Kohls Trauerfeier gerät zur Beschwörung Europas

Jean-Claude Juncker erinnert am Trauerakt an Helmut Kohls einzigen Weinkrampf, Emmanuel Macron ist zuständig für die grosse Geste.

Deutsche Soldaten tragen den Sarg von Altkanzler Helmut Kohl.

Deutsche Soldaten tragen den Sarg von Altkanzler Helmut Kohl. Bild: Keystone

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Vielleicht ist dies eine Geschichte, die einige schon oft gehört haben; vielleicht aber auch hören alle sie nun zum ersten Mal, in diesem Moment. Jean-Claude Juncker sagt, er sei wahrscheinlich der einzige hier im Saal, der Helmut Kohl in einer Sitzung habe weinen sehen. Juncker legt Wert darauf, nicht als Präsident der EU-Kommission zu sprechen, sondern als ein Freund, der Kommissionspräsident geworden ist. Er berichtet vom 13. Dezember 1997, die Staats-und Regierungschefs der EU hatten gerade beschlossen, die Gemeinschaft um die jungen Demokratien im Osten zu erweitern. Am Ende des Mittagessens, erzählt Juncker, habe Kohl ums Wort gebeten. «Sonst bat er nie ums Wort, er nahm es sich einfach.» Kohl habe gesagt, dies sei einer der schönsten Momente seines Lebens: Europa vereint zu sehen, nach all dem Leid, das Deutschland über Europa und die Welt gebracht habe. «Dann wurde er still», sagt Juncker. «Und er hat minutenlang geweint.»

Acht Reden werden im Plenarsaal des Europäischen Parlaments auf Helmut Kohl gehalten an diesem Samstagvormittag. Die «Europäische Ehrenzeremonie», wie sie offiziell heisst, ist zweierlei: eben eine Ehrung des Kanzlers der deutschen Einheit und des Ehrenbürgers Europas, darüber hinaus jedoch auch eine Selbstvergewisserung, ja eine Beschwörung dieses Europas.

Historischer Moment: Merkel nimmt Abschied von Kohl. (Video: Tamedia/AFP)

Macrons Wangenküsse

So viele Symbole, so viele Zeichen, an diesem Vormittag in Strassburg. Emmanuel Macron, der neue, 39-jährige Präsident Frankreichs, hält eine Rede aus der Perspektive seiner Generation; Macron war fünf, als Kohl im Jahr 1982 zum Bundeskanzler gewählt wurde. Er hat sich erzählen lassen, von einem Berater Mitterrands, wie Kohl ein Freund der Franzosen wurde, er wählt Begriffe wie Vertrauen und «actes de courage», aber das stärkste Symbol spart er sich auf für den Moment, an dem er zurückkehrt an seinen Platz.

«Ich möchte mit Angela Merkel diesem Projekt» - der Europäischen Union - «wieder Sinn und Dichte verleihen.»Emmanuel Macron

Er könnte sich nun einfach hinsetzen, so wie es alle Redner vor ihm getan haben. Er aber reicht Angela Merkel zuerst die Hand, es folgen zwei Wangenküsse, demonstrativ, in diesem Moment. «Ich möchte mit Angela Merkel diesem Projekt» – der Europäischen Union – «wieder Sinn und Dichte verleihen», hatte er zuvor gesagt. Dies ist sozusagen die Geste dazu.

Felipe Gonzalez, Bill Clinton und Dimitri Medwedew sind weitere Redner; diese drei sprechen auf ausdrückliche Bitte von Kohls Witwe Maike Kohl-Richter. Viktor Orbán, der ungarische Ministerpräsident, war ihr ausgeredet worden; der Mann muss vorlieb nehmen mit Worten in der Stille: Wie alle Staats- und Regierungschefs wird er vor der Trauerfeier in den Raum im ersten Stock geführt, in dem Kohls Sarg aufgebahrt war. Die meisten betreten den Raum, verneigen sich und gehen wieder; einige, wie die früheren Bundespräsidenten Gauck und Köhler, werden anschliessend in den Nachbarraum gebeten, um der Witwe kondolieren zu dürfen. Orbán jedoch verneigt sich nicht nur, nein, er spricht, wie er vor dem Sarg steht; er verabschiedet sich mit Worten von dem Freund. Clinton wählt auch eine besondere Geste, er legt die linke Hand auf den Sarg, und bei ihm steht Maike Kohl-Richter daneben, als er sich verabschiedet.

Die Telefonate von Gonzalez

Die Reden bei der Trauerfeier also. Gonzalez, ein Sozialist, war spanischer Ministerpräsident zur selben Zeit und fast genau so lange wie Kohl, von 1982 bis 1996. Dass Kohl nichts vergass, im Schlechten wie im Guten, wurde in den vergangenen Wochen oft beschrieben – im Fall von Gonzalez vergass Kohl nicht, dass dieser Kollege aus Madrid im Herbst 1989 der einzige europäische Regierungschef war, der sofort für die deutsche Einheit war; noch in der Nacht des 9. November hatte er sowohl Kohl als auch Willy Brandt angerufen.

Bill Clinton, der Amerikaner, ist für zweierlei zuständig: fürs Entertainment und für die kühle Geste. Im Entertainment-Teil berichtet er davon, wie Helmut Kohl ihm einst auftrug, Dinge zu essen, «die ich niemals essen wollte», wie er ihn einst in Washington in sein (also Kohls) Lieblingsrestaurant schleppte: «in der Hauptstadt meines eigenen Landes», wie Clinton in gespielter Empörung ausruft. «Ich liebte diesen Kerl» sagt er, und auf Englisch hört es sich noch warmherziger an: «I loved this guy.»

Aber Clinton kann auch anders, sehr anders: Vor der Feier und danach steht er mit diesem und mit jenem beisammen, reicht hier die Hand und umarmt dort. Ein Gast allerdings bekommt nur ein Kopfnicken von ihm, mehr nicht: Dimitri Medwedew, der Ministerpräsident Russlands.

Das Trennende in Medwedews Rede

Am Ende tragen Offiziere des Wachbataillons der Bundeswehr den Sarg hinaus Medwedew ist 51, er wurde Politiker, als Kohl schon lange nicht mehr Kanzler war. Aber dem war es offenbar wichtig, dass Russland bei seinem Abschied vertreten ist, nicht durch einen ehemaligen Amtsinhaber, sondern durch einen gegenwärtigen. Medwedew betont an diesem Tag direkt das Gemeinsame und indirekt das Trennende. Das Gemeinsame: «Helmut Kohl hat viel dafür getan, dass unsere Beziehungen zu den besten in unserer Geschichte wurden.»

«Durch unsere heutigen Gegensätze haben wir uns leider sehr weit davon entfernt, in einem gemeinsamen Haus Europa zu leben.»Dimitri Medwedew

Das Trennende: «Durch unsere heutigen Gegensätze haben wir uns leider sehr weit davon entfernt, in einem gemeinsamen Haus Europa zu leben. Aber ein gemeinsames, sicheres Europa ist unser Ziel.» Die Hauskamera des Europäischen Parlaments schwenkt in dem Augenblick auf Petro Poroschenko, den Präsidenten der Ukraine. Sein Blick? Sagen wirs so: Der von Clinton war freundlicher.

Das europäische Deutschland manifestiert sich an diesem Tag, indem im Plenarsaal des Europäischen Parlaments, in einer französischen Stadt, deutsche Komponisten gespielt werden: Händel, Schubert und Beethoven. Am Ende tragen Offiziere des Wachbataillons der deutschen Bundeswehr den Sarg hinaus, zu den Klängen des zweiten Satzes aus Beethovens Siebter. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 01.07.2017, 18:16 Uhr

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