schor sich die Haare und galt selbst bei seinesgleichen als gewalttätig. Er hasste Linke, Ausländer, Bullen, hatte die Knarre gern dabei.

Verlorene Söhne im Osten

Uwe Mundlos, Sohn eines Professors, war ruhiger. Er galt als Pedant. Wenn er verabredet war, wartete er hinter einem Baum und trat dann hervor, um auf die Minute pünktlich zu sein. In der Schule gehörte er zu den Besten. Mathe, Physik, Chemie hatte er am liebsten. Schulkameraden erinnern sich, dass er sehr schweigsam sein konnte. Er kleidete sich gern schwarz, und manchmal holten ihn von der Schule Männer ab, die auch schwarze Kleidung trugen. Udo Lindenberg soll er gern gehört haben und AC/DC. Manchmal schob er seinen Bruder, der im Rollstuhl sitzt, durch die Plattensiedlung in Ilmenau, in der sie aufwuchsen.

Böhnhardt und Mundlos sahen aus, wie verlorene Söhne im Osten so aussehen. Sie trugen gerne Bomberjacken und Springerstiefel. Sie schwärmten für die Nazis, für Rudolf Hess und für den Führer und waren in der «Kameradschaft Jena», die nur aus sechs Kameraden bestand. Auch Beate Zschäpe gehörte dazu. Die dunkelblonde Frau ist gelernte Gärtnerin. Sie soll viele Beziehungen in der rechten Szene gepflegt haben.

In einem roten Ford Kombi fuhren sie zu den Treffen der Szene. Mittwochs war Kameradschaftstreffen mit den Freunden vom Thüringer Heimatschutz. Erst trafen sie sich im Goldenen Löwen in Schwarza, später auch in Gorndorf nebenan. Im Rückblick nimmt sich das Entstehen der Mörderbande fast harmlos aus. Bei den Treffen tranken sie, rauchten und sprachen über Rockkonzerte mit Skinbands. Die Szene war zwar durchsetzt mit Spitzeln und Agenten, aber das störte Böhnhardt und Mundlos nicht. Kopf des Thüringer Heimatschutzes war damals Tino Brandt, der 1994 als V-Mann vom Erfurter Staatsschutz angeworben worden war. Er berichtete dem Staat, was an Kameradschaftsabenden so erzählt wurde.

Vier Rohrbomben und mehr als tausend Gramm TNT

Im September 1997 machte die Jenaer Kameradschaft eine Aktion für die Öffentlichkeit. Sie stellte einen Koffer mit Hakenkreuz auf den Jenaer Theatervorplatz. Drinnen war eine Rohrbombe ohne Zünder, mit wenig Sprengstoff. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1997 stellten sie einen ähnlichen Koffer vor der Gedenkstätte eines antifaschistischen Widerstandskämpfers in Jena ab, wieder mit Hakenkreuz. Ein Sprengroboter des Landeskriminalamts schoss auf den Koffer, doch es gab keine Explosion. Dann bekam die Polizei einen Tipp. Sie hob in einer Razzia die Werkstatt der Bastler aus. Die Fahnder entdeckten vier Rohrbomben und mehr als tausend Gramm TNT. Sie durchsuchten Wohnungen und fanden Wurfsterne, Dolche, eine Reichskriegsflagge, eine Armbrust, ein Luftdruckgewehr mit Zielfernrohr und auch eine Machete. Der damalige Präsident des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz erklärte, den Neonazis sei der «Sprung vom Baseballschläger zum Sprengstoff» gelungen.

Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt tauchten ab. Für die Szene waren sie Helden. Der Steckbrief von 1998 mit den Fotos der drei war für manchen Kameraden so etwas wie eine Bestätigung: Endlich nahm sie jemand ernst. Aus dem Untergrund hielten sie Kontakt zu Holger G., der war einer der sechs der Jenaer Kameradschaft. Es gibt Fotos, die ihn am Grab von Rudolf Hess in Wunsiedel zeigen. All diese Lebensläufe liessen nicht zwingend erkennen, was eines Tages aus dieser Gruppe entstehen könnte: eine Terrorbande, die jahrelang mordete, ohne Verdacht zu erregen. Die Täter besassen keinerlei Organisation, es gab keinen richtigen Plan und wohl auch keine Geldquellen. 1999 begingen sie den ersten Banküberfall. 13 weitere folgten, um die Kasse zu füllen.

In den Untergrund

Ihr Krieg war eine Tatsache, aber die Erklärung folgt erst jetzt, mehr als zehn Jahre, nachdem das erste Opfer gestorben ist. In der Geschichte des Terrors hat es viele Geisterarmeen gegeben, aber eine Verbrecherbande wie den «Nationalsozialistischen Untergrund», die alle Welt im Unklaren lässt über ihre Urheberschaft und Ziele, das ist neu. Die letzte Generation der Roten-Armee-Fraktion ging absolut konspirativ ans Werk; um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, versiegelten die Mitglieder ihre Handflächen mit Wundspray. Trotzdem sollte jeder sofort erfahren, dass es die RAF war, die Tod und Schrecken verbreitete. Die Terroristen verschickten Bekennerschreiben mit der Sorgfalt deutscher Notare. Sie verwendeten Briefmarken, die Frauenmotive zeigten; bei den fiktiven Absenderangaben hatte die Tarnadresse mit Bäumen zu tun. Als Stempel benutzten sie den roten fünfzackigen Stern. Wie von Sinnen schrieb die RAF seitenlange Strategiepapiere in Kleinschreibung und schlechtem Deutsch. In der Schlusserklärung von 1998 tauchen Begriffe wie «Sinnleere» auf. Im Jahr, als die RAF ihr Morden auch offiziell beendete, tauchte das rechte Trio von Jena in den Untergrund ab.

Dort blieb es bis letzte Woche. Amüsierte es sie zu beobachten, wie ahnungslos die Ermittler blieben? Wünschten sie sich keinen grösseren Lohn, jenen etwa, dass Ausländer überall vor der neuen rechten Bedrohung zittern müssten? Stritten sie darüber, ob sie mehr Öffentlichkeit brauchten, um weitere Gefolgsleute und Komplizen zu rekrutieren? Anders als der norwegische Rechtsterrorist Breivik, der am Tag des Massenmords gleich die 1000-seitige Erklärung hinterherschickte, verzichtete der NSU auf den schnellen Lohn der Berühmtheit.

Taten statt Worte

Für Kriminalitätsbekämpfer ist das Verhältnis von Aufwand und Ertrag in kaum einem Bereich so ungünstig wie in der Sparte Terrorismus. Manchmal müssen sich die Fahnder verhöhnen lassen. «Sie wissen nicht viel über uns», spotteten RAF-Terroristen einst. «Sie haben nie wirklich durchgeblickt.» Das war bitter für die Ermittler, die seit 1985 keinen der RAF-Anschläge mit insgesamt sechs Toten aufklären konnten.

Aber viel bitterer ist es heute, gar nicht gewusst zu haben, dass eine rechte Terrorbande existierte und mordend durchs Land zog. Die Blutspur war lang, das Wissen der Staatsschützer gleich null. Strafverfolger dürfen irren, Fahnder können die Spur im Labyrinth verlieren, aber zumindest sollten sie wissen, dass es ein Labyrinth gibt. Von der NSU erfuhren die Staatsschützer jedoch erst, nachdem sich die Mörder das Leben genommen hatten.

Ihre Motive sind, anders als ihr Vorgehen, sehr vertraut. «Der ‹Nationalsozialistische Untergrund› ist ein Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz: Taten statt Worte. Solange sich keine grundlegenden Änderungen in der Politik, Presse und Meinungsfreiheit vollziehen, werden die Aktivitäten weitergeführt», heisst es in dem Film, der unterlegt ist mit der Panther-Melodie von Henry Mancini. Wie schon bei Breivik stellt sich die Frage, ob die drei noch bei Trost waren. Der Norweger schien an den Erfolg seiner Mission wirklich zu glauben. Die drei aus Deutschlands Osten waren davon womöglich weniger überzeugt. «Mit dem Paul ist Schluss für heut», heisst es im Panther-Cartoon. Mit der rechten Zelle auch. Und morgen?

Erstellt: 16.11.2011, 10:37 Uhr

Bildstrecke

Die Terrorgruppe von Zwickau

Die Terrorgruppe von Zwickau Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) wollte nach Auffassung des Bundesgerichtshofs Mitbürger ausländischer Herkunft töten.

Das Bekennervideo

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