Kohls späte Rache

Auf seinen Wunsch hin wird des Ex-Kanzlers einzig mit einem europäischen Staatsakt gedacht. Helmut Kohl und seine Witwe brüskieren damit Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier.

Ehrerweisung an einen grossen Staatsmann: Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schreibt – im Beisein von Kanzlerin Angela Merkel – ins Kondolenzbuch für Helmut Kohl.

Ehrerweisung an einen grossen Staatsmann: Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schreibt – im Beisein von Kanzlerin Angela Merkel – ins Kondolenzbuch für Helmut Kohl. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn der vor fünf Tagen verstorbene ehemalige Kanzler Helmut Kohl am 1. Juli zu Grabe getragen wird, wird es gleich drei Premieren geben. Das erste Mal findet dafür ein europäischer Trauerakt statt. Zum ersten Mal wird ein ehemaliger Kanzler nicht mit einem deutschen Staatsakt geehrt. Und beide Neuigkeiten erfahren die Bürger nicht durch den Bundespräsidenten, sondern durch die Boulevardzeitung «Bild», deren ehemaliger Herausgeber Kai Diekmann einer von Kohls engsten Freunden war. Protokollarisch handelt es sich um drei Revolutionen.

Da die Europäische Union kein Staat ist, kann sie auch keinen «Staatsakt» veranstalten – die Trauerfeierlichkeiten für Kohl heissen deswegen «Trauerakt». Offenbar war es Kohls Witwe Maike Kohl-Richter, die in Erfahrung bringen liess, ob eine postume Ehrung im europäischen Rahmen möglich wäre. Kohls politischer Ziehsohn und langjähriger Freund Jean-Claude Juncker, derzeit Präsident der EU-Kommission, nahm die Anregung bereitwillig auf.

Bill Clinton ist einer der Trauerredner

Nach Kohls Wunsch wird die Trauerfeier nun im Europäischen Parlament von Strassburg abgehalten, der Stadt, die in der Geschichte zwischen Franzosen und Deutschen am stärksten umstritten war. Auf dem Sarg wird eine europäische Flagge liegen, als Redner sind Juncker, EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani, EU-Ratspräsident Donald Tusk, der französische Präsident Emmanuel Macron, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sowie der ehemalige US-Präsident Bill Clinton vorgesehen.

Nach dem Trauerakt soll Kohls Leichnam auf dem Rhein per Schiff nach Speyer übergeführt werden – wie 1967 der tote Konrad Adenauer von Köln nach Rhöndorf bei Bonn. Im dortigen Dom, Kohls Hauskirche, wird eine öffentlich zugängliche Totenmesse stattfinden. Danach wird die Leiche mit militärischen Ehren verabschiedet und auf dem Friedhof des Domkapitels beigesetzt. Kohl wird also nicht im Familiengrab in Ludwigshafen an der Seite seiner ersten Frau Hannelore liegen.

Es steht ausser Frage, dass Kohl ein grosser Europäer war – zusammen mit Jean Monnet und Jacques Delors ist er einer von nur drei Ehrenbürgern Europas. Nicht nur in Deutschland wurde die europäische Gedenkfeier denn auch weithin als starkes Symbol für die Einigung des Kontinents begrüsst.

Erst in den letzten zwei Tagen zeigte sich, dass Kohl und dessen Witwe mit dieser Anordnung noch ganz andere Absichten verfolgten. Staatsakte obliegen in Deutschland dem Bundespräsidenten, derzeit heisst dieser Frank-Walter Steinmeier. Seit dieser als Kanzleramtsminister unter Gerhard Schröder gegen Kohl wegen angeblicher Aktenvernichtung ermitteln liess, betrachtete Kohl ihn als Feind. Durch die Verweigerung eines deutschen Staatsakts kann Kohl postum verhindern, dass Steinmeier diesen in die Hand bekommt.

Kohl-Freund Viktor Orban sollte Rede halten

Auch für Merkel, die er einst gefördert und die ihn später gestürzt hatte, dachten sich Kohl und seine zweite Frau eine Boshaftigkeit aus. Nach Informationen des «Spiegels» sollte in Strassburg kein Deutscher reden dürfen, auch nicht die Kanzlerin. Dafür habe man eine Rede von Viktor Orban vorgeschlagen, dem ungarischen Präsidenten und Kohl-Freund, der in der Flüchtlingskrise Merkels ärgster politischer Gegenspieler war. Die Witwe habe erst von diesem Plan abgesehen, nachdem ihr Vertraute – unter ihnen wohl Kai Diekmann, ein politischer Anhänger Merkels – klargemacht hätten, dass dies zu einem Eklat führen würde.

Dass Kohl nicht einmal nach seinem Tod fähig gewesen sei, über seine Feinde hinauszuwachsen, sei nachgerade tragisch, kommentierte die «Süddeutsche Zeitung». Aber so sei Kohl gewesen: «überschwänglich in der Freundschaft, unmässig in seiner Feindschaft.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2017, 17:04 Uhr

Artikel zum Thema

Der Kanzler, der Geschichte schrieb

Video Er wurde verspottet und unterschätzt. Doch Helmut Kohl, der am Freitag 87-jährig gestorben ist, erreichte meist seine Ziele. In Erinnerung bleibt er als Kanzler der Einheit und Wegbereiter Europas. Mehr...

«Er hat die Schweiz geliebt»

Roger de Weck und Pascal Couchepin erinnern sich an Kohl, der als erster Kanzler die Schweiz besuchte. Mehr...

«Ein wahrer Freund der Freiheit»

Von Angela Merkel bis Donald Trump: Helmut Kohl wird in Deutschland, Europa und der Welt als grosser Staatsmann des 20. Jahrhunderts gewürdigt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Zucker reduzieren und geniessen

Früher heiss begehrt, später vom Light-Trend verstossen, heute wieder bewusst verzehrt – das Image von Zucker hat sich in den vergangenen 100 Jahren immer wieder drastisch verändert.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Es herbstelt: Sonnenaufgang im Morgennebel bei Müllrose, Ostdeutschland (19. September 2017).
(Bild: Patrick Pleu) Mehr...