«Kohl ist mehr als der zornige alte Mann aus Oggersheim»

Die umstrittenen «Kohl-Protokolle» sind trotz juristischer Drohungen des Ex-Kanzlers im Handel. Korrespondent David Nauer berichtet über die Buchpräsentation in Berlin.

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Die «Kohl-Protokolle» haben schon vor der Präsentation für Aufsehen gesorgt. Der «Spiegel» veröffentlichte despektierliche Aussagen des Ex-Kanzlers über politische Weggefährten. Welches Kohl-Bild vermittelt das Buch?
Der Publizist Heribert Schwan und sein Co-Autor Tilman Jens liefern ein vielschichtiges Bild von Helmut Kohl. Die Zitate, die der «Spiegel» veröffentlichte, sind zwar charakteristisch für das Kohl-Bild. Der Alt-Kanzler ist aber deutlich mehr als der zornige alte Mann aus Oggersheim. Das Buch schildert Kohl als Politiker, der scharfe Analysen machte und harte Urteile über Weggefährten fällte, aber auch als Mann mit Mitgefühl, der sich beispielsweise in jungen Jahren für Strafgefangene engagierte. An der Buchpräsentation sprach Schwan mit grossem Respekt über Kohl.

Wie sind Kohls herablassenden Äusserungen über Parteifreunde wie Richard von Weizsäcker, Norbert Blüm oder Angela Merkel zu deuten?
Diese Aussagen sind der Zeit geschuldet, in der sie gemacht wurden. Die Gespräche zwischen Schwan und Kohl fanden 2001 und 2002 statt. Bei der Parteispendenaffäre hatte sich Kohl von seinen Parteikollegen hintergangen und verraten gefühlt. Angela Merkel, damals Generalsekretärin der CDU, veröffentlichte in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» einen Beitrag, in dem sie Kohl parteischädigendes Verhalten vorwarf und sich von ihm distanzierte. In die Zeit der Gespräche mit Schwan fiel auch der Selbstmord von Kohls erster Frau, Hannelore. Diese Tragödie hat Kohl schwer getroffen, aber nicht gebrochen. Kurze Zeit später führte er die Gespräche mit Schwan weiter.

Das Kohl-Buch ist juristisch umstritten, weil es auf vertraulichen Tonbandaufnahmen beruht, deren Veröffentlichung gemäss einem Gerichtsurteil nicht zulässig ist. Wie hat sich Schwan verteidigt?
Schwan sagte, das Gericht habe nur über das Eigentum der Tonbänder entschieden, nicht aber die Nutzung der Inhalte untersagt. Weil Kohl eine wichtige Person der Zeitgeschichte sei, seien seine Aussagen von hohem öffentlichem Interesse. Zudem sagte Schwan, dass er nie ein Schweigegelübde gegenüber Kohl habe ablegen müssen. Kohl sei sich im Klaren gewesen, dass er mit einem Journalisten gesprochen habe, der die Tonbandaufnahmen zu einem späteren Zeitpunkt publizistisch verwerten würde. Kohl würde ihm heute gratulieren, wenn er denn die Chance hätte, ihn persönlich zu treffen. «Kohl würde mir auf die Schultern klopfen und sagen: ‹Gut gemacht, Volksschriftsteller›», meinte Schwan.

Beim Streit um die «Kohl-Protokolle» geht es nicht zuletzt um die Deutungshoheit über das Wirken des Wiedervereinigungskanzlers. Schwan war viele Jahre eine Vertrauensperson von Kohl. Welche Rolle will er bei der Verwaltung des kohlschen Erbes spielen?
Schwan inszeniert sich als möglichen Sachwalter des politischen Erbes von Kohl. Dabei gibt es aber einen Konflikt mit der jetzigen Frau des Ex-Kanzlers, Maike Richter-Kohl, die selber über das Erbe ihres Mannes entscheiden möchte. Schwan sagte an der Buchpräsentation, dass er von Kohls Ehefrau praktisch vor die Tür gestellt worden sei. Er sieht sich als Opfer von Maike Richter-Kohl. In Deutschland laufen auch Diskussionen, ob eine bundeseigene Kohl-Stiftung gegründet werden soll. Oder ob der Kohl-Nachlass der Konrad-Adenauer-Stiftung angegliedert werden soll.

Wie werden die «Kohl-Protokolle» von der Öffentlichkeit aufgenommen? Und haben Politiker, die von Kohl verunglimpft wurden, reagiert?
Die angegriffenen Politiker äussern sich nicht zu den Kohl-Zitaten. Die Reaktionen in der Öffentlichkeit sind zurückhaltend. Aus Respekt vor den historischen Leistungen Kohls, aber auch, weil er inzwischen ein sehr kranker Mann ist, der sich selber nicht mehr wehren kann. Viele Menschen in Deutschland empfinden das Gezänk um das Erbe von Kohl als unwürdiges Schauspiel.

Heribert Schwan, Tilman Jens: Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle. 256 Seiten. Oktober 2014. Heyne-Verlag, München.

Erstellt: 07.10.2014, 15:52 Uhr

David Nauer ist Deutschland-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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